Comitato d'Intesa: Ein Jahrhundert Klassenkampf

Ein Beitrag zur Geschichte der Italienischen Kommunistischen Linken

Bis 1925 war die weltweite revolutionäre Welle, die durch den Oktober 1917 in Russland ausgelöst worden war, abgeebbt. Weltweit befanden sich die ArbeiterInnenkämpfe auf dem Rückzug, während das Kapital seine Gegenoffensive vorantrieb. Die ArbeiterInnenklasse in Deutschland hatte durch die SPD und den Rest des kapitalistischen Staates eine Reihe von Niederlagen erlitten. Die Ungarische Räterepublik wurde im Keim erstickt, und eine bemerkenswerte Streikwelle in Nordamerika im Jahr 1919 wurde ebenfalls niedergeschlagen. In Italien wurde die Kommunistische Partei erst nach den „Zwei roten Jahren“ (1919–20) gegründet, in denen es zu zahlreichen Fabrikbesetzungen gekommen war, die jedoch keine kohärente politische Agenda hatten. Als sich die RevolutionärInnen unabhängig von den Sozialdemokraten organisierten, die lediglich den Kapitalismus reformieren wollten (Januar 1921), wurden sie sowohl vom „demokratischen“ Staat als auch von Mussolinis faschistischen Banden zurückgedrängt.

In Russland selbst waren die ArbeiterInnenräte, das Herzstück der sozialen Revolution, im Laufe der Wirtschaftskrise und des Bürgerkriegs zu leeren Hüllen geworden. Die Bevölkerung von Moskau und Petrograd ging um 50 % zurück, da die ArbeiterInnen auf der Suche nach Nahrung aus den Städten flohen oder an den Fronten des Bürgerkrieges starben. Eine „vorsichtige” Schätzung der Zahl der bis zum Winter 1921/22 Verstorbenen liegt bei 5 Millionen. Der letzte Sargnagel für die Sowjetmacht (d. h. die demokratische Kontrolle von unten durch ein weitverzweigtes Netz von ArbeiterInnenräten) war die Niederschlagung des Kronstädter Aufstands und das anschließende Fraktionsverbot innerhalb der bolschewistischen Partei. Zu dieser Zeit gingen die RevolutionärInnen in der bolschewistischen Partei jedoch weitgehend davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis die proletarische Revolution durch die Unterstützung einer siegreichen ArbeiterInnenrevolution anderswo gerettet und wiederbelebt werden könne.

Diese Politik erwies sich jedoch als zweischneidiges Schwert. Sich durch Zugeständnisse und die Unterzeichnung von Verträgen mit kapitalistischen Mächten über Wasser zu halten, birgt offensichtlich die Gefahr, diesen Mächten nachzugeben und sich ihrem Gefüge anzuschließen. Außerdem bedeutete die vorrangige Sicherung des Überlebens des russischen Regimes zunehmend, dass jede oppositionelle Stimme innerhalb der neu gegründeten Internationale unterdrückt wurde. Vor diesem historischen Hintergrund trieben die politischen Entscheidungsträger der Dritten Internationale die „Bolschewisierung” der Weltpartei voran, versetzten der revolutionären Welle den Todesstoß und verwandelten die Internationale zunehmend in ein Instrument zur Sicherung des Überlebens des sich entwickelnden staatskapitalistischen Regimes in Russland. Gegen diese opportunistischen taktischen Wendungen kämpften diejenigen, die das Comitato d‘Intesa gründeten. Die „Einheitsfront“ und die Parole der „ArbeiterInnenregierung“ waren eine eindeutige Abkehr von den Grundsätzen auf denen die Komintern gegründet worden war. Lenins ursprünglicher Aufruf zu einer neuen Internationale im Jahr 1915 basierte auf der klaren Erkenntnis, dass die Sozialdemokratie die Grenzen ihrer Klasse überschritten hatte, da sich die Mehrheit der Parteien der Zweiten Internationale im Ersten Weltkrieg auf die Seite ihrer eigenen nationalen Kapitale gestellt hatte. Diese Erkenntnis wurde nur umso mehr bestätigt, als die Sozialdemokraten sich an der Offensive des Kapitals beteiligten, wofür die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht durch die SPD-Regierung unter Ebert exemplarisch ist. Vor diesem Hintergrund riefen die Spitzen der Komintern zu einem Bündnis zwischen der PCd'I und der Sozialistischen Partei Italiens (PSI) auf, von der sie sich erst wenige Jahre zuvor abgespalten hatten. Die „Einheitsfront“, die die Komintern-Führung im Sinn hatte, war nicht die Klasseneinheit unabhängig von den politischen Parteien in einem Streik, wie es im Vorfeld der Oktoberrevolution der Fall gewesen war, sondern ein parlamentarisches Bündnis mit der Sozialdemokratie. Die „ArbeiterInnenregierung“, die sie forderten, war eine parlamentarische Koalition und nicht die Zerschlagung des kapitalistischen Staates oder die politische Herrschaft der ArbeiterInnenräte.

Die katastrophalen Auswirkungen der „Bolschewisierung“ in Italien lassen sich vielleicht am besten anhand der Matteotti-Krise verstehen. Mit der Verhaftung von Amadeo Bordiga im Jahr 1923 und dem Rücktritt des Parteivorstands aus Protest gegen die Anweisung, die Partei mit der PSI zu fusionieren, sah die Komintern-Führung eine Gelegenheit, eine ihrer Linie wohlgesinntere Führung unter der Leitung von Antonio Gramsci zu installieren. Obwohl die „Mitte“ in die Führung gebracht worden war, stand die Basis der Partei weiterhin klar links. Als der sozialistische Abgeordnete Giacomo Matteotti 1924 von Faschisten ermordet wurde, geriet die Regierung Mussolinis, die ihre Kontrolle über den italienischen Staat noch nicht vollständig gefestigt hatte, in eine Krise. Als die anderen bürgerlichen Parteien aus Protest aus dem Parlament auszogen, entsetzt über diesen eklatanten faschistischen Verstoß gegen die Normen der liberalen Demokratie, wies Gramsci die kommunistischen Abgeordneten an, diesen bürgerlichen Parteien zu folgen, um ein „antifaschistisches“ „Gegen-Parlament“ zu schaffen. Aber diese parlamentarische Farce mit bürgerlichen Parteien hatte nichts mit der Festigung einer unabhängigen ArbeiterInnenklasse zu tun, die zu dieser Zeit durch einen Anstieg der Lebenshaltungskosten und der Aufhebung des Streikrechts massiven Angriffen ausgesetzt war. Als sich der Skandal zuspitzte, führten die Wendungen und Kehrtwenden von Gramsci und das Hin und Her der Komintern-Führung dazu, dass die breite Masse der ArbeiterInnenklasse in einer Zeit, in der sie bereit war auf die Straße zu gehen, orientierungslos blieb, wodurch die Kommunistische Partei die Gelegenheit verpasste, nach vier Jahren des Rückzugs wieder Fuß zu fassen und in die Offensive zu gehen.

Es ist falsch zu glauben, dass in jeder Situation Zweckmäßigkeiten und taktische Manöver die Parteibasis verbreitern können, da die Beziehungen zwischen der Partei und den Massen weitgehend von der objektiven Situation abhängt. (Plattform des Comitato d‘Intesa)

In diesem Kontext von Opportunismus und Orientierungslosigkeit wurde das Comitato d‘Intesa von militanten Linken gegründet, darunter insbesondere Onorato Damen, dem es gelang, den zögernden Bordiga davon zu überzeugen, die Initiative zu unterstützen. Das Komitee erklärte unverblümt:

Die Führung betrachtet das Problem der Eroberung der ‚Massen‘ als ein Problem des Willens. Nach und nach passt sie sich jedoch den Umständen an und verfällt im Wesentlichen dem Opportunismus.

Hier hatten sie absolut Recht, indem sie diese Trennung zwischen den beiden Vorstellungen aufzeigten. Für den linken Flügel der Partei konnte die Revolution nicht einfach durch Willenskraft herbeigeführt werden, geschweige denn durch eine Erklärung der Komintern, sondern nur durch die Auseinandersetzung mit der ArbeiterInnenklasse dort, wo sie objektiv stand, auf ihrem eigenen Terrain. Die Partei musste an der Spitze des Kampfes der ArbeiterInnen gegen die sehr realen wirtschaftlichen Angriffe auf die Klasse bleiben, dabei aber dem Endziel der ArbeiterInnenklasse treu bleiben und keine parlamentarischen Spielchen à la Gramsci spielen. In der Praxis bedeutet dies, auf die Eroberung der politischen Macht selbst hinzuarbeiten, und sicherlich nicht parlamentarische Manöver und politische Fusionen, um die Partei auf Kosten ihres Programms und ihrer Klassenposition zahlenmäßig zu vergrößern. Das Komitee hatte auch Recht mit seiner Feststellung, dass das Problem nicht auf Italien beschränkt sei, und erklärte:

Die Linke ist fest davon überzeugt, dass eine zufriedenstellende Lösung der Frage der italienischen Partei ohne eine Lösung der internationalen Fragen unmöglich ist.

Es gab jedoch keinen ernsthaften Versuch, Bilanz zu ziehen oder zu reflektieren. Tatsächlich wurde das „Problem“ des Comitato d‘Intesa in den Seiten der Unita (der Parteizeitung, die von der „bolschewisierten“ Gramsci-Führung in Italien gegründet worden war) fast ausschließlich im Zusammenhang mit dem „Trotzki-Problem“ diskutiert: ein Zeichen dafür, wie sehr die einzelnen Sektionen der Komintern einfach zu einem Spiegelbild dessen geworden waren, was in der russischen Partei vor sich ging. Schließlich willigte das Komitee unter Androhung von Ausschluss und Anordnung der Durchsuchung der Personen und Wohnungen der „Fraktionisten“ ein, sich aufzulösen, vielleicht in der vergeblichen Hoffnung, dass auf dem kommenden Kongress eine Art Debatte stattfinden würde. Was folgte, waren Ausschlüsse aus der Partei durch die „Zentrale“, Verhaftungen durch Mussolini und die Flucht vieler anderer Militanter ins Exil.

Es ist schon viele Jahre her, seit die Linke der Partei ihren Kampf durch das Comitato d‘Intesa geführt hat, aber seine Lehren sind für RevolutionärInnen auch heute noch von Wert. Zunächst einmal zeigt das Komitee, dass eine Revolution international sein muss, wenn sie nicht scheitern soll, und dass KommunistInnen diese Tatsache nie aus den Augen verlieren dürfen. Die Wurzel des Niedergangs der Komintern lag im Abflauen der revolutionären Welle und der nationalen Isolation nach der Russischen Revolution. In dieser Situation versuchten die russischen Führungen, zu retten, was zu retten war, und bemühten sich, ihre Macht zu erhalten, wobei sie darauf hofften, freundlich gesinnte „ArbeiterInnenregierungen“ zu bilden oder Handelsabkommen mit kapitalistischen Mächten anzustreben. All das auf Kosten der Grundsätze, auf denen die Internationale gegründet worden war. Im Nachhinein betrachtet war es unmöglich, ein isoliertes revolutionäres Russland in einer kapitalistischen Welt aufrechtzuerhalten, schon gar nicht angesichts der schwindenden Vitalität und Macht der ArbeiterInnenräte, doch der von ihnen verfolgte Opportunismus sorgte dafür, dass keine auswärtige aufkeimende Revolution zur Rettung kommen würde. Zweitens zeigte das Komitee, dass die Kommunistische Partei keine Partei parlamentarischer Koalitionen und politischer Manöver ist, sondern eine Partei, die für das revolutionäre Programm innerhalb der ArbeiterInnenklasse kämpft, wo sie objektiv existiert, egal ob in der Krise oder im Aufschwung. Die Partei verwirrt das Proletariat auch nicht, indem sie sich für momentanen Erfolg in der kapitalistischen Politik engagiert. Die Partei erzwingt die Revolution nicht, sondern handelt entsprechend der sich entfaltenden historischen Bewegung und in Übereinstimmung mit ihren revolutionären Prinzipien.

Heute steht unsere Klasse vor vielen Herausforderungen und hat deutliche Schwächen. Wie vor 100 Jahren in Italien stehen wir erneut vor einer Krise der Lebenshaltungskosten. Die verschiedenen Nationen rüsten sich für eine imperialistische Konfrontation, deren Schrecken unvorstellbar wären. Die Kämpfe der ArbeiterInnen die sich entwickeln, beschränken sich oft auf Gewerkschaften, sind isoliert und schwach. Wenn unsere Klasse diese dunkle Zeit überwinden will, müssen wir eine revolutionäre Partei bilden, die an der Spitze unserer Klasse kämpft. Eine Partei mit internationaler Ausrichtung, fest verankert in den Kämpfen der Klasse und mit einem klaren Ziel vor Augen: die ArbeiterInnenrevolution und eine kommunistische Zukunft. All dies mag weit entfernt erscheinen, aber es wird nicht durch bloßen Willen verwirklicht werden können. Nur die konkrete Arbeit der RevolutionärInnen von heute kann das unverzichtbare Organ des ArbeiterInnenkampfes hervorbringen: die zukünftige revolutionäre Internationale.

Klasbatalo

Zum Weiterlesen:

Woher wir kommen: Ein kurzer Überblick über die Geschichte der Kommunistischen Linken
leftcom.org

Bordiga, "Bordigismus" und die Italienische Kommunistische Linke: leftcom.org

Klassenbewusstsein und revolutionäre Organisation: leftcom.org

Die Partito Comunista Internazionalista: leftcom.org

Die Internationalistische Kommunistische Tendenz: leftcom.org

Saturday, October 25, 2025