Plattform der Internationalistischen Kommunistischen Tendenz

Über uns

Die Internationalistische Kommunistische Tendenz nahm 1983 unter dem Namen Internationales Büro für die revolutionäre Partei (IBRP) ihre Arbeit auf. Doch unsere politischen Wurzeln reichen viel weiter zurück. Wir verstehen uns als ein Produkt der revolutionären Kämpfe, die die Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus geführt hat. Demzufolge beziehen wir uns auf die Lehren, die Marx und Engels nicht nur in der Zeit der Ersten Internationale und der Pariser Commune, sondern auch aus den Erfahrungen der Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg gezogen haben. Nach dem Ersten Weltkrieg gründeten unsere politischen Vorläufer die Kommunistische Partei von Italien. Im Zuge der sog. „Bolschewisierung“ der degenerierenden Kommunistischen Internationale in den 20er Jahren wurden diese aus den Führungspositionen verdrängt. Die Kommunistische Linke setzte sich durch die Opposition der Comitati di Intesa und später in den Gefängnissen des Faschismus und in den Fabriken Frankreichs und Belgiens zur Wehr. Es waren diese Genossen, die 1943 die Partito Comunista Internazionalista in Italien gründen. Sie war die einzige Partei, die sich inmitten des Zweiten Weltkrieges gegen alle imperialistischen Kriegsfronten wandte und ihre politische Plattform von 1952 stellt nach wie vor den grundlegenden politischen Ansatz dar, auf dem die Internationalistische Kommunistische Tendenz aufbaut. Unsere Tendenz entstand durch eine gemeinsame Initiative der Partito Comunista Internazionalista (PCInt) in Italien und der Communist Workers Organisation (CWO) in Großbritannien. Es gab zwei Hauptgründe für diese Initiative. Die erste bestand darin, einer bereits existierenden Tendenz innerhalb des proletarischen politischen Lagers eine organisatorische Form zu geben. Diese Tendenz bildete sich auf den internationalen Konferenzen hervor, die von Battaglia Comunista (PCInt) zwischen 1977 und 1981 einberufen wurden. Die Kriterien für die Teilnahme an der letzten Konferenz waren die sieben Punkte, für die CWO und PCInt auf der Dritten Konferenz gestimmt hatten. Dies waren:

• Akzeptieren des proletarischen Charakters der Oktoberrevolution.

• Anerkennung des auf dem Ersten und Zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale vorgenommen Bruchs mit der Sozialdemokratie.

• Ablehnung des Staatskapitalismus und der Selbstverwaltung ohne Abstriche.

• Anerkennung der sog. „sozialistischen“ und „kommunistischen“ Parteien als bürgerliche Parteien.

• Ablehnung jeder politischen Linie, die das Proletariat der nationalen Bourgeoisie unterwirft.

• Eine Orientierung auf die Organisation der Revolutionäre auf der Grundlage der marxistischen Methode.

• Anerkennung der internationalen Treffen als eines Aspekts des Diskussionsprozesses zwischen revolutionären Gruppen zum Zwecke der Koordinierung ihrer aktiven politischen Interventionen in den Kämpfen der Klasse, mit dem Ziel, sich aktiv am Prozess beizutragen, der zur Internationale Partei des Proletariats, dem unverzichtbaren politischen Organ für die politische Führung der revolutionären Klassenbewegung und für die proletarischen Macht selbst, führen wird.

Der zweite Grund und Zweck für die Bildung des Büros war, als Bezugspunkt für Organisationen und Einzelpersonen zu fungieren, die neu auf die internationale Bühne in dem Augenblick auftauchen würden, da die sich vertiefende Krise des Kapitalismus eine politische Antwort erfordern würde. Die Jahrzehnte seit der Gründung unserer Tendenz waren keine Periode der massiven Wiederbelebung des Klassenkampfs. Im Gegenteil, die Reaktion der Arbeiter auf die zunehmenden Angriffe des Kapitals hatten im Wesentlichen sektoriellen Charakter und endeten schließlich in Niederlagen, wenngleich sie zuweilen sehr kämpferisch waren (wie der britische Bergarbeiterstreik von 1984/85 oder der Kampf der spanischen Werftarbeiter von 1984). Dem internationalen Kapital wurde somit eine Atempause gewährt, die es dazu nutzte, jene Umstrukturierungen durchzuführen, die den Arbeitern den Verlust von Millionen von Arbeitsplätzen, ständig zunehmenderen Sparmaßnahmen sowie Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen und der Bedingungen des Verkaufs ihrer Arbeitskraft bescherten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich in den achtziger Jahren relativ wenige neue Genossen einer proletarischen Perspektive zuwandten. Viele, die später auftauchten, verschwanden, als die politische Isolation sie überwältigte. Trotz der ungünstigen objektiven Situation und unserer eigenen bescheidenen Kräfte hat sich die IKT organisatorisch konsolidiert. Heute existiert die IKT als eine spezifische und identifizierbare Tendenz zur Schaffung der zukünftigen revolutionären Partei innerhalb des breiten proletarischen Lagers. Zu diesem politischen Lager zählen wir all jene, die sich für die Unabhängigkeit des Proletariats vom Kapital einsetzen, die nichts mit dem Nationalismus in irgendeiner Form zu tun haben, die am Stalinismus und der ehemaligen Sowjetunion nichts Sozialistisches gesehen haben, die aber gleichzeitig verstanden haben, dass der Oktober 1917 der Ausgangspunkt für das war, was zu einer größeren Weltrevolution hätte werden können. Unter den Organisationen, die zu diesem Lager gehören, bestehen nach wie vor erhebliche politische Differenzen, nicht zuletzt über die heftig diskutierte Frage des Charakters und der Funktion der revolutionären Organisation. Die Position der IKT kann diesbezüglich wie folgt umrissen werden:

• Die proletarische Revolution wird international sein, oder sie ist zum Scheitern verurteilt. Die internationale Revolution setzt die Existenz einer internationalen Partei voraus. Diese ist der konkrete politischen Ausdruck des klassenbewusstesten Teils der Arbeiterklasse, der sich organisiert, um das revolutionäre Programm unter der übrigen Arbeiterklasse zu verbreiten. Die Geschichte hat gezeigt, dass Versuche, die Partei während der Revolution selbst aufzubauen, zu spät kommen und der Situation nicht gerecht werden.

• Die IKT zielt daher auf die Schaffung einer neuen Arbeiter-Internationale ab, sobald das politische Programm und die internationalen Kräfte dafür existieren. Die IKT ist für die Partei, allerdings behaupten wir nicht, der einzige bereits vorhandene Kern einer solchen Partei zu sein. Die künftige Partei wird nicht einfach das Ergebnis des Wachstums einer einzigen Organisation sein.

• Bevor die Internationale gebildet werden kann, müssen die genauen Einzelheiten des revolutionären Programms in all seinen damit zusammenhängenden Aspekten durch Diskussion und Debatten unter den sie bildenden Teilen geklärt worden sein.

• Die Organisationen, die schließlich in einer Weltpartei zusammenkommen, müssen bereits eine Verankerung innerhalb der Arbeiterklasse in dem Land bzw. Territorium haben, aus dem sie stammen. Die Proklamation der Internationale (oder ihres ursprünglichen Kerns) auf der Grundlage von wenig mehr als der Existenz propagandistischer Gruppen wäre kein Schritt nach vorn für die revolutionäre Bewegung.

• Eine revolutionäre Organisation muss sich bemühen, mehr zu werden als ein pures Propagandanetzwerk. Trotz der begrenzten Möglichkeiten ist es heute Aufgabe der proletarischen Organisationen, sich als revolutionäre Kraft innerhalb der Arbeiterklasse zu verwurzeln, um imstande zu sein, die Richtung aufzuzeigen, die der Klassenkampf heute nehmen muss, um die revolutionären Kämpfe von morgen zu führen und zu organisieren.

• Die Lehre der letzten revolutionären Welle (1917-23) besteht weder darin, dass die Arbeiterklasse auf eine organisierte Führung verzichten kann (diese „Lehre" aus der Degeneration der Russischen Revolution haben die „Rätekommunisten" gezogen) noch darin, dass die Partei die Klasse selbst ist (gemäß einer metaphysischen Abstraktion der heutigen Bordigisten), sondern vielmehr darin, dass die organisierte Führung in der Form der Partei die mächtigste Waffe ist, mit der sich die Arbeiterklasse ausstatten kann. Ihre Aufgabe wird es sein, in den Massenorganen, die vor der Revolution entstehen (Sowjets oder Räte) für eine sozialistische Perspektive zu kämpfen. Da die Partei auf jeden Fall eine Minderheit in der Arbeiterklasse bleiben wird, kann sie nicht stellvertretend für die Klasse handeln. Das Ziel, der Aufbau des Sozialismus, kann nur von der Arbeiterklasse als Ganzes ins Werk gesetzt werden. Diese Aufgabe kann nicht delegiert werden, auch nicht an den bewusstesten Teil des Proletariats.

Plattform der Internationalistischen kommunistischen Tendenz (2020)

Vorwort

Wir leben in gefährlichen Zeiten. Es besteht eine enorme Diskrepanz zwischen der Tiefe der Wirtschaftskrise und der daraus resultierenden Bedrohung durch einen imperialistischen Krieg einerseits und dem geringen Niveau der Reaktion des Proletariats auf diese Krise andererseits. Die Herrschaft des Kapitals über Produktion und Verteilung hat sich dahingehend entwickelt, dass inzwischen jede Art von sozialen und politischen Beziehungen von ihr durchdrungen ist. Durch die sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften ist die bürgerliche Ideologie so tief in die Arbeiterklasse eingedrungen, dass jeder Versuch seitens des Proletariats auf die Krise zu reagieren, im Keim erstickt wird. Die Streikwellen der vergangenen Jahre, die manchmal ganze Wirtschaftssektoren eines Landes erfasst haben, haben sich nie auf andere Sektoren ausgedehnt, weil jeder Sinn für Klasseneinheit und Klassensolidarität durch Nationalismus, Gradualismus (die Idee einer allmählichen und punktuellen Veränderung), Individualismus bzw. durch alle Formen bürgerlicher Ideologie, die die Agenten des Kapitals erfolgreich in der Arbeiterklasse verbreitet haben, erstickt worden ist. Die Herrschaft der Bourgeoisie über die Arbeiterklasse durch die Gewerkschaften und die Parteien der bürgerlichen Linken ist die konkrete Manifestation dessen, was Marx die „Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse" nannte. Was immer ihr Ursprung war, heute sind die Gewerkschaften und die linken Parteien nichts anderes als Instrumente der Herrschaft der Bourgeoisie über das Proletariat. Es genügt aber nicht, deren Funktion zu denunzieren, sondern es ist notwendig, sie politisch wie organisatorisch zu bekämpfen. Trotz der unzweifelhaften Erfolge des Kapitalismus bei der Befriedung des Klassenkampfs, bleiben seine Widersprüche, allen voran die wachsende organische Zusammensetzung des Kapitals und der tendenzielle Fall der Profitrate weiterhin bestehen. Als Marxisten wissen wir, dass die Widersprüche des Kapitalismus nicht ewig eingedämmt werden können. Ihre endgültige Explosion wird aber nicht notwendigerweise zum Sieg der Revolution führen. Im imperialistischen Zeitalter besteht für das Kapital eine Möglichkeit die „Kontrolle zu behalten" und seine Widersprüche zeitweise zu lösen, im globalen Krieg. Doch auf dem Weg dorthin tut sich die Möglichkeit auf, dass sich die politische und ideologische Herrschaft der Bourgeoisie über die Arbeiterklasse abschwächt; mit anderen Worten, es ist möglich, dass sich massive Klassenkämpfe entwickeln, und Revolutionäre müssen darauf vorbereitet sein. Wenn die Arbeiterklasse wieder die Initiative ergreift und beginnt, ihre kollektive Kraft gegen die Angriffe des Kapitals einzusetzen, müssen die revolutionären politischen Organisationen politisch und organisatorisch in der Lage sein, den Kampf gegen die linken Kräfte der Bourgeoisie zu führen und zu organisieren. Jede folgende Kampfwelle wird nur dann ein weiterer Schritt in Vorbereitung der Revolution sein, wenn das revolutionäre Programm und die revolutionäre Organisation daraus von Mal zu Mal gestärkt hervorgehen; das wiederum ist nur dann der Fall, wenn die revolutionäre Organisation imstande ist, sich und das Programm immer tiefer in der Klasse zu verankern. Die Russische Revolution von 1905 war eine Vorbereitung für 1917 in dem Sinne, dass das revolutionäre Programm, das dann zur Revolution von 1917 führte, trotz der Niederlage der Revolution daraus gestärkt hervorging. Es gibt heute keine Garantie dafür, dass eine ähnliche Episode stattfinden wird, d.h. dass in einem allgemeinen Aufstand die revolutionären Kräfte wachsen, auch wenn die Klasse unmittelbar geschlagen wird. Eines aber ist sicher: Wenn eine solche Klassenbewegung stattfinden sollte, ohne dass innerhalb des Proletariats eine revolutionäre politische Kraft vorhanden ist, würden die Niederlagen historische Dimensionen annehmen. Es ist die Aufgabe der proletarischen politischen Organisation, der Arbeiterklasse die Lehren der eigenen historischen Erfahrungen in Erinnerung zu bringen, die fortgeschrittensten Elemente der Klasse zu organisieren, den Klassenkampf hin zu einer internationalistischen revolutionären Lösung zu führen und so die materiellen Grundlagen für die Befreiung unserer Klasse zu entwickeln.

Der Kapitalismus

Wie jede Klassengesellschaft krankt auch die kapitalistische Produktionsweise in jeder historischen Phase am Gegensatz zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen. Im Kapitalismus nimmt die Arbeitskraft die Form einer Ware an, die von ihren Besitzern (den Proletariern) im Austausch gegen einen Lohn verkauft wird. Dieser entspricht dem Wert der Güter und Dienste, die nötig für die Existenz und Reproduktion der Arbeitskraft selbst sind. In Klassenbegriffen ausgedrückt, drückt sich das aus im unüberwindbaren Gegensatz zwischen der Bourgeoisie, die die Produktionsmittel besitzt, und dem Proletariat, das mit diesen Produktionsmitteln seine Arbeitskraft verausgabt. Die Arbeit erzeugt allen Wert, und nur die Arbeit kann Rohstoffe in Waren verwandeln. Die Waren haben einen Gebrauchswert und einen Tauschwert zugleich. Die Kapitalisten interessiert zu allererst der Tauschwert, die Käufer der Gebrauchswert. Die Versuche der Bourgeoisie, immer größere Massen von Mehrwert aus der Arbeitskraft herauszupressen, stellen eine Grundlage des Klassenkampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat, zwischen Kapitalismus und Arbeiterklasse dar. Dies ist in der heutigen, von bürgerlichen Ideologen als postindustriell bezeichneten Gesellschaft, in der angeblich keine Arbeiterklasse mehr existiere, nicht weniger wahr als im 19. Jahrhundert. Die grundlegenden Widersprüche des Kapitalismus und damit der Klassengegensatz bleiben unabhängig von allen technologischen Veränderungen bestehen. Die sprunghafte Entwicklung der Produktivkräfte in den letzten fünfzig Jahren hat die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft enorm verstärkt. In dem Maß wie die Ausbeutung zugenommen hat, verstärkte sich der tendenzielle Fall der Profitrate. Gleichzeitig ist die Armut weltweit angestiegen und hat weite Teile der Arbeiterklasse erfasst. Noch nie hat sich das von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest entwickelte prophetische Bild als so wahr erwiesen wie heute: „Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor.“

Während also die technologische Entwicklung einerseits zum tendenziellen Fall der Profitrate und Problemen im Prozess der Kapitalverwertung führt, die für die andauernde Krise die wir durchleben, grundlegend sind, hat dies andererseits direkte Auswirkungen auf die Intensivierung der Ausbeutung, die Umweltzerstörung, die Entwaldung, die Vergiftung von Land und Meeren (bspw. die Unmengen an Plastik, die in den Ozeanen treiben ). Dies bedeutet einen Prozess des Massenaussterbens von Flora und Fauna, die Freisetzung immenser Mengen von CO2 in die Atmosphäre, die den Klima-Notstand und damit die Prozesse der Wüstenbildung beschleunigen. Es bedeutet Wasserknappheit und die erzwungene Migration von Hunderten Millionen Menschen aus Gegenden, die von den Polen bis zum Äquator immer weniger bewohnbarer werden. All dies ist eine direkte Folge des Kapitalismus, all dies wird sich verschlimmern, solange der Kapitalismus die vorherrschende Produktionsweise bleibt. Nur die Überwindung der kapitalistischen Ausbeutung bietet einen Ausweg. "Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse.“ (Das Kommunistische Manifest). Allerdings nur, wenn die Arbeiterklasse an einem Strang zieht, um die Klassengesellschaft und mit ihr alle Formen von Ausbeutung und Unterdrückung zu überwinden. Diese Formen der Unterdrückung, egal ob sie nun aus vergangenen Produktionsweisen resultieren, oder aus den Widersprüchen der kapitalistischen Gesellschaft entstanden sind, finden in allen sozialen Beziehungen ihren Ausdruck, sei es nun in Form von Vorurteilen, Bigotterie, Elend, Sklaverei, Erniedrigung und Diskriminierung. Sie sind nützliche Werkzeuge für die herrschende Klasse, um die Schwächsten in der Gesellschaft anzugreifen (wie man an den niedrigeren Löhnen von Frauen und Immigranten sieht) und gleichzeitig die Arbeiterklasse als Ganzes zu spalten. Das bedeutet, dass wir alle Formen der Unterdrückung bekämpfen müssen, die aus rassistischen Strukturen und Geschlechterverhältnissen resultieren und die Klassensolidarität schwächen, während sie die kapitalistischen Beziehungen mystifizieren.

Staatskapitalismus

Der Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Arbeit und dem Privateigentum an den Produktionsmitteln vergrößert sich mit der Veränderung der Formen der Vergesellschaftung der Arbeit einerseits und des Eigentums andererseits. Während der klassische (westliche) Kapitalismus im neunzehnten Jahrhundert dadurch gekennzeichnet war, dass der einzelne Kapitalist den Mehrwert direkt aus seinen Fabrikarbeitern auspresste, wich dies im zwanzigsten Jahrhundert neuen Formen kapitalistischer Kontrolle. Das Staatseigentum der wichtigsten Produktionsmittel ändert nichts an seinem kapitalistischen Charakter als (faktisches) Eigentum des Finanzkapitals, der grundlegenden Erscheinungsform im imperialistischen Zeitalter. Auch die Vorherrschaft nationaler und multinationaler Monopole in Form von Aktiengesellschaften (also „gesellschaftlichen Kapital“) hebt die grundlegenden Widersprüche des Kapitalismus nicht auf, sondern verschärft und erweitert ihn, indem sie ihm internationale Dimension verleiht. Dies wurde von Engels bereits vor mehr als 100 Jahren gesehen. Er erklärte, dass: „…die Umwandlung in Aktiengesellschaften (und Trusts) oder in staatliches Eigentum nicht die kapitalistische Natur der Produktivkräfte ändert. Was die Aktiengesellschaften anbelangt, ist es offenkundig, dass der moderne Staat seinerseits die Organisation darstellt, die sich die Bourgeoisie gibt, um die für das Funktionieren der kapitalistischen Produktion nötigen Bedingungen gegen die Störungen zu bewahren, die von den Arbeitern wie von einzelnen Kapitalisten kommen können. Der moderne Staat ist unabhängig von den Formen, die er annimmt, im Wesentlichen der Staat der Kapitalisten, eine Maschine im Dienste der Kapitalisten, die ideelle Personifizierung des gesamten nationalen Kapitals. Mehr noch, er begibt sich in den Besitz der Produktivkräfte, wird realer Kapitalist und beutet selber seine Staatsbürger aus. Die Proletarier bleiben Lohnarbeiter, und die für den Kapitalismus typischen gesellschaftlichen Verhältnisse verschwinden keineswegs.“ In den sogenannten „sozialistischen“ Ländern hatte sich lediglich eine besondere Form des Staatskapitalismus durchgesetzt, in welcher der Staat direkt die Produktionsmittel kontrollierte und das Monopol über den Markt hatte. Der kolossale Zusammenbruch der UdSSR bestätigte die Analyse, die die Kommunistischen Linken in den langen Jahren zwischen der Oktoberrevolution bis zum Zusammenbruch des russischen Blocks auf der Grundlage der marxistischen Kritik der politischen Ökonomie entwickelten. Die tragische Gleichsetzung des Sozialismus mit dem Staatseigentum an den Produktionsmitteln ist heute, da der sog. „realexistierende Sozialismus“ wieder die Organisations- und Gesetzformeln des klassischen westlichen Kapitalismus angenommen hat, an ein Ende gekommen.

Die imperialistische Epoche

Die frühere Sowjetunion und die mit ihr verbündeten Länder bildeten einen imperialistischen Block. Der Zusammenbruch dieses Blocks hat ein neues Kapitel in der Geschichte des Weltkapitalismus eröffnet, das aber lediglich eine Verlängerung der imperialistischen Epoche des Kapitalismus darstellt, die mit dem Ersten Weltkrieg begann. Der Erste Weltkrieg, Resultat der Konkurrenz zwischen den imperialistischen Staaten, markierte einen endgültigen Wendepunkt in der Entwicklung des Kapitalismus. Er zeigte in der Tat, dass der Akkumulationsprozess des Kapitals zu einem so hohen Grad an Konzentration und Zentralisation geführt hatte, dass sich von nun an die zyklischen Krisen, die seit je her eine unabdingbare Begleiterscheinung des kapitalistischen Akkumulationsprozesses gewesen waren, zu weltweiten Krisen steigerten, die nur durch globale Kriege gelöst werden konnten. Der Kapitalismus trat somit in eine neue historische Epoche ein, in die Epoche des Imperialismus, in welchem jeder Staat Teil eines globalen wirtschaftlichen Systems ist und den ökonomischen Gesetzen, die dieses System regeln, nicht entrinnen kann. Der Imperialismus ist deshalb nicht nur eine Art von Politik der mächtigeren Staaten gegenüber den schwächeren, sondern ein unvermeidbarer Prozess, in welchem die Fangarme der in industrieller und finanzieller Hinsicht am meisten entwickelten Zentren Mehrwert aus den peripheren Regionen saugen. Dieser Prozess kennt keine Staatsgrenzen und verwickelt die Bourgeoisien der peripheren Länder gleichermaßen in die Mechanismen des internationalen Finanzkapitals wie die der metropolitanen Zentren. Die Bourgeoisien der peripheren Länder gehören deshalb ohne Abstriche zur internationalen Kapitalistenklasse, und es wäre deshalb falsch, sich von ihnen ein Minimum an Loyalität gegenüber der eigenen Nation gegen die imperialistische Herrschaft zu erwarten, wie dies ihre „antiimperialistischen" Unterstützer tun.

Die gegenwärtige Periode

Die gegenwärtige Periode ist, wie bereits erwähnt, durch die längste und größte Strukturkrise in der Geschichte des Kapitalismus gekennzeichnet. Obwohl sie sich immer auswirkte, wurde der tendenzielle Fall der Profitrate seit Anfang der 70er Jahre deutlich spürbarer, als Teil eines teuflischen Zyklus aus dem der Kapitalismus, wie sich deutlich zeigt, nicht mehr ausbrechen kann. Das Paradoxe der gegenwärtigen Gesellschaft besteht darin, dass trotz des technologischen Potentials, welches in der Geschichte der Menschheit beispiellos ist, immer mehr produziert wird, allerdings bei immer niedrigeren Wachstumsraten. Ein immer geringerer Teil des produzierten Reichtums wird dem sog. „Wohlfahrtsstaat“ zugewiesen. Der Fall der Profitrate drängt das Kapital in die Spekulation auf Kosten produktiver Investitionen. Immer häufiger auftretende Börsenblasen und die daraus resultierenden Finanzkrisen führen zur Verschuldung von Unternehmen, Staaten und Privathaushalten und immer aggressiveren Kürzungen der direkten und indirekten Löhne. Ebenso charakteristisch für die gegenwärtige Periode sind die Kriege, die so präsent und verheerend, wie die durch sie ausgelösten Wirtschaftskrisen zum festen Bestandteil des Kapitalismus geworden sind. Heute scheint die Lösung eines Krieges die einzige Möglichkeit zu sein der Kapitalabwertung (durch Wertvernichtung zum Ziele des Wiederaufbaus) Herr zu werden. Er scheint die einzige Möglichkeit zu sein, einen neuen Akkumulationszyklus bei einer stärkeren industriellen Kapitalkonzentration (Produktionsmittel) und Zentralisierung von Finanzkapital zu eröffnen. Der Staat verschuldet sich also weiter in dem vergeblichen Versuch, die Produktion anzukurbeln und so die Krise einzudämmen.

Die Sozialdemokratie

Die imperialistische Epoche hat der Menschheit ihren höllischen Kreislauf von Weltkrieg - Wiederaufbau - Krise - und wiederum Weltkrieg beschert, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit, eine höhere Stufe der Zivilisation zu erreichen: den Kommunismus. Die Generalprobe dafür war die russische Oktoberrevolution von 1917, in der das russische Proletariat die Macht eroberte - der erste Akt einer revolutionären Welle, die sich in ganz Europa und in der ganzen Welt aus dem Gemetzel und den Verwüstungen des Ersten Weltkriegs erhob. Eine wichtige Erfahrung dieser Periode war aber auch der Verrat der meisten Parteien der Zweiten Internationale, die den Massakern am Proletariat der verschiedenen Länder im imperialistischen Krieg zustimmten und die revolutionären Aufstände der Arbeiter nach dem Ersten Weltkrieg unterdrückten. Heute können wir einen klaren Unterschied zwischen den Arbeiterorganisationen in der Periode vor der russischen Oktoberrevolution und denen nach dieser Revolution erkennen. Im Akkumulationszyklus vor der Ersten Weltkrieg, während sich die bürgerliche Produktionsweise ausdehnte und schließlich konsolidierte, entwickelten sich die demokratischen und nationalistischen Bewegungen, die auch die Arbeitermassen Europas in Bewegung setzten. Sie erleichterten die Bildung von Gewerkschaften und Arbeiterparteien, die auch die Arbeitermassen in Europa in ihren Bann zogen. Wenngleich sich die Arbeiterklasse in Organisationen formierte, die im Großen und Ganzen im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft verharrten und sogar zu einem festen funktionalen Bestandteil dieser Gesellschaft wurden, war die Arbeiterklasse imstande, über diese Organisationen ihre Klassenidentität auszudrücken, indem sie ihre Bedürfnisse formulierte und ihre Probleme auf die Tagesordnung setzte. Gleichzeitig wurden die revolutionären Theorien von Marx und Engels zum Rüstzeug der Arbeiter, auch wenn die Mehrheit der sozialdemokratischen Kräfte nicht gemäß der marxistischen Theorie handelte, sondern nur Lippenbekenntnisse abgab. Die von Marx erwartete Revolution blieb für die Sozialdemokratie in der Tat ein fernes Ziel, das irgendwann in einer fernen Zukunft mit nicht näher bestimmten Mitteln erreicht werden würde. In der Theorie blieb der Sozialismus das große Kampfziel und die glorreiche Zukunft, in der Praxis aber wurden die Wahlen, der achtstündige Arbeitstag, die Organisationsfreiheit usw. zum strategischen Ziel dieser Partei. 1914 zeigte die Sozialdemokratie, dass sie sich offen mit dem Imperialismus identifizierte, und dies brachte einen entscheidenden Wendepunkt in der Arbeiterbewegung: Die klare Scheidung zwischen den Kommunisten und den bürgerlichen Kräften, die bis dahin die Massenbewegung der Arbeiter kontrollierten. Mit der Gründung der Dritten Internationale wurde der Beginn der Epoche der proletarischen Weltrevolution ausgerufen, und dies bedeutete den Sieg der wahren Prinzipien des Marxismus. Von diesem Augenblick an musste die Aktivität der Kommunisten in der Tat ausschließlich auf den Sturz des bürgerlichen Staates gerichtet sein, um die Bedingungen für den Aufbau einer neuen Gesellschaft zu schaffen. Die Epoche des Imperialismus ist die Ära der allumfassenden universellen kapitalistischen Herrschaft und die erfordert eine direktere universelle revolutionäre Strategie. Die proletarische Revolution und die Errichtung der Diktatur des Proletariats sind die Grundprinzipien der Internationale. Unterschiedliche spezifische Bedingungen, genauer gesagt die Vielfalt der sozialen und politischen Formen der bürgerlichen Herrschaft erfordern unterschiedliche taktische Ansätze. Dennoch wird die Taktik der internationalen Organisation des Proletariats immer auf der Grundlage ihres universellen revolutionären Programms definiert werden. Die Ära der demokratischen Kämpfe ist schon vor langer Zeit zu Ende gegangen und kann sich in der gegenwärtigen imperialistischen Epoche nicht wiederholen.

Parlamentarismus

Die Kommunisten machen sich keine Illusionen, dass die Freiheit der Arbeiter durch die Wahl einer Mehrheit im Parlament gewonnen werden kann. Vor allem ist der Glaube, dass die herrschende Klasse friedlich tatenlos zusehen würde, während wir im Parlament Gesetze für den Sozialismus durchboxen, eine Illusion des „parlamentarischen Kretinismus“. Die parlamentarische Demokratie ist nur das Feigenblatt, um die Diktatur der kapitalistischen Klasse zu verschleiern. Die wirklichen Machtorgane der demokratischen kapitalistischen Gesellschaft liegen außerhalb des Parlaments mit der Staatsbürokratie, ihren Sicherheitskräften und den Kontrolleuren der Produktionsmittel. Das Parlament ist für die Bourgeoisie nur insofern nützlich, als es ihr gelingt, die Illusion zu verbreiten, dass die Regierenden von den Arbeitern gewählt worden sind. Als solche lehnen Revolutionäre Parlamentswahlen ab, indem sie die Arbeiter auffordern, auf ihrem eigenen Klassenterrain zu kämpfen. Es ist die Aufgabe der revolutionären Partei aufzuzeigen, dass die Arbeiterklasse nur durch die Zerstörung des Kapitalismus und des bürgerlichen Staates eine vollkommene Meinungs- und Organisationsfreiheit erreichen kann. Dies wird in Form von Arbeiterräten auf dem Prinzip der Wähl -und jederzeitigen Abwählbarkeit der Delegierten erfolgen. Sobald die kapitalistischen Verhältnisse überwunden sind, werden die Räte, die Klasse und die Notwendigkeit eines staatlichen Organs hinfällig werden. Die Räte werden sich so von einer Körperschaft mit halbstaatlichen Funktionen zu bloßen Verwaltungsstrukturen der Wirtschaft wandeln. Das meinen wir, wenn wir vom „Absterben des Staates“ und der Diktatur des Proletariats" sprechen.

Gewerkschaften

Die Gewerkschaften sind als Instrumente des Abschlusses von Verträgen über die Bedingungen des Verkaufs der Arbeitskraft entstanden und waren niemals nützliche Instrumente für den Sturz des bürgerlichen Staates. In der imperialistischen Epoche ist es darüber hinaus ihre Aufgabe, den Kapitalismus besonders in kritischen Momenten, in denen er bedroht ist, zu stützen. Daraus folgt, dass es für die Revolutionäre unmöglich ist, die Führung dieser Organisationen zu erobern. Sie müssen deshalb die Gewerkschaften überall als letzte Bastionen der Konterrevolution bekämpfen. Die Erfahrung der letzten revolutionären Welle und der darauf folgenden Konterrevolution machte den marxistischen Revolutionären absolut klar, dass die Gewerkschaften keine Massenorganismen sein können, die sich für eine politische Minderheit der Klasse (die Partei) dazu eignen würden, für die Verbreitung ihres Programm und ihrer Losungen in der gesamten Klasse zu arbeiten. Die Organismen, die die Kommunisten traditionell als Organismen des Kampfes und der Machtausübung der Klasse verstanden haben, sind hingegen die Räte (Sowjets), die sich im Augenblick des Wachstums des Klassenkampfes bilden. So wie die Kommunisten die politische Führung der Massen nur in besonderen Situationen erobern können, bilden sich die Massenorgane, durch die die Kommunisten diese Funktion ausüben können, als Werk der Massen nur in Perioden des ansteigenden Kampfes. Außerhalb dieser besonderen Perioden müssen die Kommunisten ihre politische Arbeit entfalten, indem sie das Wachstum der Klassenvorhut zu fördern versuchen und am Kampf der Arbeiter teilnehmen. Die Kämpfe können nur dann ihren zufälligen und reaktiven Charakter abstreifen und sich zu einem antikapitalistischen politischen Kampf weiterentwickeln, wenn die Kommunisten an den Arbeitsplätzen in den Betrieben präsent und wirksam sind. Nur dann können die Kommunisten ein Ansporn für die Arbeiter sein und ihnen eine glaubhafte Perspektive aufzeigen können. Das heißt, dass sie die bewusstesten Arbeiter dahin lenken müssen, sich nicht für das Aushandeln von Löhnen oder anderer Bedingungen mit dem Kapital einzusetzen, sondern für den Aufbau von Kampfstrukturen, die dann als Band zwischen der Partei und den großen Arbeitermassen dienen können.

Nationale Befreiungskämpfe

Die historische Epoche, in welcher die nationalen Befreiungskämpfe ein fortschrittliches Element innerhalb der kapitalistischen Welt darstellen konnten, ist seit vielen Jahrzehnten, seit dem Ersten Imperialistischen Krieg 1914, beendet. In der imperialistischen Epoche hat der Kapitalismus einen globalen Charakter angenommen, das bedeutet aber auch, dass die scheinbaren Unterschiede, die noch immer zwischen den verschiedenen Gesellschaftsformationen in den verschiedenen Weltregionen bestehen, keine wirklichen Unterschiede in den Produktionsweisen darstellen. Es besteht deshalb für das Proletariat keine Notwendigkeit, in den verschiedenen Regionen der Welt verschiedene revolutionäre Strategien anzuwenden. Die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft hat gezeigt, dass unter der kapitalistischen Produktionsweise verschiedene Gesellschaftsformationen, Ergebnis von unterschiedlichen Geschichtsverläufen, bestehen können, jedenfalls sind sie den Interessen des Imperialismus unterworfen, der die nationalen, ethnischen und kulturellen Differenzen dazu benützt, seine eigene Vormachtstellung aufrechtzuerhalten. Die Art und Weise, wie die Bourgeoisie ihre politische Kontrolle ausübt, wechselt mit den sozialen und kulturellen Bedingungen in den verschiedenen Ländern und Regionen, doch die Macht bleibt in jedem Fall stets dieselbe: es ist die des Kapitals. Deshalb bekämpfen wir die Ansicht, gemäß der in manchen Ländern die nationale Frage noch offen sei, das Proletariat also in diesen Fällen seine eigene revolutionäre Strategie aufgeben muss, um sich mit der lokalen Bourgeoisie (oder schlimmer, mit einer imperialistischen Front) zu verbünden. Die revolutionäre Organisation weist jeden Versuch zurück, die Klassensolidarität zugunsten der Betonung von Kultur - oder Rassenunterschieden zu untergraben. Nur wenn das Proletariat in der Verteidigung seiner eigenen Interessen geeint ist, wird es in der Tat möglich sein, die Grundlage jeder Art von nationaler Unterdrückung auszumerzen. In Anbetracht der Tatsache, dass die kapitalistische Herrschaft seit geraumer Zeit globalen Charakter angenommen hat, ist eine revolutionäre Strategie vonnöten, die ebenfalls global ist: Die proletarische Revolution und die Diktatur des Proletariats müssen die Angelpunkte der Strategie der kommunistischen Partei in jedem Land sein. Spezifische Situationen, genauer die Verschiedenheit der verschiedenen politischen und sozialen Formen, durch die sich die bürgerliche Herrschaft auf der ganzen Welt realisiert, verlangen sicher verschiedene taktische Annäherungen, aber in jedem Fall wird die Taktik der internationalen Organisation des Proletariats auf der Basis des revolutionären Programms festgelegt werden.

Revolution und Konterrevolution

Die Niederlage der europäischen revolutionären Bewegung und das Wesen der Konterrevolution in Russland, stellten die revolutionären Marxisten vor das Problem, die Lehren aus der gesamten Erfahrung in der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg zu verstehen. Der konterrevolutionäre Prozess spiegelte sich auch in der Dritten Internationale wider, die ihre Mitgliedsparteien auf die Verteidigung des russischen Staates verpflichtete und ihnen dabei die Rückkehr zu den Strategien und Taktiken der sozialdemokratischen Politik auferlegte. Diesem Degenerationsprozess folgten Trotzki und seine Anhänger in den dreißiger Jahren, wie Trotzkis Politik des Eintritts in sozialdemokratische und Arbeiterparteien (die so genannte "französische Wende") eindrucksvoll zeigte. Die Entrismuspolitik und die Unterstützung des Trotzkismus für die imperialistischen Ambitionen der UdSSR haben den Trotzkismus als potenziell revolutionäre Strömung ausgelöscht. Es blieb anderen überlassen, die Lehren aus der proletarischen Niederlage zu ziehen. Angesichts der prorussischen Haltung der nunmehr stalinisierten Kommunistischen Parteien und des Verblassen der großen bolschewistischen Erfahrung auf dem Boden des Staatskapitalismus, verhinderte einzig die durch die Kommunistische Linke entwickelte Analyse des imperialistischen und staatskapitalistischen Charakters Russlands, dass das kommunistische Programm mit dieser Erfahrung vollkommen verschüttet wurde. Das hatte zur Folge, dass sogar während des zweiten imperialistischen Krieges mit der Gründung der Internationalistischen Kommunistischen Partei in Italien 1943 eine unabhängige revolutionäre Partei der Arbeiterklasse entstehen konnte.

Die Degeneration der russischen Revolution und der Komintern

Der in Russland mit dem Sieg vom Oktober eingeleitete revolutionäre Prozess wurde durch die Isolierung von Räte-Russland und die Niederlage der Wellen proletarischen Kampfes in den wichtigen europäischen Ländern unterbrochen. Der Arbeiterstaat war dadurch auf sich selbst und auf seine kapitalistischen wirtschaftlichen Grundlagen zurückgeworfen. Diese Erfahrung hat ein für alle Mal den Marxisten gezeigt, dass man den Sozialismus nicht in einem einzigen Land aufbauen kann und dass kein sozialistischer Staat außerhalb eines realen internationalen revolutionären Prozesses existieren kann. Das Proletariat kann zwar in einem einzigen Land die Macht ergreifen und so eine proletarische Macht zum Ausdruck bringen; es kann diese Macht aber nicht halten, ohne dass sich die revolutionäre Bewegung anderswohin ausbreitet, und die konkrete Möglichkeit eröffnet neue gesellschaftliche Beziehungen aufzubauen. In der zweiten Hälfte der 20er-Jahre war die Kommunistische Internationale komplett durch die Kommunistische Partei der Sowjetunion beherrscht und hörte auf, ein nützliches Instrument für die Erreichung der objektiven strategischen Ziele des internationalen Proletariats zu sein. Was vom revolutionären Potential in Europa und China blieb, wurde von der Politik der Komintern fehlgeleitet. Diese wurde nun vom Staat Sowjetunion zum Zwecke seines Selbsterhalts gelenkt. In der Sowjetunion selbst führte die Erdrosselung des revolutionären Prozesses zur Entstehung einer antiproletarischen Diktatur unter Stalin, Ausdruck der im Lande herrschenden kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse, und die Entwicklung eines gleichartigen Regimes in einem so ausgedehnten Land brachte seinen Wiedereintritt in die internationale Szenerie als imperialistische Macht mit sich. Als solche nahm die Sowjetunion (und mit ihr die verschiedenen nationalkommunistischen Parteien) am Krieg in Spanien und dann am Zweiten Weltkrieg teil, durch den sie ihre Kontrolle auf die Länder Osteuropas ausdehnte und sie zwang, ihr stalinistisches Modell des Staatskapitalismus zu übernehmen. Das Scheitern der Perestroika und der Zusammenbruch dieses Blocks war nicht das Signal, dass ein "Arbeiterstaat" seine Degeneration endlich vollendet hatte, sondern ein Beweis für das Ausmaß der kapitalistischen Krise in der schwächeren "Supermacht".

China

In China führte die Entwicklung über einen anderen Verlauf zum selben Resultat, d.h. zu einem staatskapitalistischen Regime, das heute noch auf der Suche nach seiner Rolle innerhalb des internationalen imperialistischen Systems ist. Der grundlegende Unterschied zwischen der russischen und der chinesischen Geschichte besteht jedoch darin, dass in China keine proletarische Revolution ähnlich der von 1917 stattgefunden hat. Die Geschichte des heutigen chinesischen Regimes beginnt mit der tragischen Niederlage der proletarischen Bewegung in den Vorfällen von Kanton und Schanghai von 1927. Ihr folgte der Bürgerkrieg. Er wurde von einem Klassenbündnis angeführt, in dem die Bauern die Manövriermasse darstellten. Der Krieg endete mit der Errichtung eines Regimes unter sowjetischer Schirmherrschaft, das von seinem Schirmherrn das Modell des hoch zentralisierten Staatskapitalismus übernahm. Nachdem sich dieses Regime in den 60er-Jahren unter der Fahne des Neostalinismus (Maoismus) aus der sowjetischen Einflusssphäre gelöst hatte, näherte es sich in den 70er-Jahren an die USA an. Diese beiden scheinbar widersprüchlichen Bewegungen entsprangen aus dem Versuch der Staatsmacht, die Kontrolle über die Wirtschaft aufrechtzuerhalten und die kapitalistische Akkumulation zu fördern. In China hat nie eine proletarische Macht existiert, und die marxistische Ideologie wurde nur als Mittel benützt, die Massen dazu zu bringen, ihre Interessen zum Wohle des nationalen Kapitals zu opfern.

Partei, Staat und Klasse — die Lehre der Konterrevolution

Diese Erfahrungen der Konterrevolution stellen Revolutionäre vor die Aufgabe, ihr Verständnis des problematischen Verhältnisses von Staat, Partei und Klasse zu vertiefen. Die Rolle, die eine vormals revolutionäre Partei im Verlauf der Konterrevolution in Russland gespielt hat, führte viele Möchtegern-Revolutionäre dazu, die Idee einer Klassenpartei gänzlich abzulehnen. Doch die Sache ist nicht so einfach. Die Klassenpartei ist für den revolutionären Kampf des Proletariats unentbehrlich, gerade weil sie der politische und organisierte Ausdruck des Klassenbewusstseins ist. Sie setzt sich aus dem politisch fortschrittlichsten Teil der Arbeiterklasse zusammen, der sich organisiert, um das Programm zur Befreiung des gesamten Proletariats zu verteidigen und die ganze Klasse zum Sturz des Kapitalismus zu führen. Die revolutionäre Partei wird per definitionem immer eine Minderheit des Proletariats sein. Dennoch kann das kommunistische Programm, das sie verteidigt, nur von der Arbeiterklasse als Ganzes umgesetzt werden. Während der Revolution wird die Partei versuchen, die politische Führung zu übernehmen, indem sie ihr Programm in den Massenorganen der Arbeiterklasse verbreitet. So wie revolutionäres Bewusstsein ohne Partei undenkbar ist, so ist auch die Lehre aus der russischen Erfahrung, dass selbst die klassenbewussteste Partei keine Revolution isoliert von den Räten (oder ähnlichen Massenorganen der Arbeiterklasse) aufrechterhalten kann. Die Räte sind Ausdruck der politischen Macht der Arbeiterklasse (der Diktatur des Proletariats) und ihr Niedergang und ihre Marginalisierung im politischen Leben in Russland verdeutlichten die Erdrosselung des jungen Sowjetstaates durch die kapitalistische Konterrevolution. Die Macht, die in den Händen der bolschewistischen Kommissare blieb, als sie von einer erschöpften und dezimierten Arbeiterklasse isoliert wurden, war die Macht eines kapitalistischen Staates. In der künftigen Weltrevolution muss die internationale Partei danach streben, die revolutionäre Bewegung ausschließlich durch die Massenorgane der Klasse zu führen, bzw. zum Entstehen solcher Organe ermutigen. Es gibt jedoch keine formalen Garantien für den Sieg. Ferner darf sich die revolutionäre Partei nicht im Voraus selbst blockieren, indem sie mechanistische Barrieren errichtet, die auf der Angst vor einer Niederlage beruhen. Weder die Partei noch die Sowjets sind für sich genommen ein Garant gegen die Konterrevolution. Die einzige wirkliche Garantie für den Sieg ist das lebendige Klassenbewusstsein der werktätigen Massen und die ständige Ausdehnung der internationalen Revolution.

Die Revolutionäre Internationale

Die Internationale oder die politischen Organisationen, aus denen sie entstehen wird, umfassen den bewusstesten Teil des Proletariats, der sich organisiert, um das revolutionäre Programm zu verteidigen. Durch das Instrument des Marxismus und auf der Basis der Lehren, die aus den historischen Erfahrungen der Klasse gezogen wurden, arbeitet die Partei das Programm aus und definiert die revolutionäre Strategie und Taktik. Die zukünftige Weltpartei wird darauf abzielen müssen, die Massen dem Einfluss der verschiedenen konterrevolutionären und nationalistischen Ideologien, die die Arbeiterklasse irreführen, zu entziehen, sie wird aber nur dann imstande sein, ihr Ziel voll zu erreichen, wenn die Arbeitermassen unter dem Anstoß der durch die weltweite Krise des Kapitalismus hervorgerufenen materiellen Widersprüche wieder als Akteure auf die historische Bühne zurückkehren. Die Revolution wird nur dann eintreten, wenn die revolutionäre Organisation angemessen entwickelt und vorbereitet ist, um den Angriff gegen die politischen Feinde des revolutionären Programms durchzuführen. Wir lehnen aber die Auffassung ab, dass die Partei erst im Augenblick des Beginns der Revolution gegründet werden soll oder, dass ihre Aufgaben auf bloße Propaganda beschränkt sein soll. Die proletarischen politischen Kräfte haben die Pflicht, sich auch dann zu organisieren, wenn die objektiven Umstände ihrer Möglichkeit, die großen Massen der Arbeiter zu beeinflussen, enge Grenzen setzen. In der Epoche des Imperialismus kontrolliert die bürgerliche Herrschaft über die Gesellschaft jeden Aspekt des gesellschaftlichen Lebens, parallel zur Konzentration der Produktionsmittel in den Händen des Finanzkapitals hat sich die politische und ideologische Herrschaft der Bourgeoisie verstärkt. Was Marx vor mehr als einem Jahrhundert behauptete, trifft heute mehr als zu anderen Zeiten zu: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so dass ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind. Die herrschenden Gedanken sind weiter nichts als der ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse, also der Verhältnisse, die eben die eine Klasse zur herrschenden machen, also die Gedanken ihrer Herrschaft.“ (Karl Marx, Die deutsche Ideologie. Kritik der neuesten deutschen Philosophie).

Das bedeutet, dass unter der Bedingung von sozialem Frieden und im Besonderen in den imperialistischen Metropolen, wo die Herrschaft der Bourgeoisie am stärksten eingewurzelt und am umfassendsten ist, das Proletariat vollkommen der bürgerlichen Ideologie unterworfen ist. Dies wiederum führt zu einer deutlichen Trennung des Proletariats als Ganzes und dem politischen Ausdruck seines historischen Kampfes – der kommunistischen Partei. Solange die gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise nicht zum Zusammenbruch der bürgerlichen ideologischen und politischen Auffassungen führt, können das revolutionäre Programm und die Organisation, die es verficht, nur in einer starken Absonderung von der Klasse existieren, und keine noch so große voluntaristische Anstrengung und kein noch so großes organisatorisches Mittel kann etwas dagegen ausrichten. Trotz alledem ist der Akkumulationszyklus, der nach dem Zweiten Weltkrieg begann, seit geraumer Zeit an seinem Ende angelangt, und der Nachkriegsaufschwung ist in eine globale Krise übergegangen. Wieder einmal befindet sich die Menschheit vor einem historischen Scheideweg: hier der imperialistische Krieg, dort die Revolution, und den über die ganze Welt zerstreuten Revolutionären stellt sich das Gebot, die Reihen enger zu schließen. In der Epoche der Herrschaft des monopolistischen Kapitalismus kann sich kein Land den Anstößen entziehen, die den Kapitalismus zum Krieg treiben. Dieser unabwendbare Gang hin zur Zerstörung wird heute von einem verallgemeinerten Angriff auf die Lebens - und Arbeitsbedingungen des Proletariats begleitet. Es existieren heute die materiellen Bedingungen, aus denen sich der Kampf der Arbeiter gegen die Ausbeuter in einem internationalen Maßstab entwickelt, gleichzeitig besteht die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer kommunistischen Revolution. Was aber noch fehlt, ist eine revolutionäre Partei, die imstande ist, eine solche Schlacht vorzubereiten und durchzufechten. Aus den vorangehenden Punkten geht hervor, dass es nunmehr Zeit ist, aktiv am Aufbau der revolutionären Partei zu arbeiten. So beschränkt ihre Kräfte auch sein mögen, die Revolutionäre müssen alles ihnen Mögliche tun, um die proletarischen Massen dem politischen Einfluss der reaktionären und kriegstreibenden Kräfte zu entreißen. Dazu ist aber ihre Organisierung und Zentralisierung auf internationalem Niveau nötig. Der Prozess des Übergangs der fragmentierten Kämpfe der über den ganzen Globus verstreuten revolutionären Kräfte zu den politischen und militärischen Kämpfen der internationalen revolutionären Partei von morgen, erfordert von den Kommunistinnen und Kommunisten ein Höchstmaß an Anstrengungen, um sich politisch zu homogenisieren und neue Kader herauszubilden. Die Entstehung der internationalen Partei des Proletariats wird über die Auflösung der verschiedenen „nationalen" Organisationen, die sich in der Plattform und im Programm der Partei wiedererkennen, erfolgen. Die Internationalistische Kommunistische Tendenz setzt sich zum Ziel, Fokus der Koordinierung und die Vereinigung dieser Organisationen vor. Sein Statut wird die Grundlagen für die organisatorische Homogenisierung (die sich aus der Auflösung der einzelnen Organisationen ergibt) liefern, indem eine wirklich internationale Struktur geschaffen wird. Dann wird die IKT die Aufgabe, die sie sich gegeben hat, erfüllt haben.

Internationalistische Kommunistische Tendenz

Monday, May 11, 2020