„Der Prolog der Revolution“ – Zweiter Teil: Die ArbeiterInnenräte

Einleitung

Im ersten Teil dieses Artikels ( leftcom.org) setzten wir uns zwei Ziele: Das erste bestand darin, den Kontext zu vermitteln, innerhalb dessen die Revolution von 1905 aus heutiger Sicht zu verstehen ist. Ferner ging es darum, die Ursprünge der Entwicklungen von 1905 genauer zu untersuchen. Der entscheidende Punkt war hierbei zu zeigen, wie solche Kampfwellen entweder mit sehr begrenzten Zielen oder innerhalb enger institutioneller Zwänge beginnen können. Besonders wenn diese Zwänge von einem reaktionären Regime auferlegt werden, das sprichwörtlich um sein Überleben kämpft. Seit der Veröffentlichung hatten wir auch Gelegenheit zu lesen was andere, die sich als revolutionär und sozialistisch verstehen, zu diesem Thema geschrieben haben. Weitgehend beschränkten sich derartige Artikel auf die Wiedergabe längerer Passagen aus den Schriften von Lenin, Luxemburg oder Trotzki über das Jahr 1905. Das ist etwas bedauerlich. Es hat den Anschein, als sei hier eine Chance vertan worden. Alle drei genannten RevolutionärInnen (und wir selbst zitieren ihre Texte, wo es uns angebracht erscheint, ebenfalls sehr ausgiebig) leisteten einen enormen Beitrag. Doch sie schrieben zu einer anderen Zeit und unter gänzlich anderen Bedingungen. Sie mussten die Probleme der Revolution und des Sozialismus nicht gegenüber Menschen erörtern, die das Ausmaß der politischen Degeneration der stalinistischen Konterrevolution(1) und die Umtriebe eines monströsen Parteistaatsapparats zuweilen hautnah miterlebt haben. Also das genaue Gegenteil einer Gesellschaft, wie sie von allen BefürworterInnen des wissenschaftlichen Sozialismus angestrebt wurde. Die Lüge, dass der Stalinismus Sozialismus sei, ist auch heute noch lebendig. Die gegenwärtige Diktatur der Bourgeoisie, die sich als repräsentative Demokratie ausgibt, kann ihren Herrschaftsanspruch maßgeblich nur noch aus dieser Lüge ableiten. Als Folge dessen stehen heute die besten Elemente der jüngeren Generation einer bewussten und dauerhaften proletarischen politischen Organisation kritisch und ablehnend gegenüber. Eine Auseinandersetzung mit der Revolution von 1905 ist eine gute Gelegenheit dieses Problem anzugehen, da hier alle Fragen zur Spontanität und zum Verhältnis Partei (bzw. der revolutionären Minderheit) und der Klasse sowie den von ihr hervorgebrachten Kampforganen (wie bspw. den Räten) aufgeworfen werden. Trotz des letztendlichen Scheiterns der Räte im Jahr 1905 gilt es komplexe Fragen zu klären. Wie kann sich revolutionäres Klassenbewusstsein entwickeln und unter welchen Bedingungen ist eine proletarische Revolution überhaupt möglich?

Januar und Februar 1905

Im ersten Teil dieses Artikels haben wir uns auf die Ursprünge der revolutionären Bewegung von 1905 in Russland konzentriert. Dabei haben wir besonders hervorgehoben, dass ArbeiterInnenrevolutionen nicht nur aus den aussichtslosesten Ausgangbedingungen heraus entstehen können. Manchmal scheinen sie aus dem Nichts zu kommen. Wir sagen „scheinen“, weil solche Ereignisse auf die meisten Zeitgenossen so wirken. In Wirklichkeit resultieren sie nicht aus einer Art Chaostheorie, sondern sind das Produkt bestimmter Umstände, die den politischen Akteuren zu diesem Zeitpunkt möglicherweise nicht in Gänze ersichtlich sind. Sie können nur verstanden werden, wenn man das Gesamtbild im historischen Kontext betrachtet. Dies erfordert genaue wissenschaftliche Untersuchungen und Überlegungen. Nur so kann man die Faktoren aufzeigen, die erklären helfen, warum historischen Ereignisse auf diese und nicht auf eine andere Weise eingetreten sind. Und das ist heute das Lebenselixier jeder Diskussion unter revolutionären SozialistInnen.

In Bezug auf die Revolution von 1905 führt uns dies direkt zu den Fragen der Spontaneität und der Selbstorganisation sowie der Beziehung zwischen politischen Organisationen/Parteien und den Organen der Klasse. Der große Generalstreik, der im Januar 1905 ausbrach, war im wahrsten Sinne des Wortes spontan. Doch wie wir im ersten Teil dieses Artikels gezeigt haben, hatte sich die Vorbereitung darauf schon lange in einer Reihe von Streiks angekündigt, die seit 1896 in kurzen Abständen ausgebrochen waren. Es war ein Prozess, der recht schnell zur Herausbildung eines Proletariats in Russland führte, und zwar nicht nur als Klasse an sich, sondern als Klasse mit einem kollektiven Bewusstsein. Die Kriegserklärung an Japan im Sommer 1904 hatte zu einer Welle des Patriotismus geführt (wie es sich Innenminister von Plehwe erhofft hatte), die zusammen mit der Spaltung auf dem Kongress von 1903 dafür sorgte, dass die beiden Fraktionen der russischen Sozialdemokratie (Bolschewiki und Menschewiki) am Vorabend des Blutsonntags organisatorisch und politisch auf einem Tiefpunkt waren. Im August 1904 schrieb Lenin an das St. Petersburger Komitee der Bolschewiki:

Die Lage in Eurem Komitee, dem es an Kräften mangelt, dem es an Literatur fehlt und das überhaupt nicht informiert ist, ist die gleiche wie in ganz Russland. Überall herrscht ein schrecklicher Mangel an Menschen (…), völlige Isolierung, allgemeine Niedergeschlagenheit und Erbitterung, Stagnation der positiven Arbeit. Seit dem zweiten Parteitag wird die Partei in Stücke gerissen, und bisher ist in diesem Sinn, sehr viel getan worden.(2)

Den Menschewiki erging es kaum besser. Sie hatten etwa drei Viertel ihrer Mitglieder in den ArbeiterInnenvierteln von St. Petersburg verloren.(3) So waren die Organisationen, die das wachsende Klassenbewusstsein der ArbeiterInnenklasse in Russland verkörperten gezwungen, in den ersten beiden Monaten des Jahres 1905 den Ereignissen hinterherzulaufen. Auch der Historiker Oskar Anweiler kommt in seiner Untersuchung über die Rätebewegung von 1905 zu dem Schluss:

Die Streikbewegung seit dem Januar 1905 stützte sich nicht auf irgendwelche gewerkschaftlichen oder politischen Organisationen, die erst im Laufe der Revolution selbst und eben als Folge der Streiks entstanden oder – wie die revolutionären Parteien – über einen geringen Aktionsradius verfügten. Sie war spontan im eigentlichen Sinne des Wortes, d.h. die Streiks loderten aus irgendeinem Anlass plötzlich auf, dauerten einige Tage oder höchstens Wochen und erloschen nach Erreichen gewisser Zugeständnisse oder wegen der materiellen Erschöpfung der Arbeiter.(4)

Das ist nur allzu wahr. Diese Streiks hatten einen vollkommen anderen Charakter als die eintägigen Arbeitsniederlegungen, zu denen die Gewerkschaften heute aufrufen, um Kämpfe unter ihrer Kontrolle zu halten und zu kanalisieren. Sie waren Ausdruck eines echten Klassenkampfes. Die Arbeiterinnen und Arbeiter waren bei diesen Streiks einzig auf sich selbst gestellt und die Gefahr des Hungers führte oft zu ihrer Niederlage. Andererseits erzwang die Streikwelle, an der sich 150 000 ArbeiterInnen beteiligten (mehr als im Jahrzehnt davor) in diesen ersten Monaten mehr Zugeständnisse von den Bossen als einige Monate zuvor. Die Streikwelle des Januar 1905 endete, wie Rosa Luxemburg in ihrer Schrift „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“ hervorhob, „durchweg siegreich“.

Auf den nächsten beiden Seiten listet Luxemburg dann alle erkämpften Arbeitszeitverkürzungen (in einigen Fällen auf zehn Stunden, in anderen auf neun – die „gesetzliche“ Arbeitszeit betrug zu dieser Zeit im gesamten Russischen Reich elf Stunden) sowie Lohnerhöhungen auf. Sie weist auch darauf hin, dass die Unternehmer später im Jahr versuchten, diese Zugeständnisse zurückzunehmen, woraufhin die Arbeiterinnen und Arbeiter erneut streikten. Die Bedeutung des 22. Januars 1905 lag darin, dass die russischen Arbeiterinnen und Arbeiter außerordentliches Selbstvertrauen in ihre Fähigkeit zu kämpfen gewonnen hatten. Wie wir im ersten Teil gezeigt haben, basierte diese neue Selbstorganisation größtenteils auf der Umwandlung von Institutionen, die der Zarismus den Arbeiterinnen und Arbeiter aufzuzwingen versucht hatte, um ihre Kämpfe zu kontrollieren.

Eine weitere Stärke der Bewegung war, dass der Staat nicht über die heutigen Massenmedien verfügte, um Lügen über die Geschehnisse zu verbreiten. Die von General Trepow (Gouverneur von St. Petersburg) an den Wänden angebrachten Drohungen, dass Demonstranten erschossen würden, Angriffe auf Demonstrationen und Pogrome durch die reaktionären „Schwarzen Hundertschaften“ (Tschornaja sotnja), die von Mitgliedern der Zarenfamilie angeführt wurden, waren zwar beängstigend, aber weitaus weniger wirksam, um den Kampf in die Schranken zu weisen als die Lügen der heutigen demokratischen Medien der herrschenden Klasse. Die Schwäche der bürgerlichen Kapitalistenklasse lag 1905 offen zutage. Luxemburg, Lenin und Trotzki waren sich einig, dass von diesem Moment an „der Absolutismus vom Proletariat gestürzt werden muss.“(5) Die ArbeiterInnenklasse folgte nicht mehr der Bourgeoisie, vielmehr versuchte die Bourgeoisie, die Stärke der ArbeiterInnenklasse zu nutzen, um ihr eigenes bürgerliches Regime durchzusetzen. Dies wurde besonders im Sommer 1905 deutlich, als die Fabrikbesitzer, die sich größtenteils um die neu gegründeten Konstitutionell-Demokratischen Partei (kurz Kadetten genannt) sammelten die Streikenden sogar unterstützten.

Die ArbeiterInnenklasse hatte sich zu Beginn des Jahres 1905 gegen die Brutalität des Regimes erhoben aber ihre Forderung nach mehr Rechten war zu diesem Zeitpunkt nichts anderes als eine Forderung nach einer Verbesserung des bestehenden Regimes. Diese Bewegung zersplitterte sich schnell in einzelne Streiks für kürzere Arbeitszeiten und mehr Lohn. Rosa Luxemburg weist zu Recht darauf hin, dass die SozialistInnen nicht an der Spitze der Bewegung standen, sondern aus „ihrem Verlauf selbst lernen“ mussten. Gleichzeitig verurteilte sie eine „gewisse Gedankenlosigkeit“ der AnarchosyndikalistInnen, die der Meinung waren, dass der Absolutismus durch einen „einzigen langwierigen Generalstreik“ zerstört werden könnte:

Der Absolutismus muss in Russland durch das Proletariat gestürzt werden. Aber das Proletariat bedarf dazu eines hohen Grades der politischen Schulung, des Klassenbewusstseins und der Organisation. Alle diese Bedingungen vermag es sich nicht aus Broschüren und Flugblättern, sondern bloß aus der lebendigen politischen Schule, aus dem Kampf und in dem Kampf, in den fortschreitenden Verlauf der Revolution anzueignen.(6)

Dies knüpft an Marxens Sichtweise auf die Entstehung von Klassenbewusstsein an, nach der

… sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewusstseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; dass also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andre Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden.(7)

Einige haben behauptet, dass Luxemburg hier gegen die Rolle und Notwendigkeit einer Partei relativiert. Das ist mitnichten der Fall. Sie argumentierte, dass der Sozialismus nicht erkämpft, werden können, indem man ihn wie ein religiöses Glaubensbekenntnis in sozialistischen Sonntagsschulen auswendig lerne oder indem man ein Kreuz in das richtige Kästchen auf einem Stimmzettel setze. Das Hauptziel ihrer Kritik war die Sozialdemokratische Partei in Deutschland, der sie angehörte und immer mehr der Idee zuneigte, dass das Proletariat durch die Wahlurne an die Macht gelangen könne. Das letzte Viertel ihrer Schrift „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“ ist ausschließlich der Auseinandersetzung mit der deutschen Partei gewidmet. Sie argumentierte, dass es in allen Klassenbewegungen ein Element der Spontaneität gäbe, angesichts dessen es nicht die Aufgabe der Partei sei, vorauszusehen, zu verurteilen oder passiv zu bleiben. So kann sie auf der einen Seite sagen, dass „sich Revolutionen nicht schulmeistern lassen“ um dann eine Seite weiter auszuführen:

Statt sich mit der technischen Seite, mit dem Mechanismus der Massenstreiks fremden Kopf zu zerbrechen, ist die Sozialdemokratie berufen, die politische Leitung auch mitten in der Revolutionsperiode zu übernehmen. Die Parole, die Richtung dem Kampfe zu geben, die Taktik des politischen Kampfes so einzurichten, dass in jeder Phase und in jedem Moment des Kampfes die ganze Summe der vorhandenen und bereits ausgelösten, betätigten Macht des Proletariats realisiert wird und in der Kampfstellung der Partei zum Ausdruck kommt, dass die Taktik der Sozialdemokratie nach ihrer Entschlossenheit und Schärfe nie unter dem Niveau des tatsächlichen Kräfteverhältnisses steht, sondern vielmehr diesem Verhältnis vorauseilt, das ist die wichtigste Aufgabe der „Leitung“ in der Periode der Massenstreiks.(8)

Dies ist ein wichtiger Beitrag. Rosa Luxemburg unterstreicht hier, dass die Partei Teil der Klasse ist und durch die Aktion der Klasse hervorgebracht wird: Sie existiert auf der Grundlage früherer Kämpfe, um den Weg für zukünftige Kämpfe zu weisen. Luxemburg betont die leitende Funktion der Partei, obwohl sie zu Recht anerkennt, dass Klassenbewegungen unweigerlich über die jeweils aktuellen Erwartungen hinausgehen werden. Und die SozialistInnen blieben Anfang 1905 tatsächlich hinter den Erfordernissen des Augenblicks zurück.

Frühling-Sommer 1905

Anfang März flaute die Arbeiterbewegung ab, ohne jedoch ganz zu verschwinden. Das Geschehen verlagerte sich auf das Land, wo Hunderte von Bauernaufständen, die dem Jahr 1905 vorausgegangen waren, nun in offene Angriffe auf die Gutshöfe des Landadels und die großen Ländereien des Adels übergingen. Im Sommer 1905 kam es in 60 Bezirken und 27 verschiedenen Provinzen zu Bauernaufständen. Diese nahmen im letzten Quartal des Jahres auf 300 zu und hörten auch nicht auf, als die Bewegung der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Städten schließlich im Dezember 1905 niedergeschlagen wurde. 2000 Landgüter wurden verwüstet – die meisten davon in der Provinz Saratow.

Die Beschwerden der Bäuerinnen und Bauern hatten von Jahr zu Jahr zugenommen, was hauptsächlich auf das kommunale Landwirtschaftssystem zurückzuführen war. Jedes Mal, wenn ein armer Bauer heiratete, hatte er Anspruch auf den gleichen Anteil am Land des Dorfes wie sein Nachbar. Doch mit dem Bevölkerungswachstum schrumpfte die Ackerfläche. Der Mir(9), vertreten durch ein Komitee der Dorfältesten (Starosti), organisierte diese Umverteilung, doch es war ein System, das darauf ausgelegt war, den Landhunger eher zu steigern. Auch dem Adel und dem Landadel waren die besten Grundstücke im Dorf zugeteilt worden, darunter die Hauptteile der einstigen Gemeinschaftsfläche (die sogenannten „abgeschnittenen“ Grundstücke oder Otrezki), und die Bauern zahlten noch immer für ihre „Befreiung“ aus der Leibeigenschaft vor 44 Jahren.(10) Es gab also viele gute Gründe für einen Aufstand. An einigen Orten entstanden im November und Dezember sogenannte „Bauernräte“, die sich erneut aus traditionellen Institutionen herausbildeten, in der Regel dort, wo es enge Kontakte zu den Arbeiterinnen und Arbeitern in den Städten gab wie in der Provinz Twer, in Rostow und Noworossijsk. Diese waren jedoch im Vergleich zu dem, was 1917 geschehen sollte, nicht von allzu großer Bedeutung. Doch die Nachrichten darüber drangen zunehmend auch in die Kasernen ein, in denen die Söhne der „Muschiks“ (Bauern) stationiert waren. Einige Regimenter rebellierten, in der Regel jedoch eher aufgrund schlechter Behandlung und schlechter Verpflegung. Der Großteil der Armee blieb dem System treu und die Meuterer wurden in der Regel schnell isoliert und verhaftet.

Die bedeutendste Meuterei ereignete sich in der Schwarzmeerflotte, die im Mai 1905 der einzige Flottenteil war, der dem Zaren nach den herben Niederlagen gegen die Japaner noch verblieben war. Die Brutalität des Lebens an Bord russischer Kriegsschiffe war legendär. Als der Kapitän des Schlachtschiffs „Potemkin“ 20 Matrosen erschießen ließ, weil sie sich über die Maden in ihrem Fleisch beschwert hatten, erhob ein bolschewistischer Matrose lautstark Protest. Es kam zu einem Handgemenge, das mit dem Tod des bolschewistischen Matrosen Grigory Nikitich Vakulenchuk sowie aller Offiziere endete. Auf der Potemkin nahm nun Afanassi Matjuschenko, ebenfalls ein Matrose mit bolschewistischen Sympathien, das Kommando. Die Potemkin nahm Kurs auf Odessa, um den Streik in der Stadt zu unterstützen. Nachdem Vakulenchuk und die anderen toten Matrosen an Land begraben worden waren, nahm die Potemkin das von den zaristischen Truppen gehaltene Stadtgebiet unter Beschuss und musste sich schließlich dem Aufgebot der restlichen Schwarzmeerflotte stellen. Deren Matrosen weigerten sich jedoch das Feuer auf die Potemkin aufzunehmen. Der Potemkin gelang es auf das offene Meer zu entkommen. (Kurzzeitig begleitet von einem anderen Schiff, der Georgii Pobedonosets das dann auf eine Sandbank lief, was seine Besatzung zur Kapitulation zwang). Matuschenko kreuzte eine Weile im Schwarzen Meer herum und bekam schließlich von Rumänien ein Asylangebot. Die Potemkin wurde versenkt und die Matrosen ruderten an Land. Damit war der Zar auf internationaler Bühne bis auf die Knochen blamiert. Dieser Episode wurde später durch Sergei Eisensteins historisch nicht ganz korrekten Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ ein Denkmal gesetzt.

Im Sommer 1905 unternahmen Teile des zaristischen Beamtenapparats jedoch erste Versuche, das Regime zu retten. Der Drahtzieher dieses Unterfangens war Sergej Witte, ein ehemaliger Eisenbahnangestellter, der zum obersten Berater des Zaren aufgestiegen war. Witte hatte maßgeblich die französischen Kredite ermöglicht, die ab den 1880er Jahren zur späten Industrialisierung Russlands (und damit zur Herausbildung eines Proletariats) geführt hatten. Nun sollte er den bestmöglichen Friedensschluss mit den Japanern aushandeln, was ihm im August 1905 in Portsmouth auch gelang. Witte wurde dafür in den Grafenstand erhoben. Doch die eigentlichen Friedensstifter waren die russischen Arbeiterinnen und Arbeiter, durch deren Aktionen die Herrschenden zu diesem Rückzieher gezwungen worden waren.

Wittes nächste Aufgabe bestand darin, den Zaren dazu zu bringen Reformen zuzustimmen. Um die Kontrolle im Inneren wiederzuerlangen musste versucht werden, die ArbeiterInnenklasse zu isolieren. Dies war nur durch Zugeständnisse an andere Klassen der russischen Gesellschaft möglich. Doch Nikolaus II. (seit Januar 1905 bei seinem Volk als „der Blutige“ verschrien) kann mit Recht als Anwärter auf den Titel „dümmster Herrscher aller Zeiten“ gehandelt werden. Witte kam auf die geniale Idee dem Zaren zu sagen er müsse sich zwischen einem Massaker und einer Verfassung entscheiden. Nikolaus II. entschied sich zunächst für das Massaker, aber seine reaktionären Vertrauten wie Durnovo und Trepow (die Gouverneure von Moskau und St. Petersburg) die dieses Massaker hätten durchführen müssen, gaben ihm zu verstehen, dass Tausende von Toten möglicherweise nicht ausreichen, würden, um die Autokratie wiederherzustellen. Der Zar solle sich daher lieber für eine Verfassung entscheiden. Das erste Angebot des Zaren ein Parlament (bzw. eine Duma) einzurichten kam am 6. August (19.8. nach gregorianischem Kalender). Dies war die sogenannte „Bulygin-Duma“, die nur von den besitzenden Klassen gewählt werden und nur eine beratende Funktion haben sollte. Doch an dieser Stelle wollen wir die Machenschaften und Schachzüge der herrschenden Klasse nicht vorwegnehmen. Denn im Sommer 1905 kam es auch unter den Arbeiterinnen und Arbeitern zu neuen Entwicklungen.

Der erste Sowjet

Der Verdienst, den ersten ArbeiterInnenrat oder Sowjet gegründet zu haben, gebührt den Arbeiterinnen und Arbeiter der Textilstadt Iwanowo-Wosnessensk in der Nähe von Moskau, die allgemeinhin als das „russische Manchester“ galt. Gleichwohl hatte es dort bisher keine größeren Kämpfe der Arbeiterinnen und Arbeiter gegeben. Doch diesmal wirkte die Agitation der Sozialisten als Katalysator für einen Streik. Die Forderungen waren fast ausschließlich wirtschaftlicher Natur, allerdings wurde auch das „Recht auf Versammlungsfreiheit“ und die Abschaffung der „Fabrikpolizei“ gefordert. Am 12. Mai legten 40.000 Arbeiterinnen und Arbeiter dem örtlichen Fabrikinspektor ihre Forderungen offiziell vor. Dieser schlug vor, dass sie Vertreter wählen sollten. Nachdem garantiert wurde, dass diese nicht verhaftet würden, begannen die Wahlen von 110 Delegierten. Da es ihnen verboten war die Versammlungsorte der Stadt zu nutzen trafen sie sich am Ufer des nahegelegenen Flusses. Der Sowjet sorgte drei Wochen lang für einen friedlichen und geordneten Streik, aber die Ankunft des Militärs am 3. Juni führte in Verbindung mit der drohenden Hungersnot zu Zusammenstößen, die Oskar Anweiler bedauernd als „deutlichen Rückfall in die spontanen und chaotischen Racheaktionen, aus der frühen Periode der Streiks“ beschreibt. „Auch der Sowjet konnte diesem elementaren Aufbegehren der Arbeiter keinen Einhalt gebieten.“(11)

Der Sowjet versuchte am 1. Juli eine geordnete Rückkehr zur Arbeit zu organisieren. Doch der Streik zog sich bis zum 18. Juli hin (hauptsächlich, weil die Delegierten des Sowjets inzwischen verhaftet worden waren). Der Streik scheiterte. Doch damit war die Idee des Sowjets nicht gescheitert. Sie wurde bald darauf von 10.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in der nahe gelegenen Stadt Kostroma aufgegriffen. Sie wählten einen 108-köpfigen Sowjet, der wiederum 12 Personen in ein Streikkomitee wählte. Mit Hilfe der Sozialdemokraten gab die neue „Sobranie“ (Versammlung – das Wort Sowjet wurde nicht verwendet) ihr eigenes Bulletin heraus, und der Fabrikinspektor behandelte sie erneut als rechtmäßigen Vertreter der Arbeiterinnen und Arbeiter. Er forderte jedoch die Entlassung aller fabrikfremden Personen unter 25 Jahren. Damit wären die sozialistischen Agitatoren ausgeschaltet worden, die bei der Entwicklung des Sowjets maßgeblich mitgeholfen hatten. Die Mitglieder des Sowjets weigerten sich dieser Forderung nachzukommen. Die Unternehmer versuchten nun nur noch mit den Arbeitern ihrer jeweiligen Fabriken zu verhandeln. Doch es gelang ihnen nicht die Organisation zu zerschlagen. Schließlich stimmten die Unternehmer einer Verkürzung des Arbeitstages um eine Stunde zu und die hungernden Arbeiter kehrten an ihre Arbeitsplätze zurück. Die Aufrufe der Bolschewiki zu einem bewaffneten Aufstand blieben ungehört. Beide Sowjets hatten nur sehr begrenzte Wirkung und fielen wie alle anderen Streiks schließlich in sich zusammen. Dennoch hatten sie den Weg für die Entwicklung einer neuen Organisationform geebnet, das als „Führungsorgan der Arbeiterevolution von gesamtrussischer Bedeutung“ (Anweiler) agieren konnte. Im Oktober entstand in St. Petersburg der „Sowjet der Arbeiterdeputierten“.

Oktober 1905

Die neue Streikbewegung begann im September mit dem Streik der Moskauer Drucker für einen besseren Akkordrichtsatz, der sich bis zum Monatsende auf die ganze Stadt ausweitete. Als dieser abzuebben schien, traten die Drucker in St. Petersburg (ohne von der Schwäche des Moskauer Streik zu wissen) in einen Sympathiestreik und weiteten den Kampf damit auf ihre Stadt aus. Schließlich schlossen sich die Eisenbahner der Strecke Moskau-Kazan dem Streik an. Nach Gerüchten (die sich später als falsch herausstellten) über die Verhaftung der Teilnehmer einer Konferenz der Eisenbahner kam es bis zum 16. Oktober zum Stillstand des gesamten Eisenbahnnetzes. Währenddessen schlossen sich auch die Fabrikarbeiter in St. Petersburg an. Es folgten die Postangestellten, die Beschäftigten der Telefon- und Telegraphenämter und des öffentlichen Dienstes. All diese Streiks breiteten sich auch auf kleinere Städte aus. Die Bewegung wurde zunehmend politischer:

Aus _dem Kampf für die Unantastbarkeit des Eisenbahnerkongresses wurde im Handumdrehen ein Kampf um die persönlichen und bürgerlichen Freiheitsrechte im Allgemeinen, um eine Verfassung, politische Amnestie usw.(12)

Forderungen nach einem allgemeinen Wahlrecht und geheimer Wahlen wurden lauter. Der Sowjet, der am 13. Oktober entstand, ging jedoch nicht ausdrücklich darauf ein. In seinem ersten Beschluss hieß es lediglich, dass:

Die Versammlung der Deputierten aller Fabriken und Werkstätten wird das allgemeine Arbeiterkomitee in Peterburg bilden. Indem es die Bewegung vereinigen wird, wird dieses Komitee unserer Bewegung Organisationskraft, Einheit und Macht verleihen. Es wird vor der übrigen Gesellschaft als die Interessensvertretung der Peterburger Arbeiter erscheinen und sowohl die Aktionen während des Streiks als auch die Zeit seines Abbruchs bestimmen.(13)

Mit anderen Worten: Der Sowjet verstand sich anfangs nur als ein übergeordnetes Streikkomitee. Da bei der ersten Sitzung nur 43 Delegierte anwesend waren, ist diese bescheidende Ambition verständlich. Doch bald tauchten immer neue Delegierte auf, da in immer mehr Fabriken Wahlen abgehalten wurden. In einigen Fabriken mussten keine Wahlen abgehalten werden, da dort bereits im Februar Delegierte für die gescheiterte Schidlowski-Kommission des Zaren gewählt worden waren. Diese Delegierten hatten die Arbeiterinnen und Arbeiter das ganze Jahr über gegenüber den Unternehmern vertreten. Andere wurden neu gewählt. Hierbei orientierte man sich an dem durch die Schildowski-Kommission festgelegten Schlüssel – ein Delegierter pro 500 Arbeiter, der schließlich vom Peterburger Sowjet übernommen wurde.

Der Sowjet wuchs schnell. Am zweiten Tag hatte sich seine Mitgliederzahl verdoppelt und innerhalb eines Monats waren es 562 Delegierte, die über 200.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in ganz St. Petersburg vertraten. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Name Sowjet (Rat) der Arbeiterdelegierten als Titel angenommen. Interessanterweise wurden den drei sozialistischen Parteien (Bolschewiki, Menschewiki und Sozialrevolutionäre) jeweils drei Sitze zugeteilt. (Zusätzlich zu den Parteimitgliedern die möglicherweise von den Belegschaften als Delegierte aufgestellt wurden.) Diese insgesamt neun Vertreter der sozialistischen Parteien durften mit im Exekutivkomitee sitzen, hatten jedoch nur beratende Stimme. Die Menschewiki waren von der Idee der Sowjets begeistert, da sie mit ihrer Kampagne für die „revolutionäre Selbstverwaltung“ im Einklang stand und übernahmen daher folgerichtig eine führende Rolle ein. Bei den Bolschewiki herrschte zuweilen die Meinung vor, dass es sich bei den Sowjets nur um eine weitere menschewistische Fassade handele. Sie entschieden sich jedoch schließlich (besonders auf viel Drängen von Lenin, der sich auf dem Rückweg aus der Schweiz befand) für eine uneingeschränkte Teilnahme. Der ursprüngliche Vorsitzende des Petersburger Sowjets war ein Menschewik, wurde aber bald durch den radikalen Anwalt Chrustalev-Nosar abgelöst. Ursprünglich nicht einmal Sozialist, schloss er sich schließlich bald ebenso den Menschewiki an.

Der Sowjet, der sich anfangs nur begrenzte Ziele gesetzt hatte, wurde von Korrespondenten der Presse bald als „Arbeiterregierung“ bezeichnet. Sogar die reichen Bürger kamen vorbei, um sich zu erkundigen, ob die Züge am nächsten Tag pünktlich fahren würden. Bald verwaltete der Sowjet tatsächlich viele kommunale Angelegenheiten und kümmerte sich um die Belange viele Gruppen und Einzelpersonen.

Der so entstandene Petersburger Sowjet, der sein Aufgabe zunächst nur in der Organisierung und Leitung des Oktoberstreiks sah, verwandelte sich bereits im Verlaufe dieses Streiks innerhalb weniger Tage in ein allgemeines politisches Vertretungsorgan der Arbeiter und wurde zum Zentrum der revolutionären Bewegung des hauptstädtischen Proletariats. Seine Aufgaben wuchsen rasch über die eines bloßen Streikkomitees hinaus, er wurde zu einem `Arbeiterparlament´; das zu allen großen und kleinen Fragen Stellung nehmen musste, zu einer Massenorganisation der Petersburger Arbeiterschaft, wie es sie ähnlich noch nicht gegeben hatte.(14)

Zu diesem Zeitpunkt begann die Streikbewegung jedoch insgesamt, ihren einzigartigen proletarischen Klassencharakter zu verlieren. Die Bourgeoisie war nicht untätig geblieben. Sie hatte ihre eigene politische Partei, die „Konstitionellen Demokraten“ (kurz Kadetten) ins Leben gerufen und ging nun dazu über Streiks von Ärzten, Anwälten, Universitätsdozenten usw. zu organisieren, die sich einen gewerkschaftlichen Anstrich gaben. Sie bekundeten ihre Solidarität mit den Streiks der Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Unternehmer zahlten entweder den vollen Lohn oder zumindest einen Teil davon, während kein einziger Arbeiter für seine Teilnahme an den Streiks gemaßregelt wurde.

Angesichts dieser Lage überzeugte Witte den Zaren schließlich, dass es Zeit zum Handeln sei. Drei Tage nach der Bildung des Sowjets wurde ein neues Manifest des Zaren herausgegeben. Versprochen wurden ein erweitertes Wahlrecht, bürgerliche Freiheiten und echte gesetzgebende Gestaltungsmacht für die Duma. Politisch handelte es sich um einen letzten verzweifelter Versuch die Herrschaft des Zaren zu retten. Doch das Kalkül ging größtenteils auf. Die Liberalen (die in der Person von Peter Struve, einst ein „legaler Marxist“ und jetzt ein führendes Mitglied der Kadettenpartei, bereits geheime Gespräche mit Witte geführt hatten) fielen den Arbeiterinnen und Arbeiter in den Rücken. Die Unternehmer, die sich noch vor wenigen Tagen so großzügig gegeben hatten, begannen nun die anhaltenden Streiks als „Anarchie“ zu verurteilen. Gleichzeitig waren viele Arbeiterinnen und Arbeiter in den Provinzen der Meinung, dass man dem Manifest des Zaren Vertrauen schenken könne. Trotzki, ein führendes Mitglied des Sowjets (der zuweilen unter dem Namen Janowski – in Anlehnung an seinen Geburtsort auftrat) brachte den Inhalt des Zarenmanifest in der vom Sowjet herausgegeben Zeitung Iswestija folgendermaßen auf den Punkt:

Die Konstitution ist also gewährt. Versammlungsfreiheit ist gewährt, aber die Versammlungen sind von Militär umzingelt. Freiheit ist gewährt, aber die Zensur besteht nach wie vor. Freiheit der Wissenschaft ist gewährt, aber die Universitäten sind mit Truppen besetzt. Unantastbarkeit der Person ist gewährt, aber die Gefängnisse sind mit Eingekerkerten überfüllt. Witte ist uns gegeben, aber Trepow ist uns geblieben. Die Konstitution ist gegeben, aber die Selbstherrschaft ist geblieben. Alles ist gegeben und nicht ist gegeben.(15)

Trotzki berichtet, dass nun auf den Straßen die Rufe nach „Amnestie“ und einem Abzug der Truppen aus der Stadt lauter wurden, was den Streik in St. Petersburg noch einige Tage Auftrieb gab. Witte versprach daraufhin eine Amnestie. Dies untergrub die Kampfbereitschaft vieler Arbeiterinnen und Arbeiter, obwohl die Truppen des Zaren, wie Trotzki und andere immer wieder betonten, nicht abgezogen wurden. Die Sowjets kamen an einen Punkt, an dem sie nicht mehr tun konnten, als alle 200.000 Arbeiterinnen und Arbeiter gleichzeitig zur Rückkehr an ihre Arbeitsstellen aufzufordern. Dies war eine beeindruckende Demonstration, die jedoch nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass der zaristische Staat auf dem besten Weg war, seine volle Macht wiederherzustellen. Die Vorhersagen von Mitgliedern der sozialistischen Parteien, dass die Beendigung des Streiks zu weiterem Staatsterror führen würde, erwiesen sich als zutreffend. Trotzki beschreibt ausführlich das schreckliche Pogrom in Odessa, das von der Polizei und den Schwarzhundertern (der sogenannte „Verband des russischen Volkes“) angeführt wurde, und kommt zu dem Schluss, dass in über 100 Städten in ganz Russland zwischen 3.000 und 4.000 Menschen ermordet und weitere 10.000 verwundet wurden. Bezeichnenderweise fanden dort, wo die Arbeiterinnen und Arbeiter am zahlreichsten und am besten organisiert waren, keine derartigen Angriffe statt. In St. Petersburg begannen die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Maschinenfabriken mit der Produktion von Handfeuerwaffen. Trotzki verfasste Aufrufe an die Truppen sich der Revolution anzuschließen. Dies waren die ersten Tage, an denen die russischen Arbeiterinnen und Arbeiter die neuen „Freiheiten“ des „neuen Verfassungsexperiments“ Russlands zu spüren bekamen.(16)

Als die Räte ihrem Ende entgegengingen wurde vielen Arbeiterinnen und Arbeitern am Ende klar, dass sie gegen den zaristischen Staat kämpfen mussten. Die ArbeiterInnenbewegung ging nicht kampflos unter. Ein neuer Aufruf zum Generalstreik im November stieß jedoch nur auf begrenzte und sporadische Resonanz, da die Kräfte und Ressourcen der Arbeiterinnen und Arbeiter nahezu erschöpft waren. Dies ermutigte die Behörden, die Führungsmitglieder des Sowjets innerhalb von fast einer Woche zu verhaften. Trotzki hatte am 26. November den Vorsitz des Sowjets von Chrustalev-Nosar übernommen, als dieser verhaftet wurde. Er und seine Kollegen in der Exekutive wurden dann am 3. Dezember verhaftet. Diese Verhaftungen lösten sofort einen Aufstand in Moskau aus (zu dem Lenin seit Wochen aufgerufen hatte). Trotz der fehlenden Vorbereitungen gelang es fast, die ganze Stadt zu übernehmen. Einige Regimenter, die zur Niederschlagung des Aufstands geschickt wurden, mussten abgezogen werden, da sie sich als unzuverlässig erwiesen. Damit wurden sie aber auch daran gehindert sich den Arbeiterinnen und Arbeitern anzuschließen. Schließlich traf Verstärkung aus St. Petersburg in Form des Semjonowski-Regiments ein. Die Artillerie wurde schließlich gegen die Barrikaden und dann wahllos auf Fabriken eingesetzt – selbst, wenn sie nicht von den Arbeiterinnen und Arbeitern als Stützpunkte oder Rückzugsorte genutzt wurden. Über tausend Menschen starben und es kam zu Massenverhaftungen. Zwischen 1906 und 1909 wurden über 5000 zum Tode verurteilt und weitere 38.000 nach Sibirien verbannt oder inhaftiert. Da die Bauernunruhen bis weit ins Jahr 1906 andauerten wurde eine Terrorkampagne gegen die „geliebten Bauern“ des Zaren geführt bei der Kosaken auf die Dörfer losgelassen wurden und regelrechte Raub- und Mordzüge durchführten. Diese Erfahrungen mit dem Verfassungsexperiment sollte die Bauernschaft auch 1917 nicht vergessen haben.(17)

Die Bedeutung von 1905

Die Revolution von 1905 scheiterte, weil der Zar, obwohl er zeitweise ins Wanken geriet, die Kontrolle über die Streitkräfte behalten konnte. Buchstäblich im letzten Moment stimmte Nikolaus II., der den größten Teil der Herbstkrise auf der Jagd verbracht hatte, widerwillig verfassungsrechtlichen Zugeständnissen zu, was er fortan als persönliche Niederlage betrachtete. Obwohl dieses Zugeständnis den Widerstand fatal geschwächt hatte, wurde Witte, der seinen Thron gerettet hatte, entlassen, sobald sich der Zar wieder sicher fühlen konnte.

Die große Kluft zwischen Arbeiterinnen und Arbeitern und bürgerlichen Liberalen war nun mit Blut besiegelt. Die Liberalen hatten das „Oktobermanifest“ akzeptiert und damit den Weg für die direkten Angriffe des zaristischen Militärs auf die Arbeiterklasse geebnet. Es wurde deutlich, dass die nächste Revolution (welcher Art auch immer) vom Proletariat angeführt werden müsste, wobei die Bauernschaft eine unterstützende Rolle spielen würde. Paradoxerweise wurden die Menschewiki, die 1905 in den meisten Fällen mit den Bolschewiki zusammengearbeitet hatten, nun Gefangene ihrer eigenen schematischen Sichtweise der Geschichte. Sie argumentierten immer noch, dass als Nächstes nur die bürgerliche Revolution kommen könne und verfolgten daher noch entschlossener die Idee, dass ein Bündnis mit den Liberalen für die „nächste historische Etappe“ unerlässlich sei. Dieser mechanische Marxismus sollte Trotzki schließlich dazu bringen mit ihnen zu brechen. Er erkannte, dass dies der entscheidende Punkt war, in dem er mit Lenin übereinstimmte. Trotzki schloss sich 1917 den Bolschewiki an, nachdem Lenin in seinen Aprilthesen unmissverständlich klargestellt hatte, dass eine proletarische und nicht nur eine demokratische Revolution auf der Tagesordnung stünde. Der Hauptgrund, warum sich Trotzki und Lenin auf eine gemeinsame politische die Perspektive verständigen konnten (obwohl es faktisch noch 12 Jahre dauern sollte, bis sie sich darüber einig waren) bestand darin, dass beide verstanden hatten, dass das politische Erwachen der russischen ArbeiterInnenklasse im Jahr 1905 sie nun unmittelbar mit dem Schicksal des restlichen Weltproletariats verband. Lenin betonte dies bereits im Januar 1905:

Das Proletariat der ganzen Welt blickt jetzt mit fieberhafter Spannung auf das Proletariat Russlands. Der Sturz des Zarismus in Russland, von unserer Arbeiterklasse heldenhaft begonnen, wird ein Wendepunkt sein in der Geschichte aller Länder, eine Erleichterung für die Sache aller Arbeiter aller Nationen, in allen Staaten, an allen Ecken und Enden des Erdballs.(18)

Trotzki ging später in einem der besten Textabschnitte den er wahrscheinlich je zu Papier brachte, einen Schritt weiter und verteidigte seine Theorie der permanenten Revolution, die „ihren Ursprung im Jahr 1905 hatte“ wie folgt:

Der internationale Charakter der sozialistischen Revolution, der den dritten Aspekt der Theorie der permanenten Revolution bildet, ergibt sich aus dem heutigen Zustande der Ökonomik und der sozialen Struktur der Menschheit. Der Internationalismus ist kein abstraktes Prinzip, sondern ein theoretisches und politisches Abbild des Charakters der Weltwirtschaft, der Weltentwicklung der Produktivkräfte und des Weltmaßstabes des Klassenkampfes. Die sozialistische Revolution beginnt auf nationalem Boden. Sie kann aber nicht auf diesem Boden vollendet werden. Die Aufrechterhaltung der proletarischen Revolution in nationalem Rahmen kann nur ein provisorischer Zustand sein, wenn auch, wie die Erfahrung der Sowjetunion zeigt, einer von langer Dauer. Bei einer isolierten proletarischen Diktatur wachsen die inneren und äußeren Widersprüche unvermeidlich zusammen mit den wachsenden Erfolgen. Isoliert bleibend, muss der proletarische Staat schließlich ein Opfer dieser Widersprüche werden. Der Ausweg besteht für ihn nur in dem Siege des Proletariats der fortgeschrittenen Länder. Von diesem Standpunkte aus gesehen, ist eine nationale Revolution kein in sich selbst verankertes Ganzes: sie ist nur ein Glied einer internationalen Kette. Die internationale Revolution stellt einen permanenten Prozess dar, trotz aller zeitlichen Auf- und Abstiege.(19)

Die Erkenntnis, dass die russische (oder jede andere) Revolution nur der Beginn einer Weltrevolution sein konnte sowie das Verständnis der Folgen, wenn eine solche Revolution nicht auf den Rest der Welt ausgeweitet würde, sind wichtige Beiträge zur revolutionären Theorie. Sie sind jedoch nicht die einzige und auch nicht die wichtigste Entdeckung des Jahres 1905. Obwohl sie damals in St. Petersburg nur teilweise artikuliert wurde, oft in Briefen von Einzelpersonen an die „Arbeiterregierung“, war der Sowjet die „endlich entdeckte Form“ mit der die ArbeiterInnenklasse ihre Macht entwickeln und ausüben kann. Die herrschende Klasse erklärt uns, dass nur die repräsentative Demokratie eine funktionierende und legitimierte Regierung zuwege bringen könne. Für sie ist das „das Ende der Geschichte“ und damit das Ende der Diskussion. Aber es ist offensichtlich, dass wir in der kapitalistischen Gesellschaft mit einer „Diktatur der Bourgeoisie“ konfrontiert sind, da diejenigen die die Produktionsmittel und den Reichtum kontrollieren und sich aneignen auch „die Produktion der Ideen“ kontrollieren. Von Massenmedien, die den Standpunkt der ArbeiterInnenklasse vertreten kann wahrlich keine Rede sein. Es ist wenig überraschend, dass nur kapitalistische Parteien und kapitalistische Ideen Gehör finden können. Und wenn wir bei einer Wahl für ein bürgerliches Parlament stimmen, wählen wir einen Abgeordneten, der den WählerInnen jahrelang keine Rechenschaft schuldet. Solche Abgeordneten stimmen nach ihrer individuellen Gewissen ab, was darauf hinausläuft, dass sie den Launen professioneller Interessengruppen, Fraktionszwängen oder offener Bestechung unterliegen.

Vergleichen wir das mit dem Petersburger Sowjet. Hier wurden direkt gewählte Delegierte statt parlamentarischer Vertreter gewählt. Diese Delegierten stimmten nicht unter dem Druck der Exekutive, sondern auf Weisung ihrer Wähler ab, denen sie in offenen Sitzungen rechenschaftspflichtig waren. Sie waren abwählbar und konnten 1905 jederzeit abberufen werden. In vielen Fabriken wurden sie zu diesem Zweck sogar Ersatzdelegierte gewählt (obwohl diese in der Praxis hauptsächlich eingesetzt wurden, wenn der ursprünglich gewählte Delegierte verhaftet wurde). Wenn man so will, war das „direkte Demokratie“. Die Kapitalisten sagen, dass ein solches Modell nicht praktikabel und auch nicht umsetzbar sei. Doch die Arbeiterinnen und Arbeiter des angeblich so rückständigen Russlands haben es geschafft es recht erfolgreich umzusetzen, auch wenn sie nicht die Staatsmacht innehatten, sondern vielmehr ständigen Schikanen des bestehenden Staates ausgesetzt waren. Sie haben auch gezeigt, dass sie eine Gesellschaft leiten können. In Trotzkis „1905“ gibt es einen langen Bericht darüber, wie die „Iswestija“ jede Nacht illegal in verschiedenen Druckereien gedruckt wurde. Die Druckereien wurden besetzt und die Geschäftsführung schließlich zur Zusammenarbeit „überredet“. Wenn man ihnen mitteilte, dass es keinen Strom gab, weil die Kraftwerke bestreikt wurden, schickte das Komitee eine Delegation und innerhalb einer Stunde wurde der Strom dafür eingeschaltet. Die Post- und Telegrafendienste wurden auf die gleiche Weise betrieben. Selbst bürgerliche Historiker wie Anweiler, die der bolschewistischen Revolution von 1917 sehr kritisch gegenüberstehen, erkennen den Erfolg der Räte in St. Petersburg und anderen Städten an.

Die Sowjets waren in gewisser Weise „hierarchisch“ aufgebaut. Manche verwenden dieses Wort heute im Sinne von „diktatorisch“. Aber in jeder Massengesellschaft muss es eine gewisse Verantwortungskette geben, eine Verbindung zwischen den verschiedenen Elementen der Gesellschaft. Die Sowjets hatten Exekutivkomitees die sich um den täglichen Betrieb kümmerten, aber täglich fanden auch Versammlungen statt, um zukünftige Pläne und Probleme zu besprechen. Die Sowjets entsandten Delegationen zu anderen Sowjets, um zu versuchen die Aktivitäten zu koordinieren. Nichts davon war perfekt organisiert aber in einem revolutionären Prozess muss und wird es Ad-hoc-Lösungen geben (sonst wäre es keine Revolution). In St. Petersburg kam auf 500 Arbeiter ein Delegierter, in Moskau waren es 400 und in kleineren Städten sogar nur 100. In einigen Orten waren kleinere Fabriken überrepräsentiert, in anderen wurden die kleinen Fabriken aufgefordert sich zusammenzuschließen, um die Delegiertenwahlkreise zahlenmäßig auf dem gleichen Level zu halten. Anderswo wurde der lokale Sowjet tatsächlich wieder territorial gewählt und ersetzte den Stadtrat (Gemeindeduma). Dies war in gewisser Hinsicht eine Rückkehr zu dem Prinzip der Pariser Kommune von 1871 und wirft interessante Fragen auf. Da die meisten ArbeiterInnen von Paris in kleinen Werkstätten arbeiteten wurden hier die Vertreter territorial gewählt. In modernen fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften, in denen die ArbeiterInnenklasse zunehmend in kleinere Einheiten zersplittert ist, könnte dies auch eine zukünftige Form der Räte darstellen.

Partei und Klasse

Der Sowjet entstand aus der praktischen Notwendigkeit Massenstreiks zu koordinieren. Manchmal wird behauptet, dass die Idee von Sowjets zuerst von einigen Menschewiki in die Diskussion gebracht wurde. Vielleicht stimmt das, allerdings es ist nicht wichtig. Tatsache ist, dass die Idee aufgegriffen wurde, weil sie sowohl den unmittelbaren Bedürfnissen als auch der historischen Erfahrung der russischen ArbeiterInnenklasse entsprach. Wie wir im ersten Teil dieses Artikels gezeigt haben, entstanden sie in Russland zuerst aufgrund der besonderen institutionellen Regelungen, die damals unter dem Zarismus galten. Sie wandelten sich allmählich in etwas Bedeutenderes – eine neue Form der politischen Vertretung der Arbeiterinnen und Arbeiter.

Dies wirft die Frage nach den revolutionären Minderheiten, den sozialistischen Parteien und ihrem Verhältnis zur Rätemacht auf. Als zunächst vorgeschlagen wurde, dass Mitglieder politischer Parteien eine besondere Vertretung erhalten sollten, protestierten viele Arbeiterinnen und Arbeiter mit Rufen wie „Keine Streitereien“. Die drei Vertreter der sozialistischen Parteien hatten nicht von ungefähr nur eine beratende Stimme. Als der Kampf sich jedoch zuspitzte und die politischen Parteien sich stärker in den Kampf einmischten, erwies sich dies als weniger problematisch. Als der Zarismus den Druck auf die Sowjets erhöhte, wurde klar, dass „politische“ Ideen nicht aus den Diskussionen herausgehalten werden konnten, und so verwandelte sich der Sowjet sowohl in eine Art „Arbeiterparlament“ als auch in eine embryonale „Regierung“.

Das Jahr 1905 zeigte, dass sich diese Keimform der ArbeiterInnenmacht in Anbetracht der Konfrontation und Einkesselung durch einen feindlich gesonnen schwer bewaffneten Staatsapparat nicht entwickeln konnte. Die Sowjets leisteten zwar bewundernswerte Arbeit als Organe der Selbstorganisation, aber sie mussten sich dennoch der Frage stellen: „Wer regiert eigentlich?“. Lenin brachte es später folgendermaßen auf den Punkt:

… solange die Macht in den Händen des Zaren bleibt, werden alle beliebigen Beschlüsse, gleichviel welcher Vertreter ein ebenso leeres und erbärmliches Geschwätz bleiben.(20)

Deshalb hatte Lenin bereits in den ersten Tagen nach dem Blutsonntag für die Vorbereitung eines bewaffneten Aufstands gedrängt (einschließlich Propaganda innerhalb schwankender Truppenteile). Letztendlich wurde der Moskauer Aufstand von den Sowjets als letzter verzweifelter Akt zur Bekämpfung der bevorstehenden Konterrevolution unterstützt. Bezeichnenderweise wurde der Aufruf am 20. Dezember gemeinsam von den Bolschewiki, Menschewiki und Sozialrevolutionären unterzeichnet. Doch es waren maßgeblich die Bolschewiki, die die meisten Kampfeinheiten organisierten.

Die Revolution von 1905 wirft somit auch die Frage nach dem Verhältnis von Partei und Klasse auf. Der Petersburger Sowjet war ein Organ, das die gesamte Klasse vertrat. Er entstand aus einer spezifischen Situation heraus in der eine Reihe von Kämpfen koordiniert werden mussten. Er entwickelte sich dann weiter zu einer Art Blaupause eines möglichen politischen Machtorgans der Arbeiterinnen und Arbeiter. Angesichts der Konfrontation mit der Staatsmacht litt er jedoch an zwei entscheidenden Schwächen. Er hatte kein revolutionäres Programm als solches und als der Kampf nachließ, geriet auch der Sowjet in die Defensive. Was übrig blieb, waren die verschiedenen sozialistischen Parteien. Während des Kampfes gegen den Zarismus war der Sowjet gezwungen, sich immer mehr auf den Rat der politischen Parteien zu stützen, da diese die Probleme, mit denen die Revolution nun konfrontiert war, bereits theoretisch erörtert hatten. Wie Lenin 1905 schrieb

Die Revolution lehrt zweifellos mit einer Schnelligkeit und Gründlichkeit, die in Zeiten der friedlichen politischen Entwicklung unwahrscheinlich erscheinen. Und sie lehrt, was besonders wichtig ist, nicht nur die Führer, sondern auch die Massen.(21)

Genau dies spielte sich in den Räten ab. Zunächst wollten viele Delegierte lediglich Kämpfe für Dinge wie den Achtstundentag koordinieren (was die Arbeiter ohnehin taten, ohne auf den Sowjet zu warten), aber als klar wurde, dass selbst kleine Forderungen mit Bajonetten beantwortet wurden, begannen sie zu akzeptieren, dass sie politische Schritte unternehmen mussten, um voranzukommen. So sah sich der 26-jährige Trotzki gezwungen, in flammenden Aufrufen Soldaten zur Meuterei aufzufordern und das „Oktobermanifest“ des Zaren zu kritisieren. Hierbei ist es wichtig zu verstehen, dass die Revolution der ArbeiterInnenklasse nicht nur eine Frage der Form, sondern auch eine des politischen Inhalts ist. Räte mögen zwar das authentische Vertretungsorgan der gesamten Klasse (oder zumindest ihres aktiven Teils) sein, können aber, insbesondere zu Beginn einer Bewegung, von relativ konservativen Kräften und Ideen dominiert werden. Es kann einige Zeit dauern, bis ein proletarisches Programm Gehör findet, geschweige denn bis es in den Räten den Sieg davonträgt.(22) Das politische Organ, das das proletarische Programm zwischen den Kampfperioden am Leben erhält, damit es in den Räten überhaupt diskutiert werden kann, ist die Klassenpartei. Im Dezember 1905 begannen die meisten Arbeiterinnen und Arbeiter dies zu verstehen, doch da war es bereits zu spät ... zumindest für den damaligen Augenblick. Unmittelbar danach schrieb Lenin süffisant::

Monate der Revolution erziehen zuweilen schneller und gründlicher zu Staatsbürgern als Jahrzehnte der politischen Stagnation.(23)

Dies hat viel mit dem gemeinsam, was Rosa Luxemburg zu Beginn dieses Artikels gesagt hat. Dies mag für jeden überraschend sein, der glaubt, dass Lenin einfach an der Position von „Was tun?“ klebte, nach der die Arbeiter nur ein „tradeunionistisches“ (gewerkschaftliches) Bewusstsein erlangen könnten. Die Revolution von 1905 hatte eindeutig Auswirkungen auf die „Führungen“ ebenso wie auf die Massen. Lenin glaubte immer noch, dass RevolutionärInnen auf anderen Wegen ihr Bewusstsein schärfen müssten als die Masse der ArbeiterInnenklasse. Doch nun begann er zu verstehen, dass es sich hierbei nicht um getrennte Welten handelte. Lenin argumentierte, dass es ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Praxis gäbe. Gleichzeitig betonte er aber auch, dass die Partei nur dann die Partei der Klasse sei, wenn sie aus den Handlungen der Klasse lerne. Später erinnerte er die Bolschewiki daran, dass es die Arbeiterinnen und Arbeiter sind, die „graue Theorie in die lebendige Praxis“ umsetzen. Lenin war sich auch darüber im Klaren, dass das Jahr 1905 mehr als nur eine Theorieübung bereitstellte. Er begann zu verstehen, dass sich auch die bolschewistische Partei grundlegend ändern müsste. Anstelle der kleinen, illegalen, eng verbundenen Gruppe, für die er sich 1902 eingesetzt hatte, erkannte er nun, dass der neue halblegale Status der russischen Sozialdemokratie eine neue Form der Parteiorganisation erforderte:

Unsere Partei ist zu lange in der Illegalität gewesen. Sie ist in den letzten Jahren darin fast erstickt, wie sich ein Delegierter auf dem III. Parteitag treffend ausdrückte. Die Illegalität geht zu Ende. Darum mutig vorwärts, ergreift neue Waffen, verteilt sie an neue Leute, baut eure Stützpunkte auf, ruft alle sozialdemokratischen Arbeiter zu euch, reiht sie zu Hunderten und Tausenden in die Parteiorganisation ein. Mögen ihre Delegierten die Reihen unserer Zentralstellen neu beleben, möge durch sie der frische Geist des jungen revolutionären Russlands einströmen.(24)

Er hatte auch gesehen, wie unflexibel viele der alten bolschewistischen Komitees angesichts der neuen Situation gewesen waren und forderte, dass neue und jüngere Arbeiterinnen und Arbeiter mehr Verantwortung erhalten sollten. Gleichzeitig wurde nun das Prinzip des „demokratischen Zentralismus“ übernommen. Dies bedeutete, dass jeder das Recht hatte, über jede Entscheidung zu debattieren (ganz in Gegensatz zur späteren Praxis des Stalinismus), solange dies nicht bereits gefasste Beschlüsse über den Haufen warf und die Handlungsfähigkeit in Frage stellte. Die Revolution von 1905 führte gewissermaßen zur Herausbildung einer neuen proletarischen Partei.

Schlussfolgerung

Es ist vielleicht nicht verwunderlich, dass mit dem Verblassen der Erinnerung an das Jahr 1905 auch ein Teil seiner Bedeutung verloren ging oder in den Hintergrund trat. Die Menschewiki verhielten sich, wie wir gesehen haben, so als hätten sie nie daran teilgenommen. Rosa Luxemburg bezog sich in ihrer Analyse der Massenstreiks von 1905 kein einziges Mal auf den Sowjet. Und Trotzki neigte 1906 in seiner Gefängniszelle in der Peter-und-Paul-Festung zu Übertreibungen:

Wenn einerseits die Arbeiter selbst und anderseits die reaktionäre Presse den Rat die `proletarische Regierung´ nannten, so entsprach dies der Tatsache, dass der Rat in Wirklichkeit eine revolutionäre Regierung darstellte. Der Rat realisierte die Gewalt, soweit ihm durch die revolutionäre Macht der Arbeiter die Möglichkeit dazu gegeben wurde.(25)

Einige Monate später tat er dies als vergangene historische Episode ab und kam zu der Schlussfolgerung, dass die Revolution weniger eine Frage der Staatsform, sondern eine Machtfrage sei.

Lenin hingegen beharrte konsequent darauf, dass

… der Sowjet der Arbeiterdeputierten in politischer Hinsicht als Keimform einer provisorischen revolutionären Regierung betrachtet werden muss.(26)

Etwaige Rätefetischisten seien allerdings darauf verwiesen, dass Lenin im gleichen Artikel erklärte:

Mir scheinen für die Führung des politischen Kampfes gegenwärtig sowohl der Sowjet als auch die Partei gleichermaßen unbedingt notwendig zu sein.(27)

Das genaue Verhältnis von Räten und Partei konnte jedoch 1905 nicht geklärt werden, da die Sowjets nicht die Macht erlangten. Erst 1917 stellte sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Vertretungsorganen der ArbeiterInnenmassen und der Klassenpartei. Niemand hatte es geplant oder vorhergesehen. Doch die Bildung eines Regierungskabinetts, namens „Rat der Volkskommissare“ (faktisch war es eine Koalition mit den Linken Sozialrevolutionären) und welches nicht direkt den Sowjets unterstand, war faktisch einen Verstoß gegen das Sowjetprinzip der jederzeitigen Wähl- und Abwählbarkeit von Delegierten. Obwohl sich das Problem zunächst nicht dringlich stellte, da fast über ein Jahr lang alle Entscheidungen mit dem Exekutivkomitee der Sowjets diskutiert wurden (die die eigentliche Spitze der Macht hätte bilden sollen), kam diese Entscheidung die Revolution später teuer zu stehen. Die Bolschewiki waren nicht nur die Vertreter der fortgeschrittensten Elemente der russischen Arbeiterklasse, sondern auch des internationalen Proletariats. Mit der Einrichtung des „Rates der Volkskommissare“ nahmen sie mehr und mehr eine andere Rolle ein und wurden schließlich zu Vollstreckern der Konterrevolution. Die Folgen dieser ideologischen Verwirrung in der ArbeiterInnenklasse spüren wir bis heute.(28)

Auch wenn die ArbeiterInnenklasse heute überall in der Defensive ist, wird 1905 oder besser gesagt, werden Momente von 1905 wiederkommen. Die grundlegenden Widersprüche eines globalen Ausbeutungssystems haben sich im letzten Jahrhundert nicht geändert. Neue Kämpfe sind unvermeidlich. Die Bewusstseinserweiterung und das politische Verständnis, die die ArbeiterInnenklasse aus den Kämpfen des letzten Jahrhunderts gewonnen hat, sind nicht gänzlich verloren gegangen. Sie werden von Organisationen wie der unseren verteidigt. Derzeit sind wir zwar winzige Minderheiten und allenfalls Vorläufer einer neuen internationalen Partei, die gleichermaßen auch eine internationalistische sein muss. Eine solche internationale Partei wird den Kampf gegen die kapitalistische Herrschaft anführen, indem sie das revolutionäre Programm in die neuen Wellen der Kämpfe einbringt. Am wichtigsten ist, dass aus dem Kampf selbst neue Organe der Klasse hervorgehen werden, die den Weg zu einer anderen Weltordnung auf der Grundlage von Solidarität und Gleichheit weisen werden. Ob sie siegreich sein werden, wird vom Kräfteverhältnis zwischen Arbeitern und Kapitalisten zu diesem Zeitpunkt abhängen. Die Losung bleibt also dieselbe wie die von Rosa Luxemburg in den 1890er Jahren: „Sozialismus oder Barbarei“.

Anmerkungen:

(1) Rosa Luxemburgs Broschüre wurde 1906 in Finnland verfasst (wo sie sich von ihrer Gefangenschaft in Warschau im Mai 1906 erholte). Sie wurde 1919 auf Befehl der deutschen Sozialdemokraten kaltblütig ermordet. Auch Lenin brachte seine Beobachtungen maßgeblich in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zu Papier (und kam 1917 in Staat und Revolution auf einige der Themen zurück). Trotzkis Ansichten wurden zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichen Formen veröffentlicht. Die vollständige Version seines Buches „1905“ wurde 1922 veröffentlicht und war Teil des Kampfes um die Führung, als die Konterrevolution in der UdSSR die Macht übernahm, aber niemand konnte den Sieg des Stalinismus vorhersehen oder wissen, was er schon damals bedeuten würde.

(2) Lenin, Werke, Bd. 34, S. 23

(3) Zumindest laut Aussage eines Historikers. Siehe D. Lane The Roots of Russian Communism, S. 71.

(4) Oskar Anweiler: Die Rätebewegung in Russland 1905–21, Leiden 1958, S. 45. Dieses Buch ist das Werk eines eher rechtsgerichteten Historikers, der beweisen will, dass Lenin von Anfang an die Räte zerstören wollte. So soll Lenin Anweiler zufolge schon 1905 im Geheimen mit dem Gedanken gespielt haben als „alleiniger Führer der demokratischen Republik“ aus der siegreichen Revolution hervorzugehen. Für diese Einsicht in Lenins tiefstes Unterbewusstsein werden keine Beweise angeführt. Vieles scheint bei Arthur Rosenbergs „Geschichte des Bolschewismus“ (erstmal 1932 in Berlin veröffentlicht) abgekupfert zu sein.

(5) Lenins These von der „ununterbrochenen Revolution“ und Trotzkis „permanente Revolution“ basieren beide auf derselben Idee, wenn auch in leicht unterschiedlicher Form.

(6) marxists.org

(7) MEW 3, Seite 70.

(8) marxists.org

(9) Mir bedeutet „Dorf“ und „Welt“, was an sich schon aufschlussreich ist. Nach dem Emanzipationsgesetz von Alexander II. im Jahr 1861 organisierten die Dorfältesten des mir oder obschina alles von der Landumverteilung bis zur niederen Gerichtsbarkeit

(10) Diese Ablösungsgebühren sollten bezeichnenderweise 1917 auslaufen. Eine der Folgen dieser Aufstände war, dass die Ablösungsgebühren 1906 abrupt eingestellt wurden.

(11) Siehe Anweiler, S. 51.

(12 )a.a.O. , S. 54.

(13) a.a.O. S. 57.

(14) a.a.O. S.58.

(15) Trotzki, 1905.

(16) Einige westliche Historiker vertreten seit langem die Ansicht, dass Russland nach 1905 dem Westen immer ähnlicher wurde, und argumentieren daher, dass sich der Zarismus ohne den Ersten Weltkrieg in eine echte konstitutionelle Monarchie hätte verwandeln können. Trotzki wies jedoch darauf hin, dass der Titel des Samoderscha oder Autokraten auch nach 1905 noch in jedem Rechtsdokument enthalten war und die Duma bzw. das Parlament keine wirkliche Macht hatte. Die soziale Basis für eine bürgerliche Demokratie fehlte. Die Versuche der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, eine solche 1917 durchzusetzen wirkten sehr gekünstelt. Demgegenüber traten die Bolschewiki für die Rätemacht ein. In diesem Sinne war das Jahr 1905 insgesamt wirklich eine „Generalprobe“ für eine spätere weitere Revolution.

(17) Die vom Zarismus begangenen Gräueltaten werden vom dem erklärten „Demokraten“ Orlando Figes in seinem viel gepriesenen, aber erschreckend arbeiterfeindlichen Werk „Die Tragödie eines Volkes“ dem Moskauer Aufstand angelastet. Dass er Lenin als Urheber des Dezemberaufstands bezeichnet (dann aber Beweise dafür liefert, dass es sich um einen allgemeinen Aufstand des Moskauer Proletariats handelte), lässt seine Scheuklappen nur allzu deutlich erkennen.

(18) sozialistischeklassiker2punkt0.de

(19) marxists.org.

(20) Der Beginn der Revolution in Russland in W. I. Lenin Ausgewählte Werke, Band 1, S. 42

(21) Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution in V. I. Lenin Ausgewählte Werke, Band 1, S. 425

(22) Wir sollten nicht vergessen, dass es den Sozialdemokraten in Deutschland Ende 1918 gelang, die Arbeiterräte in Deutschland dazu zu bringen, Rosa Luxemburg und Karl Leibknecht von der Teilnahme am Rätekongress auszuschließen und das kommunistische Programm aus der Diskussion herauszuhalten. Dies war das genaue Gegenteil dessen, wofür die russischen Arbeiter 1905 gestimmt hatten.

(23) Lenin, Revolutionäre Armee und revolutionäre Regierung: sozialistischeklassiker2punkt0.de

(24) Lenin, Über die Reorganisation der Partei, Ausgewählte Werke, Bd. II, S. 174.

(25) Trotzki, 1905, S. 236.

(26) Lenin, Unsere Aufgaben und der Sowjet der Arbeiterdeputierten, Lenin, Werke, Bd.10, S. 5.

(27) a.a.O.

(28) Siehe dazu u.a. unseren Text 1921: Beginn der Konterrevolution - leftcom.org

Saturday, December 27, 2025