Berichte von ArbeiterInnen über die blutige Repression im Iran

Während verschiedene reaktionäre und imperialistische Kräfte weiterhin die Situation für sich ausnutzen(1) wurden die jüngsten Proteste im Iran blutig niedergeschlagen. Aktuelle Schätzungen der Zahl der Todesopfer reichen von mindestens 3.000 bis zu über 30.000(2). Zehntausende weitere Menschen wurden verletzt oder verhaftet. Das tatsächliche Ausmaß der Gewalt ist noch nicht bekannt.

Jetzt, da die Internetsperre gelockert wird, kommen immer mehr Berichte von ArbeiterInnenorganisationen im Iran über die blutige Unterdrückung durch das Regime ans Licht. Hier veröffentlichen wir einige davon in deutscher Sprache.

Ein Bericht über die Verbrechen in medizinischen Versorgungszentren!

Der Monat Januar wurde zu einer schrecklichen Zeit für KrankenpflegerInnen und das medizinische Personal, ja für alle Menschen im Iran.

Die blutigen Ereignisse und landesweiten Massaker auf den Straßen verwandelten Krankenhäuser und medizinische Versorgungszentren in ein Schlachtfeld zwischen Grausamkeit und Menschlichkeit.

Der Januar 2026 ist ein Kapitel organisierter Kriminalität, eine eklatante Verletzung der Unantastbarkeit von Krankenhäusern, mit dem Ziel, alle internationalen Standards zu brechen.

Verletzte Menschen, die in Krankenhäusern Zuflucht suchten, um ihr Leben zu retten, wurden vor den entsetzten Augen von KrankenpflegerInnen und dem medizinischen Personal brutal ermordet oder aus ihren Krankenhausbetten entführt.

Krankenwagen wurden, anstatt Verwundete zu transportieren und zu schützen, zum Transport der Repressionskräfte eingesetzt oder, wenn sie Verletzte beförderten, mit Schüssen durchsiebt.

Alle beruflichen und humanitären Standards im medizinischen Bereich wurden in den Wind geschlagen, und medizinische Einrichtungen wurden zu Schauplätzen von Krieg und Menschenmord.

ÄrztInnen und KrankenpflegerInnen, die vor der Abschaltung des Internets ihre Telefonnummern weitergegeben hatten, um sich um die Verwundeten zu kümmern, müssen nun mit Verhaftungen und der Einleitung von Strafverfahren rechnen.

ÄrztInnen und KrankenpflegerInnen eilten den Verwundeten zu Hilfe, sei es auf der Straße, in medizinischen Versorgungszentren oder in ihren eigenen Wohnungen, und wurden dabei selbst getötet.

Wir, die KrankenpflegerInnen und das Gesundheitspersonal, die seit Jahren gegen unsere schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen protestieren und deren Proteste mit Repressionen, Drohungen, Entlassungen und der Einleitung von Disziplinarverfahren beantwortet wurden, sind solidarisch und teilen das gleiche Schicksal wie die Menschen, die auf den Straßen protestieren. Unsere Freiheit hängt vom direkten Willen des Volkes ab, frei von jeglicher Form der Unterdrückung.

Der Rat für die Koordinierung der Proteste der KrankenpflegerInnen ehrt das Andenken all jener, die bei diesem schrecklichen Massaker ihr Leben verloren haben und würdigt alle KrankenpflegerInnen und ArbeiterInnen des Gesundheitswesens die bis zum Schluss standhaft geblieben sind um das Leben der Verwundeten zu retten.

Alle inhaftierten KrankenpflegerInnen und ArbeiterInnen des Gesundheitswesens müssen unverzüglich freigelassen werden und die erfundenen Anklagen gegen sie müssen eingestellt werden. Alle, die die Tötungen und Entführungen der Verwundeten angeordnet und durchgeführt haben, sowie die Verbrechen, die im Rahmen der medizinischen Behandlung und in Krankenhäusern begangen wurden, müssen vor Gericht gestellt werden.

Wir, die KrankenpflegerInnen und das Gesundheitspersonal, erklären unsere Solidarität mit allen Verletzten, die medizinische Hilfe benötigen, sei es zu Hause oder in Gesundheitszentren. Wir stehen vereint mit den Menschen, die unter Armut, steigenden Preisen und der Wirtschaftskrise leiden, und wir fordern Gerechtigkeit für die Menschen, die in unseren Gesundheitseinrichtungen abgeschlachtet wurden, und für die Zerstörung der Unantastbarkeit von Patienten und Verletzten.

Einheit und Solidarität sind der Schlüssel zu unserem Sieg!

Lasst uns heute zusammenstehen für eine bessere Zukunft!

Rat für die Koordinierung der Proteste der Krankenschwestern (29. Januar 2026)

Nieder mit der Knechtschaft, es lebe das Leben!

Wir durchleben schwierige Zeiten. Der Schatten des Todes hängt noch immer über uns, und viele unserer Leben wurden genommen. Wir trösten uns selbst; für die verlorenen Leben, für das Weinen der Mütter und Väter, für die fassungslosen Brüder und Schwestern, die unter den verwelkten Blumen nach ihren Liebsten suchen.

Unsere Herzen sind schwer, unsere Stimmen erstickt vor Trauer und wir blicken ungläubig auf das, was geschehen ist. Die kostbaren Seelen, die von uns gegangen sind, glauben, dass das Leben unser Recht ist.

Wir lehnen alles ab, was sich für überlegen hält;

wir lehnen Knechtschaft ab;

wir lehnen Armut ab;

wir lehnen Diskriminierung ab.

Wir stehen gegen Ungleichheit, Unterdrückung und Ausbeutung, gegen Repression, Gefängnis, Hinrichtung und Tyrannei.

Was wollen wir? Ist es ein Verbrechen, Freiheit und das allgemeine Wohlergehen aller zu wollen?

Ist es ein Verbrechen, eine kostenlose Gesundheitsversorgung zu wollen?

Ist es ein Verbrechen, eine kostenlose und allgemeine Bildung zu wollen?

Ist es ein Verbrechen, das Recht auf Arbeit zu wollen?

Ist es ein Verbrechen, eine angemessene Wohnung haben zu wollen?

Ist es ein Verbrechen, eine Gesellschaft zu wollen, in der Männer und Frauen frei nebeneinander leben und gleiche Rechte genießen?

Ist es ein Verbrechen zu sagen, dass wir alle Menschen sind und dass Wohlstand und Reichtum nicht in den Händen einiger weniger liegen sollten?

Ist es ein Verbrechen, eine Meinung und einen Glauben zu haben?

Wir haben das Recht zu leben, und niemand hat das Recht, uns zu SklavInnen zu machen.

Die Erinnerung an unsere verstorbenen Angehörigen ist unantastbar.

Nieder mit der Knechtschaft, es lebe das Leben.

Unser Wunsch ist nicht Knechtschaft.

Unser Wunsch ist Leben.

--Haft Tappeh Gewerkschaft der ZuckerrohrarbeiterInnen (28. Januar 2026)

Syndikat der Beschäftigten der Busgesellschaft von Teheran und Umgebung zur Verurteilung des Massakers an protestierenden Menschen

Das unterdrückte Volk unseres Landes ist erneut in Trauer um seine Kinder versunken. Dieses Mal ist das Massaker an denjenigen, die gegen die Wirtschafts- und Sozialpolitik der Islamischen Republik protestieren, noch weitreichender und schrecklicher als die Straßenmorde der 1980er Jahre sowie die Verbrechen vom Dezember 2017, November 2019 und September 2022. Der immense Schock der die Gesellschaft erfasst hat, ist nicht der Überraschung geschuldet, denn wir haben immer gewusst wie grausam und brutal die Unterdrückungskräfte des Regimes sind, sondern vielmehr der Tatsache, dass die Machthaber ohne Rücksicht auf Verluste beschlossen haben Tausende von Kindern dieses Landes zu massakrieren. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, dass jede Hoffnung auf einen Regimewechsel endgültig dahin ist, selbst für die Optimistischsten und Verblendetsten.

Das Regime hat einmal mehr gezeigt, dass es keinen Wert auf das Leben der Menschen und unserer Kinder legt. Wie kann ein solches Massenmorden begangen werden, nur damit die Leichen der Opfer grausam und unmenschlich für alle sichtbar zur Schau gestellt werden? Kann ein solches Regime in den Köpfen der Menschen auch nur die geringste Legitimität haben?

Nach der Veröffentlichung der Erklärung des Syndikats mit dem Titel „Unterstützung für den gerechten Kampf des Volkes, vorwärts in Richtung echter Freiheit und Gleichheit, keine Rückkehr in die Vergangenheit“(3) wurde uns, wie auch mehr als 93 Millionen Menschen im Land, der Zugang zum Internet und anderen Kommunikationsmitteln entzogen; eine organisierte Entziehung, die bis vor wenigen Tagen andauerte und auch jetzt noch ist die Kommunikation nicht ganz zuverlässig. Dennoch betont das Syndikat weiterhin den grundlegenden und unantastbaren Grundsatz, dass die wahre Befreiung des iranischen Volkes nur durch die kollektive Führung und die bewusste, organisierte und unabhängige Beteiligung der gesamten ArbeiterInnenklasse und anderer unterdrückter Schichten innerhalb des Landes möglich ist und nicht durch die militärische Intervention der Vereinigten Staaten und Israels oder anderer machthungriger ausländischer Regierungen und der mit ihnen verbundenen und sie unterstützenden Kräfte.

Das Syndikat verurteilt die Massenmorde an den unterdrückten Menschen des Landes aufs Schärfste, spricht den Familien und Angehörigen der Gefallenen des Aufstands im Dezember sein aufrichtiges Beileid aus und fordert die sofortige und bedingungslose Freilassung aller Inhaftierten.

Jeden Tag erreichen uns Nachrichten über Hinrichtungen. Das Regime muss wissen, dass selbst die Hinrichtung Tausender politischer Gefangener in den 1980er Jahren das Streben des Volkes nach Gerechtigkeit und seine Forderungen nach Freiheit und Gleichheit nicht aufhalten konnte. Die heutigen Massenmorde und Hinrichtungen in einer Gesellschaft, die weitaus größer, bewusster und vielfältiger ist, werden nicht nur die Proteste und die tiefe soziale Unzufriedenheit nicht eindämmen können, sondern auch die Wut der Öffentlichkeit noch verstärken. Der für das Volk und das Land am wenigsten kostspieligste Weg ist, dass Sie alle sofort zurücktreten und die Maschinerie des Mordens, der Unterdrückung und der Zerstörung im Land sofort gestoppt wird.

Es lebe die Freiheit, die Gleichheit und die Solidarität des Volkes!

Die Lösung für ArbeiterInnen und lohnabhängigen Massen ist Einheit und Organisation!

Syndikat der Beschäftigten der Busgesellschaft von Teheran und Umgebung (27. Januar 2026)

Fünfzig Namen, fünfzig unerfüllte Leben; Namen, die nicht vergessen werden

Fünfzig Namen,(4)

fünfzig unerfüllte Leben

und fünfzig leere Stühle,

die jeden Tag still in den Klassenzimmern nach ihnen schreien.

Es sind die leeren Stühle von Kindern, deren Zukunft ihnen geraubt wurde, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Für Familien, die Trauer mit nach Hause gebracht haben, und für LehrerInnen, die stille Zeugen dieser aufgezwungenen Abwesenheit sind und jeden Tag mit der Wunde der leeren Schulbänke kollektiven Widerstand aufbauen.

Wir gedenken diese Namen.

Für die Mütter und Väter, die nach Gerechtigkeit schreien;

Für die LehrerInnen, die noch immer an das Leben, die Bildung und die Menschenwürde glauben;

Für die Bänke, die leer geblieben sind

Damit wir nicht vergessen, dass diese Todesfälle kein Unfall waren.

Ihre Erinnerung wird geehrt und bleibt bestehen.

Koordinierungsrat der Gewerkschaftsorganisationen iranischer LehrerInnen (26. Januar 2026)

Anmerkungen:

(1) leftcom.org

(2) theguardian.com

(3) Übersetzt in dem Artikel, der in der ersten Fußnote verlinkt ist. Siehe auch den Text „Berichte über den Aufstand im Iran: leftcom.org . Er enthält die Erklärung weiterer ArbeiterInnenorganisationen

(4) Geschätzte Anzahl der Kinder, die bisher im Zuge der Repression getötet wurden.

Sunday, February 1, 2026