Machtkampf in der Ukraine: Die Sackgasse des Nationalismus!

Seit Mo­na­ten wird die Ukrai­ne von einer tie­fen po­li­ti­schen Krise er­fasst. Ist es wirk­lich die Hoff­nung auf die EU, die die Men­schen auf die Stra­ßen treibt? Be­set­zen die Men­schen Stra­ßen und Plät­ze nur, weil die Re­gie­rung ein As­so­zi­ie­rungs­ab­kom­men mit der Eu­ro­päi­schen Union auf Eis ge­legt hat? Die Sus­pen­die­rung die­ses seit Jahr­zehn­ten ver­han­del­ten Ab­kom­mens durch den ukrai­ni­schen Prä­si­den­ten Ja­nu­ko­witsch mag ein Aus­lö­ser der Pro­tes­te ge­we­sen sein. Doch mitt­ler­wei­le ist mehr dar­aus ge­wor­den. Der ge­platz­te Deal mit der EU wird all­ge­mein le­dig­lich als Sym­ptom dafür ge­se­hen, dass sich in dem von Olig­ar­chi­en be­herrsch­ten kor­rup­ten po­li­ti­schen Sys­tem der Ukrai­ne nichts än­dert. Lang auf­ge­stau­te Wut über viele äu­ßerst kom­ple­xe Pro­ble­me hat sich ein Ven­til ge­schaf­fen…

Die sog. „Oran­ge­ne Re­vo­lu­ti­on“

Als die von den USA und an­de­ren west­li­chen Mäch­ten un­ter­stütz­te „Oran­ge­ne Re­vo­lu­ti­on“ Ja­nu­ko­witsch 2004 wegen mas­si­ven Wahl­be­trugs aus dem Amt ke­gel­te, hoff­ten viele Ukrai­ne­rIn­nen auf ein Ende des kor­rup­ten post­sta­li­nis­ti­schen Sys­tems. Eine neue Re­gie­rung unter dem Vor­sitz von Juscht­schen­ko und der „Gas­prin­zes­sin“ Ju­li­ja Ti­mo­schen­ko über­nahm die Amts­ge­schäf­te. Doch auch das ging nicht lange gut. Wäh­rend der pro­west­lich ori­en­tier­te Juscht­schen­ko einen bal­di­gen Ein­tritt der Ukrai­ne in die Nato an­streb­te, hatte seine Pre­mier­mi­nis­te­rin Ti­mo­schen­ko be­grif­fen, dass die Ukrai­ne zu 60% von den Gas­lie­fe­run­gen Russ­lands ab­hän­gig war. Nach­dem Russ­land im Win­ter des Jah­res 2006 die Gas­lie­fe­run­gen in die Ukrai­ne kurz­fris­tig ein­ge­stellt hatte, ging Ti­mo­schen­ko dazu über, einen Deal mit Putin aus­zu­han­deln (1).

2009 un­ter­zeich­ne­te sie ein Ge­heim­ab­kom­men mit Russ­land, was in der Fol­ge­zeit zu Span­nung mit Juscht­schen­ko führ­te. In dem Maße, wie sich die Krise der sog. „oran­ge­nen Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on“ zu­neh­mend ver­schärf­te und die Wirt­schaft in­fol­ge des Plat­zens der Spe­ku­la­ti­ons­bla­se 2007/2008 ab­stürz­te, (das BIP fiel 2009 um 15%) (2) konn­te der ge­schass­te Ja­nu­ko­witsch neue Kräf­te sam­meln. An­ge­sichts des wach­sen­den so­zia­len Elends setz­te er sich ge­schickt in Szene und konn­te schließ­lich mit dem Ver­spre­chen nach mehr so­zia­ler Ge­rech­tig­keit die Wahl 2010 für sich ent­schei­den. Der wegen Kör­per­ver­let­zung und Dieb­stahl mehr­fach vor­be­straf­te Ja­nu­ko­witsch ist ein Ge­folgs­mann des sog. „Do­nezk-​Clans“, der von einem der reichs­ten Olig­ar­chen des Lan­des, Rinat Ach­me­tow (ge­schätz­tes Ver­mö­gen 12 Mil­li­ar­den Dol­lar) an­ge­führt wird. Kein Wun­der also, dass sich das Ver­spre­chen nach mehr so­zia­ler Ge­rech­tig­keit als hohle Wahl­kampf­phra­se er­wies. Heute geht es der lohn­ab­hän­gi­gen Be­völ­ke­rung in der Ukrai­ne (wie über­all auf der Welt) schlech­ter als vor vier Jah­ren. Der zu­neh­men­den Ver­ar­mung ste­hen Reich­tum und die un­ein­ge­schränk­te Macht der olig­ar­chi­schen Cli­quen ge­gen­über. Die mäch­tigs­ten 50 Olig­ar­chen kon­trol­lie­ren al­lein zwei Drit­tel des Reich­tums. Diese Claims sind na­tür­lich be­gehrt und hart um­kämpft. Fol­ge­rich­tig war Ja­nu­ko­witsch nach sei­nem Wahl­sieg sehr darum be­müht, wich­ti­ge Pos­ten und Re­gie­rungs­äm­ter vor­nehm­lich an Ge­folgs­leu­te des „Do­nezk-​Clans“ zu ver­ge­ben. Gleich­zei­tig rech­ne­te er mit eins­ti­gen Kon­kur­ren­ten ab. Ganz oben auf der Liste stand Ju­li­ja Ti­mo­schen­ko, die nun, wegen des um­strit­te­nen Erd­gas­ab­kom­mens mit Putin, an­ge­klagt und wegen „Amts­miss­brauchs“, „Un­ter­schla­gung“ und „Ver­un­treu­ung“ zu einer Ge­fäng­nis­stra­fe ver­ur­teilt wurde (3).

West­li­che Me­di­en por­trä­tie­ren Ti­mo­schen­ko gerne als cou­ra­gier­te, pro­west­lich ori­en­tier­te Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ke­rin. Ti­mo­schen­ko mag zwar pro­west­lich ori­en­tiert und in ge­wis­ser Hin­sicht auch cou­ra­giert sein, doch dies än­dert nichts an der Tat­sa­che, dass es sich bei ihr um eine mil­lio­nen­schwe­re Olig­ar­chin han­delt, die sich nach dem Zu­sam­men­bruch der UdSSR ein Ver­mö­gen zu­sam­men­raff­te und mit ein­schlä­gi­gen kor­rup­ten Struk­tu­ren im In und Aus­land bes­tens ver­netzt ist (4).

Ge­ra­de das mach­te sie für die Frak­ti­on von Ja­nu­ko­witsch läs­tig und zu einem be­stimm­ten Grad auch ge­fähr­lich. Leute vom Schla­ge Ti­mo­schen­kos haben je­doch auch mäch­ti­ge Freun­de. So ge­hör­te die For­de­rung nach ihrer un­ver­züg­li­chen Frei­las­sung zu den 6 zen­tra­len Be­din­gun­gen der EU im Ge­zänk um das As­so­zi­ie­rungs­ab­kom­men. Dar­auf konn­te und woll­te die Re­gie­rung Ja­nu­ko­witsch nicht ein­ge­hen. Viel­mehr ver­stärk­te Ja­nu­kow­tisch ganz im Stile eines Wla­di­mir Putin sei­nen au­to­kra­ti­schen Re­gie­rungs­stil. Durch eine Ver­fas­sungs­än­de­rung si­cher­te er sich dik­ta­to­ri­sche Voll­mach­ten zu und ging mit äu­ßers­ter Härte gegen Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker vor.

In der im­pe­ria­lis­ti­schen Zwick­müh­le

Die der­zei­ti­ge Si­tua­ti­on der Ukrai­ne gleicht einem Dampf­kes­sel. Die Wirt­schafts­ent­wick­lung ist eine der schlech­tes­ten in der Welt, da das wich­tigs­te Ex­port­gut, Stahl, dras­tisch an Wert ver­lo­ren hat. Der IWF hat den Kre­dit­hahn zu­ge­dreht, weil das Re­gime nicht in der Lage war, die ge­for­der­ten „Re­for­men“ um­zu­set­zen. Im nächs­ten Jahr steht die Rück­zah­lung eines Kre­dit­vo­lu­mens von 15 Mil­li­ar­den Dol­lar an. An­ge­sichts des wach­sen­den Haus­halts­de­fi­zits be­fand sich Ja­nu­ko­witsch in einer ver­zwick­ten Lage. Das As­so­zi­ie­rungs­ab­kom­men mit der EU stell­te zwar neue Fi­nanz­sprit­zen in Höhe von 27 Mil­li­ar­den Euro in Aus­sicht, al­ler­dings waren diese so lang­fris­tig an­ge­legt und an so viele Be­din­gun­gen ge­knüpft, dass sich Ja­nu­ko­witsch lie­ber dem Druck Russ­lands beug­te. Nach den viel­fäl­ti­gen De­mü­ti­gun­gen und Her­aus­for­de­run­gen sei­tens der NATO und EU, setzt Russ­land ver­stärkt dar­auf, frü­he­re Sa­tel­li­ten­staa­ten durch Han­dels­ab­kom­men wie­der stär­ker an sich zu bin­den (5).

Nach­dem das si­cher­heits­po­li­tisch stark von Russ­land ab­hän­gi­ge Ar­me­ni­en er­folg­reich in den rus­si­schen Ein­fluss­be­reich ein­ge­glie­dert wor­den war, wur­den nun der Ukrai­ne Avan­cen ge­macht. Putin stell­te deut­lich bil­li­ge­re Gas­lie­fe­run­gen (286 Dol­lar pro 1000 Ku­bik­me­ter statt bis­her 400 Dol­lar) und güns­ti­ge Kre­di­te in Höhe von 15 Mil­li­ar­den Dol­lar in Aus­sicht. Um Ja­nu­ko­witsch die Ent­schei­dung zu er­leich­tern, flos­sen ganze 3 Mil­li­ar­den Dol­lar im Vor­aus. Kein Wun­der also, dass die­ser den Ver­lockun­gen Mos­kaus nach­gab und der EU vor­erst die kalte Schul­ter zeig­te.

Die Pro­tes­te

An­fangs ver­lie­fen die Pro­tes­te gegen das Ja­nu­ko­witsch-​Re­gime re­la­tiv harm­los. Sie wur­den vor­nehm­lich von Stu­den­ten und Ju­gend­li­chen aus der Mit­tel­schicht ge­tra­gen, die fürch­te­ten, dass mit dem sus­pen­dier­ten As­so­zi­ie­rungs­ab­kom­men die Öff­nung zur EU (und damit die er­hoff­ten Kar­rie­re­aus­sich­ten) end­gül­tig blo­ckiert wäre. Als je­doch die be­rüch­tig­te Spe­zi­al­ein­heit „Ber­kut“ und re­gi­me­na­he Schlä­ger­ban­den das Pro­test­camp auf dem Mai­dan ge­walt­sam an­grif­fen, bekam die Sache eine an­de­re Dy­na­mik. Die Pro­tes­te wei­te­ten sich schlag­ar­tig in die west­li­chen Re­gio­nen der Ukrai­ne aus und er­fass­ten schließ­lich auch Ja­nu­ko­witschs Hoch­bur­gen im Osten und Süden des Lan­des. In vie­len Städ­ten wur­den Re­gie­rungs-​ und Ver­wal­tungs­ge­bäu­de be­setzt, um so den Druck auf das Re­gime zu er­hö­hen.

Es dau­er­te auch nicht lange, bis sich die di­ver­sen po­li­ti­schen Par­tei­en in die Be­we­gung ein­schal­te­ten, um ihr ei­ge­nes Süpp­chen zu ko­chen. Als sich Putin laut­stark über die Ein­mi­schung west­li­cher Mäch­te in der Ukrai­ne be­schwer­te, lag er nicht ganz da­ne­ben. Vor­der­grün­dig bezog sich seine Schel­te auf die me­di­en­wirk­sa­men „So­li­da­ri­täts­be­su­che“ hoch­ran­gi­ger EU-​Ver­tre­ter und Po­li­ti­ker wie bspw. US-​Se­na­tor John Mc­Cain auf dem Mai­dan. Doch die Ein­fluss­nah­me west­li­cher Mäch­te geht viel wei­ter – u.a. mit Hilfe und Un­ter­stüt­zung di­ver­ser po­li­ti­scher Ak­teu­re. Zu nen­nen wäre hier Ju­li­ja Ti­mo­schen­kos Par­tei „Va­ter­land“, die sich als eine der ers­ten in das Ge­sche­hen ein­misch­te. Ge­gen­wär­tig wird sie von Ar­se­n­ij Ja­zen­juk an­ge­führt, einem ve­he­men­ten Ver­fech­ter des von der EU ge­for­der­ten Spar­pro­gramms. Mit der „Va­ter­landspar­tei“ eng ver­bun­den ist die sog. „Udar“-​Par­tei des ehe­ma­li­gen Bo­xers Vi­ta­li Klitsch­ko, die fe­der­füh­rend von der CDU-​na­hen Kon­rad Ade­nau­er Stif­tung auf­ge­baut wurde. Klitsch­ko un­ter­hält wie­der­um enge Be­zie­hun­gen zu Oleh Ty­ahny­bok, dem Füh­rer der neo­fa­schis­ti­schen und offen an­ti­se­mi­ti­schen Par­tei „Svo­bo­da“.

Die „Svo­bo­da“ ist mit meh­re­ren Ab­ge­ord­ne­ten im Par­la­ment ver­tre­ten und mit re­ak­tio­nä­ren Ver­ei­nen wie der BNP in Groß­bri­tan­ni­en, Job­bik in Un­garn oder der Front Na­tio­nal in Frank­reich ver­gleich­bar. Mit ihren Schlä­ger­grup­pen ver­schaff­te sich die „Svo­bo­da“ in der Be­set­zungs­be­we­gung Ein­fluss und ver­such­te sogar miss­lie­bi­ge Grup­pen zu ver­trei­ben. Doch es gibt auch viele Teil­neh­me­rIn­nen der Pro­tes­te, die dem Trei­ben der po­li­ti­schen Par­tei­en skep­tisch und miss­trau­isch ge­gen­über­ste­hen. Viele Men­schen, (von denen nicht alle EU-​Be­für­wor­ter sind), sam­mel­ten Geld- und Sach­spen­den und be­tei­lig­ten sich als In­di­vi­du­en an den De­mons­tra­tio­nen und Kund­ge­bun­gen. Die Or­ga­ni­sa­ti­on und Ent­schlos­sen­heit der Pro­test­be­we­gung, die über zwei Mo­na­ten bei ark­ti­schen Mi­nus­tem­pe­ra­tu­ren aus­harr­te, ver­setz­te das Re­gime ins Stau­nen. Selbst die Neu­jahrs­fe­ri­en führ­ten nur vor­über­ge­hend zu einem Rück­gang der Teil­neh­me­rIn­nen­zah­len.

Die Ant­wort des Re­gimes

An­fangs setz­te das Re­gime auf Ein­schüch­te­rung und bru­ta­le Re­pres­si­on. Bis­her kamen bei den ge­walt­sa­men Aus­ein­an­der­set­zun­gen 7 Men­schen zu Tode, viele wur­den ver­schleppt und ge­fol­tert. Zum neuen Jahr wurde die Re­pres­si­on noch wei­ter ver­schärft. Am 16. Ja­nu­ar ver­ab­schie­de­te das Par­la­ment ein Aus­nah­me­ge­setz und das Ver­bot jeder Form des Pro­tests. Als Vor­wand dien­ten dabei die Ak­tio­nen des rechts­ex­tre­men Spek­trums. Eine be­droh­li­che Mi­schung aus Hoo­li­gans, Ul­tra­na­tio­na­lis­ten und Neo­fa­schis­ten, denen selbst die re­ak­tio­nä­re Svo­bo­da zu „li­be­ral“ ist, drück­te den Er­eig­nis­sen zeit­wei­se ihren Stem­pel auf. Die­sem re­ak­tio­nä­ren an­ti­se­mi­ti­schen Mob geht es weder um die EU noch um Russ­land, son­dern um eine „ras­sen­rei­ne Großu­krai­ne“, in der es kei­nen Platz mehr „für Juden und Schwu­le“ geben solle. Auf­grund ihres ge­walt­tä­ti­gen Vor­ge­hens gegen die Ein­hei­ten der Si­cher­heits­po­li­zei Ber­kut konn­ten sich die Fa­schis­ten je­doch ein ge­wis­ses An­se­hen in der Pro­test­be­we­gung ver­schaf­fen. Ihre An­we­sen­heit wird all­ge­mein­hin to­le­riert, zu­wei­len auch ak­zep­tiert. Nach An­ga­ben der an­ar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Grup­pe „Au­to­no­me Ar­bei­te­rIn­nen Union“ tau­chen die glei­chen an­ti­se­mi­ti­schen und schwu­len­feind­li­chen Töne und Pa­ro­len je­doch auch in den so­zia­len Netz­wer­ken der sog. „Ti­tush­ky“, also den Schlä­ger­ban­den des Ja­nu­ko­witsch-​Re­gimes auf, die mit der Spe­zi­al­ein­heit „Ber­kut“ ge­mein­sa­me Sache ma­chen (6).

Diese Grup­pen wer­den oft­mals von ehe­ma­li­gen Ge­heim­dienst-​ oder Po­li­zei­of­fi­zie­ren an­ge­führt und agie­ren im Stile la­tein­ame­ri­ka­ni­scher To­des­schwa­dro­ne. Die Ent­füh­run­gen ver­letz­ter De­mons­tran­ten aus den Kran­ken­häu­sern, die Fol­te­run­gen und meh­re­re Morde sol­len auf ihr Konto gehen.

Kurz ge­sagt ste­hen sich auf bei­den Sei­ten äu­ßerst un­an­ge­neh­me re­ak­tio­nä­re Ele­men­te ge­gen­über. In­so­fern ist es schlicht­weg lä­cher­lich, wenn auf ei­ni­gen Web­sites der Trotz­kis­ten und an­de­rer Knall­köp­fe der bür­ger­li­chen „Lin­ken“ aus­schließ­lich die Pro­test­be­we­gung als „rechts­ge­rich­tet“ cha­rak­te­ri­siert wird. Als ob das Ja­nu­ko­witsch-​Re­gime in ir­gend­ei­ner Weise an­ders aus­ge­rich­tet, ge­schwei­ge denn fort­schritt­lich wäre. Was sich ge­gen­wär­tig in der äu­ßerst na­tio­na­lis­tisch ge­präg­ten Ukrai­ne ab­spielt, ist der Kon­flikt zwei­er re­ak­tio­nä­rer rechts­ge­rich­te­ter Lager, mit di­ver­gie­ren­den, aber glei­cher­ma­ßen re­ak­tio­nä­ren Pro­gram­men. Bis zum 16. Ja­nu­ar konn­te das rech­te Lager die Schlag­zei­len be­stim­men. Mitt­ler­wei­le macht sich je­doch die Ten­denz be­merk­bar, dass sich zu­neh­mend Men­schen an den Pro­tes­ten be­tei­li­gen, die sich in ers­ter Linie gegen die au­to­ri­tä­re Kon­trol­le und Re­pres­si­on des Re­gimes weh­ren wol­len. Viele von ihnen haben ein in­dif­fe­ren­tes Ver­hält­nis zum Na­tio­na­lis­mus und in­ter­es­sie­ren sich auch nicht son­der­lich für die EU. Ei­ni­ge von ihnen weh­ren sich gegen die Ver­ein­nah­mung durch die ex­tre­me Rech­te, die sie rich­ti­ger­wei­se für ein Werk­zeug des Re­gimes hal­ten, da das pro­vo­kan­te Auf­tre­ten die­ser Grup­pen mehr als ein­mal der Aus­lö­ser ver­schärf­ter Re­pres­si­on war. Die Aus­wei­tung der Demos und Be­set­zun­gen auf den Osten und Süden der Ukrai­ne hat das Re­gime in arge Be­dräng­nis ge­bracht. Selbst Olig­ar­chen, die Ja­nu­ko­witsch bis­her vor­be­halt­los un­ter­stütz­ten, warn­ten nun offen vor einem Bür­ger­krieg und rie­fen zum Dia­log auf. Vor die­sem Hin­ter­grund hat Ja­nu­ko­witsch eine Reihe von Zu­ge­ständ­nis­sen ge­macht, um zu einer Ver­hand­lungs­lö­sung zu kom­men. Of­fen­kun­dig setzt das Re­gime nun dar­auf Zeit zu ge­win­nen, in der Hoff­nung, dass sich die he­te­ro­ge­ne Op­po­si­ti­on, deren ein­zi­ger ge­mein­sa­mer Nen­ner die For­de­rung nach dem Rück­tritt Ja­nu­ko­witschs ist, wei­ter aus­dif­fe­ren­ziert und auf­spal­tet.

Die Per­spek­ti­ve der Ar­bei­te­rIn­nen­klas­se

Trotz zu­neh­men­der Ver­ar­mung spielt die Ar­bei­te­rIn­nen­klas­se als ei­gen­stän­di­ge po­li­ti­sche Kraft ge­gen­wär­tig keine Rolle. Sie scheint fest unter der Kon­trol­le der ukrai­ni­schen Ge­werk­schaf­ten zu ste­hen, und hat sich nicht ge­rührt, um in das Ge­sche­hen ein­zu­grei­fen. Dafür gibt es gute Grün­de: Keine der sich ge­gen­wär­tig be­feh­den­den bür­ger­li­chen Lager hat eine Per­spek­ti­ve ge­schwei­ge denn ge­ring­fü­gi­ge Ver­bes­se­run­gen zu bie­ten. Eine As­so­zi­ie­rung mit der EU würde in ers­ter Linie auf „Re­for­men“ hin­aus­lau­fen, und was das be­deu­tet, hat sich mitt­ler­wei­le welt­weit her­um­ge­spro­chen: Wei­te­re Pre­ka­ri­sie­rung der Ar­beits­ver­hält­nis­se, Lohn­sen­kun­gen, Kür­zun­gen bei den So­zi­al­leis­tun­gen und Ren­ten etc.

Ob in der Ukrai­ne oder an­ders­wo – die „Re­for­men“, mit denen der Ka­pi­ta­lis­mus am Lau­fen ge­hal­ten soll, sind über­all die­sel­ben. Auch der Auf­stieg der Ras­sis­ten und Fa­schis­ten ist kein aus­schließ­lich „ukrai­ni­sches Phä­no­men“. „Teile und Herr­sche“ lau­te­te von jeher die De­vi­se der Ka­pi­ta­lis­ten, um sich aus der Af­fä­re zu zie­hen, und Im­mi­gran­tIn­nen, „Ar­beits­lo­se“ und Min­der­hei­ten für die Krise ver­ant­wort­lich zu ma­chen. Genau ge­nom­men ist die­ses Herr­schafts­prin­zip älter als der Ka­pi­ta­lis­mus. Aber noch nie waren die Aus­beu­ter so sehr auf das per­ma­nen­te „Spal­ten und Wal­ten“ an­ge­wie­sen wie heute. Doch die Ar­bei­te­rIn­nen­klas­se ist eine Klas­se von Mi­gran­tin­nen! Wir haben kein Va­ter­land! Wir haben eine Welt zu ge­win­nen!

In der Ukrai­ne ste­hen wir vor schwe­ren, na­he­zu un­lös­bar er­schei­nen­den Auf­ga­ben. Die Ent­wick­lung einer po­li­tisch un­ab­hän­gi­gen, au­to­no­men Ar­bei­te­rIn­nen­be­we­gung wird nicht ein­fach sein. Den­noch müs­sen die we­ni­gen re­vo­lu­tio­nä­ren Kräf­te Mit­tel und Wege fin­den, um auf der Grund­la­ge ge­mein­sa­mer po­li­ti­scher Ziel­set­zun­gen zu­sam­men­zu­ar­bei­ten. An ers­ter Stel­le steht dabei das Prin­zip der Klas­sen­au­to­no­mie: Die Be­kämp­fung aller bür­ger­li­chen Frak­tio­nen, die letzt­end­lich nur für ver­schie­de­ne Va­ri­an­ten der Aus­beu­tung und Un­ter­drü­ckung ste­hen. Fer­ner ist es not­wen­dig alle In­itia­ti­ven und Kämp­fe in den Be­trie­ben, Stadt­tei­len und Be­set­zun­gen zu un­ter­stüt­zen, die ge­eig­net sind, die Klas­sen­so­li­da­ri­tät zu stär­ken, und damit das Ver­trau­en der Lohn­ab­hän­gi­gen in ihre ei­ge­ne Kraft zu stär­ken. In un­se­rer po­li­ti­schen Pro­pa­gan­da müs­sen wir klar­ma­chen, dass der Kampf der Ar­bei­te­rIn­nen in der Ukrai­ne nur ein Teil des glo­ba­len Wi­der­stands gegen die ka­pi­ta­lis­ti­sche Aus­beu­tung ist. Das wird ein lan­ger Weg, aber wir müs­sen an­fan­gen, ihn zu be­schrei­ten, wenn wir aus den na­tio­na­lis­ti­schen Sack­gas­sen her­aus­kom­men wol­len. Denn letzt­end­lich wird nur eine in­ter­na­tio­na­le und in­ter­na­tio­na­lis­ti­sche Be­we­gung der Ar­bei­te­rIn­nen­klas­se in der Lage sein, das über­kom­me­ne ka­pi­ta­lis­ti­sche Sys­tems zu über­win­den und Aus­beu­tung und Un­ter­drü­ckung ein für alle Mal zu be­en­den.

Jock

(1) ​www.​leftcom.​org

(2) ​www.​turkishweekly.​net/​columnist/​3842/​ russian-economic-power-and-the-ongoing-protests-in-ukraine-amid-eu-russia-summit. ​html

(3) ​www.​indexmundi.​com

(4) Zu Ti­mo­schen­kos be­son­de­ren Freun­den ge­hört u.a. auch Pawlo Lasa­ren­ko, ehe­ma­li­ger Mi­nis­ter­prä­si­dent unter Leo­n­id Kut­schma. Nach UN-​An­ga­ben soll er Gel­der in Höhe von 200 Mil­lio­nen Dol­lar un­ter­schla­gen haben. 2006 wurde er in den USA wegen Kor­rup­ti­on und Geld­wä­sche zu einer Haft­stra­fe von 9 Jah­ren ver­ur­teilt. Am 1. No­vem­ber 2012 wurde er je­doch aus der Haft ent­las­sen und führt trotz sei­ner Ver­wick­lung in meh­re­re Auf­trags­mor­de an ukrai­ni­schen Po­li­ti­kern ein un­be­küm­mer­tes Leben.

(5) ​www.​leftcom.​org

(6) ​avtonomia.​net

Sunday, February 9, 2014