Die Georgienfrage: Lenins letzter Kampf gegen den großrussischen Chauvinismus | Leftcom

Die Georgienfrage: Lenins letzter Kampf gegen den großrussischen Chauvinismus

Als die russischen Truppen in Gori einmarschierten, sahen sie sich einem alten Bekannten gegenüber - der Statue von Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, alias Stalin, die immer noch in seiner Geburtstadt steht. Stalin wäre wohl von der eisernen Reaktion mit der das Putin-Medjewew-Regime dem georgischen Angriff auf Südossetien begegnete begeistert gewesen. Trotz seiner georgischen Wurzeln war Stalin einer der größten Unterdrücker nationaler Minderheiten und mit besonderer Rücksichtslosigkeit der georgischen Minderheit.

Lenin, Luxemburg und die nationale Frage

Es ist allgemein bekannt, dass Lenin die Gefahr, die von Stalin ausging, erkannte und versuchte erste Schritte gegen ihn in die Wege zu leiten. Die wenigsten wissen aber, dass es gerade die Frage Georgiens bzw. des Kaukasus war, an der er den wirklichen politischen Charakter Stalins erkannte. Lenins Haltung zum Nationalismus war sehr komplex. Er war sich der Tatsache bewusst, dass das zaristische Reich auf der Eroberung und Unterdrückung hunderter Minderheiten beruhte. Der großrussische Chauvinismus war ihm von daher verhasst. So gesehen betrachtete er die nationale Frage auch von einem ganz anderen Blickwinkel als Rosa Luxemburg. Als Polin und Jüdin gehörte Rosa Luxemburg zwei unterdrückten Minderheiten des russischen Reiches an. Während Lenin die nationale Frage vorrangig als ein politisches Problem anging, hatte sie verstanden, dass im fortgeschrittenen Kapitalismus die Unterstützung nationaler Befreiungskämpfe durch Marxisten hoffnungslos antiquiert sei. (...)

In ihren Untersuchungen über die polnische Bourgeoisie um 1890 stellte sie heraus, dass diese immer durch „goldene Ketten“ an einen Imperialismus gefesselt sein würde. Lenin verband die nationale Frage nicht in erster Linie mit der Frage des Imperialismus. Er betrachtete sie als einen wichtigen Faktor, der bei der Behandlung politischer Fragen in Betracht gezogen werden sollte. Für unsere Strömung steht es außer Frage, dass Lenin hier falsch lag. Besonders wurde diese Schwäche in seinem Werk „Der Imperialismus die höchste Stufe des Kapitalismus“ deutlich, wo er auf den Sturz des Kapitalismus durch den Kampf der unterdrückten Völker gegen den Imperialismus vertraute. Die Dekolonisierung nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte, dass der Imperialismus durchaus vom Zugestehen „nationaler Unabhängigkeit“ profitieren konnte. Der Neokolonialismus war bei weitem profitabler als fortwährende militärische Besatzung. Der Rückzug der alten Kolonialmächte bewirkte keineswegs die Krise des Systems auf die Lenin gehofft hatte. Als die Isolierung der russischen Arbeiterklasse vom Proletariat der restlichen Welt in den 20er-Jahren immer deutlicher wurde, sollte dieser Fehler in der nationalen Frage schwerwiegende Konsequenzen für viele Arbeiter weltweit haben. Das Unvermögen der europäischen Arbeiterklasse, der russischen Revolution zur Hilfe zu kommen, führte die Kommunistische Internationale fälschlicherweise dazu Bündnisse mit nationalen sog. „antikolonialen“ Bourgeoisien in China oder der Türkei zu propagieren. In beiden Fällen warteten die „verbündeten“ Bourgeoisen nur auf den rechten Zeitpunkt, um Massaker an der Arbeiterklasse durchzuführen.

Großrussischer Nationalismus

Auf dem Gebiet des ehemaligen zaristischen Reiches stellten sich die grundlegenden Fragen einer neuen Gesellschaftsform allerdings ein wenig anders. Lenin war davon überzeugt, dass eine zukünftige Union proletarischer Staaten nur auf einer freiwilligen Basis entstehen könnte. Nicht zuletzt deshalb proklamierte die erste Deklaration der Sowjetmacht das nationale Selbstbestimmungsrecht eines jeden Territoriums bis hin zum „Recht auf Abtrennung“. Rosa Luxemburg geißelte diese Politik als die faktische Erlaubnis an jede nationale Bourgeoisie mit Hilfe des deutschen Imperialismus der Arbeiterklasse Gebiete zu entreißen, was in Finnland und der Ukraine auch faktisch geschah:

Während Lenin und Genossen offenbar erwarten, dass sie als Verfechter der nationalen Freiheit, und zwar `bis zur staatlichen Absonderung, Finnland, die Ukraine, Polen; Litauen, die Balkanländer die Kaukasier usw. zu ebenso vielen treuen Verbündeten der russischen Revolution machen würden, erlebten wir das umgekehrte Schauspiel: eine nach der anderen von diesen „Nationen“ benutzte die frisch geschenkte Freiheit dazu, sich zur Todfeindin der russischen Revolution gegen sie mit dem deutschen Imperialismus zu verbünden und unter seinem Schutze die Fahne der Konterrevolution nach Russland selbst zu tragen. (...) Das Verhalten Finnlands, Polens, der Baltenländer, der Nationen des Kaukasus zeigt überzeugendster Weise, dass wir es hier nicht etwa mit einer zufälligen Ausnahme, sondern mit einer typischen Erscheinung zu tun haben. Freilich es sind in all diesen Fällen in Wirklichkeit nicht die „Nationen“, die jene reaktionäre Politik tätigen, sondern nur die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Klassen, die im schärfsten Gegensatz zu den eigenen proletarischen Massen das nationale `Selbstbestimmungsrecht` zu einem Werkzeug ihrer konterrevolutionären Klassenpolitik verkehrten. Aber - damit kommen wir gerade zum Knotenpunkt der Frage - darin liegt eben der utopisch-kleinbürgerliche Charakter dieser nationalistischen Phrase, dass sie in der rauen Wirklichkeit der Klassengesellschaft, zumal in der Zeit aufs äußerst verschärfter Gegensätze, sich einfach in ein Mittel der bürgerlichen Klassenherrschaft verwandelt. Die Bolschewiki sollten zu ihrem und der Revolution größten Schaden darüber belehrt werden, dass es eben unter der Herrschaft des Kapitalismus keine Selbstbestimmung der Nation gibt, dass sich in einer Klassengesellschaft jede Klasse der Nation anders „selbstzubestimmen“ strebt und dass für die bürgerlichen Klassen der Gesichtspunkt der nationalen Freiheit hinter denen der Klassenherrschaft völlig zurücktreten. (1)

Auch wenn sie damit zweifelsohne Recht hatte, muss berücksichtigt werden, dass die Bolschewiki angesichts der Kräfteverhältnisse nicht in der Lage waren der Arbeiterklasse in den besagten Ländern zur Hilfe zu kommen. Erst mit dem Zusammenbruch des deutschen Imperialismus konnten sie im Zuge des Bürgerkrieges bspw. in der Ukraine Fuß fassen. 1920 warnte Lenin auf dem 9. Parteikongress: „Kratz an einem Kommunisten und Du wirst einen großrussischen Chauvinisten vor Dir haben.“ In Anbetracht der Tatsache, dass 70 % der Mitglieder der Kommunistischen Partei russischen Ursprungs waren, war Lenin über die Gefahren des Chauvinismus tief besorgt. Allerdings sollte sich bald herausstellen, dass die größten russischen Chauvinisten den nationalen Minderheiten des ehemaligen zaristischen Reiches entstammten. Besonders tat sich hier der Georgier Stalin hervor, der aufgrund seiner Herkunft nach der Oktoberrevolution Volkskommissar für nationale Fragen wurde. Nach der Oktoberrevolution bestätigte sich die Theorie Rosa Luxemburgs und viele Grenzgebiete des zaristischen Reiches fielen unter die Kontrolle rivalisierender imperialistischer Mächte. Im Kaukasus erklärten sich die Republiken Aserbaidschan, Armenien und Georgien für unabhängig, blieben jedoch zu einem großen Maße von der Unterstützung imperialistischer Mächte abhängig. Zunächst erhielten sie Unterstützung durch den deutschen und türkischen später jedoch durch den britischen Imperialismus. Der britische Imperialismus, der die Weißen Truppen (um General Koltschak und Denikin) im Bürgerkrieg unterstützte, hielt sich aus Rücksicht auf den großrussischen Chauvinismus der ehemaligen zaristischen Offiziere, die ein großrussischen Reich errichten wollten, mit der Annerkennung der besagten Republiken zurück. Als sich die Weißen jedoch im Januar 1920 auf allen Fronten im Rückzug befanden, erkannte die britische Regierung die Kaukasusrepubliken formell an. Gleichzeitig zogen sich die Briten jedoch aus dem Kaukasus zurück und ließen Ihre neuen Verbündeten im Stich.

Dies führte unverzüglich zu einem kommunistischen Aufstand in Baku, der die von den Briten unterstützte bürgerliche Regierung Aserbaidschans stürzte. Am 7. Mai 1920 unterzeichnete die von Menschewisten geführte georgische Regierung einen Vertrag, der die neue Sozialistische Sowjetrepublik Aserbaidschan anerkannte. Im Gegenzug erfolgte die Anerkennung der georgischen Unabhängigkeit durch Sowjetrussland. In Artikel I dieses Friedensvertrages hieß es:

Auf der Grundlage, dass allen Völkern das Recht auf freie Selbstbestimmung bis zur völligen Trennung von dem Staate, dem sie angehören, zusteht - das erstmals durch die RSFSR verkündet wurde - erkennt Russland uneingeschränkt die Unabhängigkeit und Autonomie des georgischen Staates an und verzichtet freiwillig auf sämtliche Souveränitätsrechte, soweit sie das georgische Volk und Land betreffen, die Russland zustanden. (2)

Dieser Vertrag ähnelte denen, die Sowjetrussland mit den baltischen Staaten ausgehandelt hatten, die bis zum Hitler-Stalin-Pakt 1939 unabhängig blieben. Am 4. Mai forderte Lenin den georgischen KP-Führer Ordshonikidse auf, die Truppen der Roten Armee aus dem Grenzgebiet zu Georgien abzuziehen. Dieses Telegramm wurde selbst von Stalin gegengezeichnet. Allerdings unternahm die georgische Regierung - (eine bemerkenswerte Parallele zu den heutigen Ereignissen) eine Reihe von Provokationen. Zunächst wurde die Kommunistische Partei Georgiens legalisiert, dann aber die gesamte Führung und viele ihrer Mitglieder inhaftiert. Im September wurde eine Delegation prominenter Sozialdemokraten aus Westeuropa nach Georgien eingeladen, um sie mit Material für antibolschewistische Propaganda auszustatten. (3) Gleichzeitig wurden im Dezember 1920 Versuche unternommen, dem Völkerbund beizutreten, um westliche Mächte in die Verteidigung Georgiens einzubinden.

Ordshonikidses Invasion

Von diesem Punkt an verschlechterten sich die Beziehungen beider Staaten zusehends. Die Russen warfen der georgischen Regierung vor, die Osseten zu unterdrücken und ganze Dörfer in Abchasien niederzubrennen. Dies waren also faktisch dieselben Vorwürfe, die heute das Putin-Medjewew-Regime erhebt. Ordshonikidse nahm einen bewaffneten Grenzkonflikt zwischen armenischen und georgischen Truppen zum Vorwand, um am 21. Februar mit der Roten Armee in Georgien einzumarschieren. Tiflis wurde innerhalb von vier Tagen erobert und eine georgische Sowjetrepublik ausgerufen. Die Russische Kommunistische Partei und der Kommandeur der Roten Armee, Trotzki, erfuhren davon erst hinterher und wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Innerhalb weniger Monate erhielten Ossetien und Abchasien den Status autonomer Republiken oder Regionen auf dem Territorium der georgischen Sowjetrepublik. Der Zusammenbruch der UdSSR 1991 brachte diese Fragen wieder auf die Tagesordnung. Allerdings muss betont werden (und dies haben wir in anderen Texten zu diesem Thema bereits aufgezeigt), dass der eigentliche casus belli weniger die nationale Frage als vielmehr divergierende imperialistische Interessen sind, die den Konflikt zu einem internationalen Krisenherd machen.

Zurück ins Jahr 1921: Lenin war über diese Ereignisse alles andere als glücklich. Am 3. März 1921 schrieb er einen Brief an den georgischen KP-Führer (und Gefolgsmann Stalins) Ordshonikdse, indem er sich für eine Politik der Konzessionen gegenüber der georgischen Intelligenz und der Kleinhändler aussprach und selbst eine Koalition mit Jordiana oder anderen georgischen Menschewiki für möglich hielt. Wörtlich hieß es in diesem Brief:

Ich bitte, daran zu denken, dass sowohl die inneren als auch die außenpolitischen Verhältnisse Georgiens von den georgischen Kommunisten nicht die Anwendung der russischen Schablone erfordern, sondern die geschickte und geschmeidige Herausbildung einer eigenartigen Taktik, die sich auf größere Zugeständnisse an alle möglichen kleinbürgerlichen Elemente gründet. (4)

Den georgischen Menschewiki war es erlaubt legal zu arbeiten, allerdings kam es zu keinem Bündnis oder gar einer Koalition. Dies war auch nicht überraschend, da sich sowohl Stalin als Ordshonikidse heftigen Anklagen ausgesetzt sahen. Besonders in der georgischen KP wurde heftige Kritik gegen sie laut.

RSFSR oder UdSSR

Mit dem Sieg der Roten Armee in Georgien war der Bürgerkrieg faktisch vorüber. Die Kommunistische Partei wandte sich nun den Fragen der verfassungsmäßigen Grundlagen der Sowjetrepublik zu. Im August 1922 legte Stalin eine Resolution vor, die darauf abzielte die unabhängigen Sowjetrepubliken ( Ukraine, Belorussland, Aserbaidschan, Armenien und Georgien) faktisch in die „Russische Sozialistische Föderation der Sowjetrepubliken“ zu absorbieren:

Die Volkkommissariate für Finanzen und Ernährungswesen, Arbeit und Volkswirtschaft der Republiken unterstehen formell den Direktiven der entsprechenden Volkskommissariate der RSSR. (...) Die Organe zum Kampf gegen die Konterrevolution in den oben genannten Republiken unterstehen den Direktiven der Staatlichen Politischen Verwaltung der RSFSR (GPU). (5)

Die GPU war der Nachfolger der Geheimpolizei Tscheka. Faktisch lief diese Resolution darauf hinaus, dass die sog. „unabhängigen Republiken“ von in alter zaristischer Manier von Moskau aus regiert werden sollten.(...) Lenin lehnte dieses ab und schlug am 27. September 1922 die Gründung eines neuen Staatenbundes, eine „Union Sozialistischer Sowjetrepubliken“ vor, der auf gleichberechtigter und freiwilliger Basis fundieren sollte. Das Problem war damit jedoch längst nicht gelöst, da der kranke Lenin physisch nur sporadisch intervenieren konnte. Zudem hielt ihm Stalin, der die Kommunikation mit dem Zentralkomitee kontrollierte, wichtige Dokumente und Materialien vor.

Stalin, der mit seinem Versuch die Unabhängigkeit der Sowjetrepubliken zu beschneiden, vorerst gescheitert war, unternahm einen neuen Anlauf und schlug vor, dass Armenien, Georgien, Aserbaidschan in einer Transkaukasischen Republik zusammengeschlossen werden sollten. Dies wurde von der Führung der georgischen Kommunistischen Partei entschieden abgelehnt. Am 22. Oktober 1922 reichte das gesamte Zentralkomitee geschlossen seinen Rücktritt ein. Das war genau das, was Orshonikides wollte, der sofort daran ging ein neues ZK aus ihm ergebenen Mitgliedern zusammenzustellen. Dennoch setzten die Mitglieder des alten ZK die Debatte fort. Am 22. November verlor Ordshonikidse die Nerven und griff einen Opponenten körperlich in seiner Wohnung an. Zur Untersuchung dieses Vorfalls wurde eine Kommission unter Vorsitz Dzerzyinksis eingesetzt. Allerdings teilte Dzerzyinski (der gebürtiger Pole war) die großrussischen Perspektiven Stalins und wusch Ordhonikdses Verhalten rein. Hätten ältere georgische Kommunisten nicht privat mit Lenin Kontakt aufgenommen, hätte er von all dem wahrscheinlich nie erfahren. In einer kurzen Erholungsphase in den letzten Tagen des Dezembers 1922 als das Zentralkomitee über den Vorschlag einer neuen Föderation der Sowjetrepubliken beriet, diktierte Lenin einen Text mit dem Titel „ Zur Frage der Nationalitäten oder Autonomisierung“, in dem er mit Stalin, Ordshonikidse und Dzierzynski scharf ins Gericht ging: „Aufgrund dessen, was Genosse Dzierzynski berichtete, der die Kommission leitete, die vom Zentralkomitee mit der Untersuchung des georgischen Zwischenfalls betraut worden ist, konnte ich nur die größten Befürchtungen hegen .Wenn es soweit gekommen war, dass Ordshonikidse sich u physischer Gewaltanwendung hinreißen ließ, wie mir Genosse Dzierzynski mitteilte

so kann man sich vorstellen, in welchem Sumpf wir gelandet sind. Offenbar war dieses ganze Unterfangen mit der Autonomisierung von Grund auf falsch und unzeitgemäß. (652) (6)

Gleichwohl führte Lenin dieses Problem auf tiefer liegende Ursachen zurück:

Man sagt, die Einheit des Apparats sei nötig gewesen. Woher aber stammen diese Behauptungen? Doch wohl von demselben russischen Apparat, den wir, wie ich schon in einer früheren Aufzeichnung meines Tagebuches feststellte, vom Zarismus übernommen und nur ganz leicht mit Sowjetöl gesalbt haben.
Zweifellos hätte man mit dieser Maßnahme so lange warten sollen, bis wir sagen konnten, dass wir uns für unseren Apparat wirklich wie für den eignen verbürgen. Jetzt aber müssen wir, wenn wir ehrlich sein wollen , umgekehrt sagen, dass wir einen Apparat als eigenen bezeichnen, der uns in Wirklichkeit noch durch und durch fremd ist und ein bürgerlich-zaristisches Gemisch darstellt, das wir beim besten Willen in den fünf Jahren nicht umformen konnten, in denen uns die Hilfe anderer Länder fehlte und wir uns vorwiegend militärisch `bestätigten` und die Hungersnot bekämpften. (7)

Diese Textstelle (die erst nach 1956 nach Stalins Tod veröffentlicht wurde) zeigt deutlich, dass der sterbende Lenin sich verzweifelt gegen Stalin zur Wehr setzte. Beide bewegten sich nicht nur auf verschiedenen Wegen sondern in gänzlich entgegen gesetzter Richtung. Sie straft jene Kommentatoren und Historiker der Lüge, die in den letzten zehn Jahren die Archive der Sowjetunion durchstöbert haben, und Stalin als legitimen Erben von Lenin hinzustellen. Lenin war sich der Probleme der russischen Revolution (der Isolation des russischen Proletariats, der Druck durch den internationalen Imperialismus und die verzweifelte wirtschaftliche Situation die der Zarismus hinterlassen hatte) durchaus bewusst. Vor diesem Hintergrund ging er mit seiner Kritik an Stalin noch weiter:

Unter diesen Umständen ist es ganz natürlich, dass sich die `Freiheit des Austritts aus der Union` mit der wir uns rechtfertigen, als ein wertloser Fetzen Papier herausstellen wird, der völlig ungeeignet ist, die nichtrussischen Einwohner Russlands vor der Invasion jenes echten Russen zu schützen, des großrussischen Chauvinisten, ja im Grunde Schurken und Gewalttäters, wie es der typische russische Bürokrat ist. Kein Zweifel, dass der verschwindende Prozentsatz sowjetischer und sowjetisierter Arbeiter in diesem Meer des chauvinistischen großrussischen Packs ertrinken wird wie eine Fliege in der Milch. (...) Mir scheint, hier haben Stalins Eilfertigkeit und sein Hang zum Administrieren wie auch seine Wut auf den ominösen „Sozialnationalismus“ eine verhängnisvolle Rolle gespielt. Wut ist in der Politik gewöhnlich überhaupt von größtem Übel. (8)

Dies waren prophetische Worte. Stalins Wutanfälle sollten in den 20er-Jahren tausenden seiner „Genossen“ das Leben kosten.

Die zukünftige Weltrevolution

Mit seiner Kritik an Stalin verfolgte Lenin ein weitergehendes Ziel. Er hoffte auf einen weiteren Fortgang der Revolution, in deren Verlauf die Arbeiter der restlichen Welt der bedrängten Sowjetunion zur Hilfe kommen würden. Er wollte seine Genossen dazu bewegen in die Zukunft zu schauen. Am 31. Dezember 1922 diktierte er weitere Textpassagen zum Problem des Nationalismus. Er begann mit einer einleitenden allgemeinen Feststellung, die sein ganzes Denken in der Nationalitätenfrage zusammenfasste:

Man muss unterscheiden zwischen dem Nationalismus einer unterdrückenden Nation und dem Nationalismus einer unterdrückten Nation, zwischen dem Nationalismus einer großen Nation und dem Nationalismus einer kleinen Nation. (9)

Heute können wir sehen, dass der Nationalismus kleiner Nationen nicht im luftleeren Raum entsteht und sich in derselben Weise wir der Nationalismus einer großen Nation äußert, und den Interessen imperialistischer Mächte dient. Genau dies hatte Rosa Luxemburg vorausgesagt. Vietnam hätte bspw. keine Dekade lang gegenüber dem US-Imperialismus ohne die militärische Unterstützung durch die UdSSR bestehen können. Heute will der georgische Präsident Saakaschwili der Welt weiß machen, dass das kleine Georgien sich lediglich gegen den russischen Imperialismus wehre. Faktisch heizt er den Konflikt jedoch an, indem er versucht Georgiens Stellung im westlichen Bündnis zu zementieren.

Lenin ging das Problem des Nationalismus anders an. Die erste proletarische Revolution war in einem multinationalen Reich ausgebrochen, das über Jahrhunderte durch die Unterdrückung nichtrussischer Kulturen zusammengehalten wurde. Lenin sah es als wichtig an, dass die UdSSR hier einen neuen Ton einschlagen müsste - als Ausdruck eines wirklichen proletarischen Internationalismus. Allerdings hatte er sich zu einem frühren Zeitpunkt auch zu dem Gedanken hinreißen lassen, die Revolution auf den Bajonetten der Roten Armee zu exportieren. Als Polen ermuntert durch den westlichen Imperialismus in sowjetisches Gebiet vorstieß, erntete es eine große Niederlage. Im Herbst 1920 wurde die polnische Armee bis vor die Tore Warschaus zurückgetrieben. Dieser militärische Erfolg trübte den politischen Realitätssinn der Russischen Kommunistischen Partei. Niemand hörte auf den polnischen Kommunisten Karl Radek, der voraussagte, dass ein weiteres Vorrücken der Roten Armee auf Warschau ein reines Propagandageschenk für das nationalistische Pilsudskiregime wäre, welches dadurch in die Lage versetzt würde, alle Bevölkerungsschichten zum Kampf gegen den Eindringling zu vereinen. Genau dies passierte 1920 und Lenin musste sich selbstkritisch eingestehen, dass es ein großer Fehler war, Radek in dieser Frage nicht unterstützt zu haben. Diesen Fehler wollte er nicht wiederholen. Deswegen nahm er gegen Ordshonikidse, Stalin und Dzierzynski den Kampf auf und warnte eindringlich vor chauvinistischen Tendenzen:

Der Schaden, der unserem Staat daraus entstehen kann, dass die nationalen Apparate mit dem russischen Apparat nicht vereinigt sind, ist unermesslich geringer, unendlich geringer als jener Schaden, der nicht nur uns erwächst, sondern auch der ganzen Internationale, den Hunderte Millionen zählenden Völkern Asiens, denen in der nächsten Zukunft bevorsteht, nach uns ins Rampenlicht der Geschichte zu treten. Es wäre unverzeihlicher Opportunismus, wenn wir am Vorabend dieses Auftretens des Ostens, zu Beginn seines Erwachens, die Autorität, die wir dort haben, auch nur durch die kleinste Grobheit und Ungerechtigkeit gegenüber unseren eigenen nichtrussischen Völkern untergraben würden.
Eine Sache ist die Notwendigkeit, uns gegen die westlichen Imperialisten zusammenzuschließen, die die kapitalistische Welt verteidigen. Hier kann es keine Zweifel geben, und ich brauche nicht erst zu sagen, dass ich diese Maßnahmen rückhaltlos gutheiße. Eine andere Sache ist es wenn wir selbst, sei es auch nur in Kleinigkeiten, in imperialistische Beziehungen zu den unterdrückten Völkerschaften hineinschlittern und dadurch unsere prinzipielle Aufrichtigkeit, unsere ganze prinzipielle Verteidigung des Kampfes gegen den Imperialismus völlig untergraben. Denn der morgige Tag der Weltgeschichte wird eben der Tag sein, an dem die vom Imperialismus unterdrückten Völker, die sich schon regen, endgültig erwachen werden, an dem der lange und schwere Entscheidungskampf um ihre Befreiung beginnen wird. (10)

Wie wir eingangs hervorhoben, erfüllten sich Lenins Hoffnungen nicht. Die Revolten der unterrückten Völker Asiens (oder anderer Kolonialgebiete) konnten nicht den Zusammenbruch des Imperialismus erwirken, den er sich gewünscht hatte. Heute wissen wir, dass die Ausgebeuteten dieser Welt nur auf der Basis der Klassenautonomie für ihre Befreiung kämpfen können. Gleichwohl unterscheiden sich Lenins Zukunftsvisionen sowohl für die UdSSR als auch für die Menschheit von der Politik Stalins. Lenin verstand die zukünftige kommunistische Welt als eine „Assoziation freier Produzenten“. Sein dritter Schlaganfall im März 1923 machte es ihm unmöglich den Kampf, den er begonnen hatte zu Ende zu führen. Stalin überlebte und es gelang ihm die UdSSR zu einem neuen Russischen Reich zu machen. An diesem Erbe knüpft der Kreml noch heute an.

Jock

(1) Rosa Luxemburg: Die Russische Revolution, Berlin 1922, Seite 91.

(2) zit. nach Clemens, Martin: Dershimoda: Lenin gegen Stalin, München 1990, Seite 21.

(3) Diese Delegation wurde von Karl Kautsky angeführt, der von der Politik der Menschewiki so begeistert war, dass er ein Buch über Georgien schrieb in dem er dir bürgerliche Agrarpolitik der Menschewiki, d.h. den Verkauf von staatlichen Ländereien in höchsten Tönen lobte. Hierin bekannte er sich u.a. in bemerkenswerter Offenheit zum deutschen Imperialismus:

Die deutschen Truppen kamen nach Tiflis als Schützer vor den Türken und wurden daher freudig begrüßt. Den Deutschen war das Land wertvoll als Durchgangsstrasse nach dem petroleumreichen Baku nach Persien und Turkestan. Sie kamen nach Georgien nicht als Plünderer, sondern als Organisatoren seiner Produktivkräfte, da sie die georgischen Produkte, namentlich Mangan, aber auch seine Eisenbahn notwendig brauchten. So brachten sie Georgien gerade das, was ihm am meisten fehlte und was ihm nur durch vorgebildete Kräfte des Auslands rasch gebracht werden kann: wirtschaftliche Organisation.

zit. nach Clemens, Martin: Dershimoda, Seite 22

(4) zit. nach Clemens Martin: Dershimoda, Seite 26.

(5) Ebenda, Seite 36.

(6) Lenin, W.I., Ausgewählte Werke, Bd. VI, Seite 652.

(7) Ebenda, Seite 653.

(8) Ebenda.

(9) Ebenda, Seite 655.

(10) Ebenda. Seite 659.