You are here
Startseite ›M. N. Roy und die nationale Frage
Ein großer Mann ist nicht dadurch groß, daß seine persönlichen Besonderheiten den großen geschichtlichen Geschehnissen ein individuelles Gepräge verleihen, sondern dadurch, daß er Besonderheiten besitzt, die ihn am fähigsten machen, den großen gesellschaftlichen Bedürfnissen seiner Zeit zu dienen, die unter dem Einfluß der allgemeinen und besonderen Ursachen entstanden sind.(1)
Das schrieb Plechanow im Jahr 1898. Manabendra Nath Roy war sicherlich kein „großer Mann“, selbst nach linken Maßstäben. Es ist schon bemerkenswert, dass Linke, denen es gelungen ist, einen Personenkult um so mittelmäßige Persönlichkeiten wie Stalin und Mao zu errichten, dies bei Roy nicht tun. Waren Roys Positionen für die Linke so gefährlich, dass sie ihn und sein Werk einfach zum Schweigen bringen mussten? Es waren nicht Roys Texte an sich, die den Linken schadeten, sondern das, wofür er stand: eine aufstrebende ArbeiterInnenbewegung in Indien. In welchem Sinne meinen wir, dass Roy „kein großer Mann“ war? Genau darin, dass nicht Roy selbst es war, der „groß“ war, sondern die soziale Bewegung, die er vertrat und verteidigte, bis er selbst an Bedeutung verlor, als die ArbeiterInnenbewegung an Kraft verlor. Roys Positionen lassen sich nicht isoliert verstehen, sondern nur im Kontext der damaligen sozialen Bewegung weltweit. Wenn überhaupt, dann lässt uns Roys Leben einige wichtige Lehren für das politische Handeln in unserer eigenen Zeit ziehen. Während also Roy das Subjekt war, war es die soziale Bewegung, die sein Leben schrieb.
Als Roy vom Nationalismus zum Kommunismus überging, gab es in Indien bereits eine aufkeimende ArbeiterInnenbewegung. Die Feudalherren hatten 1857 einen schweren Schlag erlitten und ihre tatsächliche Macht im Land verloren. Zur Jahrhundertwende hatte Indien bereits eine beachtliche kapitalistische Entwicklung durchlaufen und entsprechend eine aufkeimende ArbeiterInnenbewegung hervorgebracht.
Zwischen 1882 und 1890 wurden in Bombay und Madras fünfundzwanzig bedeutende Streiks verzeichnet, mehrere große Streiks in Bombay in den Jahren 1892–93 und 1901, und Mitte der 1890er Jahre war unter den Jute-Arbeitern in Kalkutta eine neue Militanz zu beobachten, was die Indian Jute Mills’ Association dazu veranlasste, die bengalische Regierung im April 1895 um `zusätzliche polizeiliche Überwachung´ zu bitten, um `aufrührerische Zusammenschlüsse´ von Fabrikarbeitern einzudämmen.(2)
Im Jahr 1908 waren die TextilarbeiterInnen in Bombay (etwa 65.000) gegen die Verhaftung des nationalistischen Führers Tilak in den Streik getreten. Zwar gab es durchaus eine Aggressivität der ArbeiterInnenklasse und eine zunehmende Militanz unter den ArbeiterInnen, doch bündelte sich diese auf die bürgerlich-demokratische Bewegung statt auf die eigenständige Klassenbewegung der ArbeiterInnen. Die Zweite Internationale hatte dem Massenkampf in Asien nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt, was wiederum auf ihren Mangel an Internationalismus hindeutete, der von Luxemburg und Lenin kritisiert wurde.
Doch im Jahr 1918 kam es zu einem entscheidenden Wendepunkt. Die Oktoberrevolution hatte den ausgebeuteten ArbeiterInnen der Welt deutlich gemacht, dass der Kapitalismus gestürzt werden musste und dass gerade die ArbeiterInnenklasse die Kraft hat, die Bewegung zum Sturz des Kapitalismus anzuführen. Nach der Oktoberrevolution brachen in den Präsidentschaften Madras und Bombay mehrere große Streiks aus. Beide Städte wiesen eine bedeutende ArbeiterInnenklasse und eine lange Tradition von Arbeitskämpfen auf. Bereits 1917 hatten sich die Bedingungen der ArbeiterInnen verschlechtert, was zu spontanen Aussperrungen und Streikposten in Ahmedabad, Bombay und Madras geführt hatte. Im Jahr 1918 drohten Streiks in Fabriken (sowohl in indischem als auch in britischem Besitz) auszubrechen, da sich die Bedingungen in den Fabriken verschlechterten. Wie in Frankreich und der Schweiz neigten die ArbeiterInnen Indiens stark zur ArbeiterInnentümelei und erwiesen sich als anfällig für dessen Schwächen. Streiks wurden sehr häufig durch Schlichtungen zwischen den Gouverneuren und ArbeiterInnendelegationen beigelegt. Streitigkeiten zwischen Fabrikbesitzern und FabrikarbeiterInnen wurden am Verhandlungstisch beigelegt, und die ArbeiterInnen hatten noch keine ausgeprägte Klassenidentität entwickelt. Dies machte die ArbeiterInnen anfällig für Einmischungen seitens der Nationalisten. Im Jahr 1918 leitete B.P. Wadia die Gründung der Gewerkschaft in Madras. Die Kongresspartei in der Präsidentschaft Bombay begann, syndikalistische Gewerkschaften in seine Reihen aufzunehmen (Eisenbahngewerkschaft, Gewerkschaft der Presse- und DruckereiarbeiterInnen, Postgewerkschaft usw.), und es gab ernsthafte Versuche seitens der ArbeiterInnen, den Streik, zumindest in ihrem jeweiligen Gewerbe, auf das ganze Land auszuweiten. Doch die Streiks beschränkten sich im Allgemeinen nicht einmal auf eine bestimmte Branche, sondern sehr oft auf eine bestimmte Region.
ArbeiterInnendelegationen wurden ausschließlich mit der Aufgabe entsandt, zu verhandeln, und wenn die Verhandlungen scheiterten, kam es zu Gewalt. Dies lähmte die ArbeiterInnenbewegung, die auf mehrere hunderttausend ArbeiterInnen im ganzen Land angewachsen war. Doch der Angriff kam nicht von vorne, sondern von hinten. Der Kongress griff in alle Streiks ein, um in den Konflikten zu vermitteln und die Militanz der ArbeiterInnen gezielt gegen Fabriken in britischem Besitz zu lenken, obwohl die Löhne und Arbeitsbedingungen in Fabriken in indischem Besitz noch schlechter waren. Die noch junge Klassensolidarität, die sich zwischen europäischen und indischen ArbeiterInnen bei den Streiks in Jamshedpur gebildet hatte, sollte begraben werden. Die schamloseste Haltung der Gewerkschafter zeigte sich 1918 in Madras. Die ArbeiterInnen der Buckingham & Carnatic Mills in Madras sahen den Oktober als ihr Zeichen, ihre Militanz gegen die Kapitalisten zu lenken, und organisierten eine Arbeitsneiderlegung. Sie schickten Delegationen nicht zum Gouverneurssitz, sondern zu den ArbeiterInnen der Eisenbahn, die ebenfalls streikten. Doch Wadia wollte davon nichts wissen. Stattdessen sagte er zu den ArbeiterInnen:
Wenn ihr durch einen Streik den Geldbeutel der Herren Binny & Co. belasten würdet, hätte ich nichts dagegen, denn sie verdienen reichlich Geld; doch mit einem solchen Schritt schadet ihr der Sache der Alliierten. Unsere Soldaten, die bekleidet werden müssen, werden dadurch Unannehmlichkeiten erleiden, und wir haben kein Recht, diejenigen zu belästigen, die für unseren König kämpfen, nur weil sich einige wenige Europäer, die mit den Fabriken und dieser Regierung in Verbindung stehen, schlecht verhalten. Deshalb dürfen wir keine Streiks zulassen.(3)
Von Anfang an wollten der Kongress und die Nationalisten keine Ausweitung des Klassenkampfes dulden. Der Kongress beschloss, die ArbeiterInnenbewegung so schnell wie möglich zu unterdrücken, und schreckte dabei vor nichts zurück. Durch diese Einschränkung gebunden, fielen die ArbeiterInnen der Textilfabriken in Madras, die erste Anzeichen eines politischen Bewusstseins gezeigt hatten, 1921 den bürgerlichen Aasgeiern zum Opfer, die die ArbeiterInnen entlang der Kastengrenzen spalteten und zerschlugen. Doch das kurze Intermezzo von 1918 bis 1921 bot Leuten wie Roy „genug Substanz“, um zu zeigen, dass die ArbeiterInnen in den Kolonien bereits begannen, Klassensolidarität zu entwickeln.
Roy war ursprünglich der Gründer der Kommunistischen Partei Mexikos gewesen. Auf diese Weise war die Kommunistische Internationale (Komintern) auf Roy aufmerksam geworden und hatte ihn eingeladen, am Zweiten Kongress teilzunehmen sowie eine kommunistische Partei zu gründen. Die Kommunistische Partei Indiens (CPI) wurde 1920 in Taschkent gegründet. Doch dies blieb nur ein kleiner Teil seines Lebens. Roy konzentrierte sich viel stärker auf die Komintern und die Aktivitäten ihres Exekutivkomitees (EK). Im Jahr 1920 machte sich Roy „einen Namen“. Bis 1920 war die „Befreiung der Kolonien“ unter allen KommunistInnen unantastbar gewesen. Selbst Luxemburg unterstützte die nationale Befreiung Armeniens. Doch 1920 wurde Lenin in dieser Frage von jemandem herausgefordert, der selbst aus einer Kolonie stammte. Auf dem Zweiten Kongress stellte Roy Lenins Unterstützung für die nationale Befreiung in den Kolonien in Frage. Stattdessen lehnte Roy (der von Lenin eingeladen worden war, seine ergänzenden Thesen auszuarbeiten) sowohl eine Einheitsfront in den Kolonien als auch die Auffassung ab, dass die nationale Befreiung eine Aufgabe sei, die unterstützt werden sollte. Roy sprach sich unmissverständlich gegen jede Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie aus:
Es lassen sich zwei Bewegungen feststellen, die mit jedem Tage mehr auseinander gehen. Eine von ihnen ist die bürgerlich-demokratische nationalistische Bewegung, die das Programm der politischen Unabhängigkeit unter Beibehaltung der kapitalistischen Ordnung verfolgt; die andere ist der Kampf der besitzlosen Bauern um ihre Befreiung von jeglicher Ausbeutung. Die erste Bewegung versucht, oft mit Erfolg, die zweite zu kontrollieren; die Kommunistische Internationale aber muss gegen eine derartige Kontrolle ankämpfen, und die Entwicklung des Klassenbewusstseins der Arbeitermassen der Kolonien muss demgemäss auf den Sturz des ausländischen Kapitalismus gerichtet werden.(4)
Roy machte unmissverständlich klar, dass die Revolution im Osten nur dann stattfinden wird, wenn das Proletariat Europas, das auf eine längere sozialistische Tradition zurückblicken kann, die Führung übernimmt:
Zweifellos steht das Proletariat der Industrieländer Europas und Amerikas an der Spitze der Heere der Weltrevolution.(5)
Roys Kritik an Lenin führte dazu, dass der Begriff „bürgerlich-demokratisch“ zugunsten von „nationalrevolutionär“ aufgegeben wurde, doch weder Lenin noch Roy noch gar die gesamte Komintern hatten eine klare Vorstellung davon, was diese „nationalrevolutionäre“ Bewegung eigentlich sein sollte. Die gesamte Komintern war von Unklarheit darüber erfasst, was „nationalrevolutionäre“ Bewegungen waren und wie die KommunistInnen sie unterstützen könnten.
Doch Roys Position zur nationalen Frage war, obwohl sie begrüßenswert war, konfus. Roy zog die falschen Lehren aus der Niederlage und dem Abebben der revolutionären Welle. Roy betrachtete die Revolution im Osten als notwendige Voraussetzung für den Sieg der Revolution in Europa.
Wo liegt nun die Quelle der Stärke der britischen Bourgeoisie? Gemessen an den derzeitigen industriellen Verhältnissen auf den Britischen Inseln scheint es, als stünde die kapitalistische Ordnung in Großbritannien zweifellos kurz vor dem Zusammenbruch, wenn sich ihre Ressourcen auf die Produktivität dieser Inseln und die Kaufkraft Kontinentaleuropas beschränken würden. Doch trotz all ihrer chronischen Widersprüche und der Schwierigkeiten, die sie beim Wiederaufbau der industriellen Struktur des Mutterlandes auf der Vorkriegsbasis hat, erweist sich die kapitalistische Klasse Großbritanniens als recht gefestigt in ihrer Macht. Es gelingt ihr nach wie vor, einen Teil des Proletariats zu täuschen und einen anderen Teil zu unterdrücken. Der Besitz des riesigen außereuropäischen Imperiums und die Kontrolle über die neu geschaffene wirtschaftliche Abhängigkeit, auf die Kontinentaleuropa reduziert wurde, verschaffen dem britischen Kapital einen sehr weiten Handlungsspielraum, wodurch es seine Position im eigenen Land aufrechterhalten und nebenbei seine internationale Macht sichern kann. Die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung der reichen und dicht besiedelten Länder des Ostens würde dem westlichen Kapital neue Kraft verleihen. In diesen Ländern liegen große Möglichkeiten, die billige Arbeitskräfte und neue Märkte bieten, die so schnell nicht erschöpft sein werden. Daher ist die Zerstörung seines monopolistischen Ausbeutungsrechts im riesigen östlichen Kolonialreich ein entscheidender Faktor für den endgültigen und erfolgreichen Sturz der kapitalistischen Ordnung in Europa.(6)
Roy war nicht nur übermäßig ökonomistisch, sondern sah auch fälschlicherweise die Absatzmärkte als Ursache der kapitalistischen Krise an, ohne den Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital sowie die sinkende Profitrate im Inland als eigentliche Ursache der Krise zu erkennen. Aber Roy vernachlässigte auch die politischen Gründe. Er sah die „Achillesferse“ der Niederlage in Europa in der Stärke der Bourgeoisie, anstatt historische Gründe zu berücksichtigen. Um Luxemburg zu paraphrasieren: Die ArbeiterInnen hatten großes Vertrauen in die Zweite Internationale und ihre Parteien gesetzt, und deren Verrat hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die ArbeiterInnenklasse. Der späte Austritt der KommunistInnen aus der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) hatte die ArbeiterInnen weiter verwirrt, und die Abkehr von der revolutionären Linie innerhalb der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), der Opportunismus Sinowjews, der seine Macht als Vorsitzender des Exekutivkomitees nutzte, um die linke Fraktion in der Sozialistischen Partei Italiens (PSI) daran zu hindern, mit der PSI zu brechen und eine Sektion der Komintern zu bilden, entgingen Roy.
Eine weitere große Schwäche von Roys Text lag in der Unklarheit hinsichtlich der Revolution im Osten. Roy sah bürgerlich-demokratische Revolutionen zwar nach wie vor als nicht unterstützenswert, aber dennoch als „revolutionär“ an; das heißt, er hatte den konterrevolutionären Charakter dieser Bewegungen noch nicht erkannt. Selbst in seinem Beitrag zur nationalen und kolonialen Frage sagte Roy:
Auf der ersten Stufe ihrer Entwicklung muss die Revolution in den Kolonien nach dem Programm rein kleinbürgerlicher reformistischer Forderungen, wie Aufteilung des Landes usw., durchgeführt werden.(7)
Obwohl Roy sich gegen die Annahme wandte, man müsse der Bourgeoisie die Führung überlassen, betrachtete er die Dinge weiterhin unter „stufentheoretischen“ und nationalen Gesichtspunkten, d. h., während die Weltrevolution die Voraussetzung für den Sozialismus war, konnten Revolutionen zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Regionen unterschiedlich verlaufen. Weltrevolution bedeutete nicht den gleichzeitigen Ausbruch des Klassenkampfes. In marxistischer Terminologie ging die Verallgemeinerung des Klassenkampfes verloren. Roys Internationalismus hatte etwas mehr mit dem Trotzkis gemeinsam, doch dies war ein Problem, das das gesamte Milieu zu jener Zeit plagte. Es gab andere, die auf Roys Fehler in seinen Thesen zur nationalen Frage hinwiesen. Sultan-Sade, der Delegierte aus Persien, wies darauf hin, dass Roy durch seine übermäßige Betonung der Revolutionen im Osten dazu neigte, die Stärke des Proletariats im Kampf gegen den Angriff des Weltkapitals zu überschätzen.
Werden die Arbeiter dieses Landes dem Ansturm der Bourgeoisie der ganzen Welt standhalten können ohne die Hilfe einer grossen revolutionären Bewegung in England und in Europa? Natürlich nicht. Die Unterdrückung der Revolution in Persien und China sind deutliche Beweise dafür.(8)
Was das gesamte Milieu jedoch noch nicht erkannt hatte, war, dass die revolutionäre Welle bereits abzuebben begann und der schleichende Opportunismus der Komintern dies widerspiegelte. Roys eigene Verwirrung in Bezug auf die nationale Befreiung lässt sich am besten mit seinen eigenen Worten zusammenfassen:
In den rückständigen Ländern ist die nationale Revolution ein Schritt vorwärts. […] Die Bevölkerung der ausgebeuteten Länder, deren wirtschaftliche und politische Evolution nicht vor sich gehen konnte, haben andere revolutionäre Phasen zu durchlaufen als die europäischen Völker. Wer glaubt, dass es reaktionär ist, diesen Völkern in ihrem nationalen Kampf zu helfen, ist selbst reaktionär und spricht eine imperialistische Sprache.(9)
Beinhaltet diese Bevölkerung nur die ArbeiterInnen und die kleinen und landlosen Bauern, oder beinhalten sie „alle Völker“? Solche Fragen wurden nicht erörtert.
Trotz der oben diskutierten Mängel in Roys Thesen stellten diese eine entschiedene Infragestellung der Notwendigkeit der nationalen Befreiung dar, waren jedoch verwirrend formuliert und wiesen schwerwiegende Mängel auf. Ermutigt durch Lenin erweiterten Roy und Abani Mukherjee ihre Thesen, um den Begriff des „Halbfeudalismus“ zu widerlegen, und verfassten das Buch India in Transition (1922). Die Unklarheiten der nationalen Frage sollten Roy später noch verfolgen. Sinowjew leitete den Kongress der Völker des Ostens, der 1920 in Baku stattfand, und begann, offen zum Panislamismus gegen Großbritannien aufzurufen und drängte die afghanischen Stämme (wie es die Deutschen 1914 versucht hatten), einen Dschihad gegen das Britische Empire zu führen. Roy distanzierte sich von dem Kongress, den er als „Sinowjews Zirkus“ bezeichnete.
Einer der letzten einschlägigen Artikel, die Roy zur nationalen Frage verfasste, erschien 1924 (The Second International & the Doctrine of Self-Determination). Darin geißelte er erneut das Selbstbestimmungsrecht und schrieb:
Die von der indischen Bourgeoisie geforderte Selbstbestimmung ist nichts anderes als das Recht auf einen kleinen Anteil an der wirtschaftlichen Ausbeutung und der politischen Verwaltung.(10)
Er griff Gandhis „Bewegung des passiven Widerstands“ an, hatte jedoch, wie er in seinem Artikel selbst hervorhob, nicht erkannt, dass die ArbeiterInnen nun selbst durch und durch bürgerliche Forderungen stellten. Die politischen Verwirrungen, die seine früheren Schriften zur nationalen Befreiung ausgelöst hatten, führten zu der opportunistischen Linie in seiner Broschüre,
Die Völker der Kolonien können kein Recht auf Selbstbestimmung erlangen, solange dem Imperialismus nicht der Krieg erklärt wird.(11)
Es gab Anzeichen dafür, was kommen würde.
Etwa zur gleichen Zeit, als er seinen Artikel von 1924 verfasste, begann Roy, sich weiter in Richtung Stalinismus zu bewegen. Abgesehen davon, dass er für Trotzkis Ausschluss stimmte, wurde er nach China entsandt, um in einem Streit zwischen Borodin und der Kuomintang zu vermitteln. Zu dieser Zeit hatte Roy begonnen, die „Einheitsfront“ zu akzeptieren. 1927 lautete Roys Bericht auf dem Fünften Kongress der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh):
Wir kehren zu der Situation zurück, die zum Weltkrieg von 1914 geführt hat. Der Wettlauf um Märkte ist ein charakteristisches Merkmal der heutigen internationalen Lage. Infolge des wachsenden Wettbewerbs sieht sich die Welt mit der Gefahr eines neuen Krieges konfrontiert, der noch belastender und zerstörerischer sein wird als der letzte Krieg. Der Aufstand der kolonialen Völker hat andererseits die Möglichkeit der Erschließung von Überseemärkten eingeschränkt. Tatsächlich sind die Märkte in einer Reihe von Kolonialländern bereits erheblich geschrumpft.
Genau darin liegt der Grund für Roys Kapitulation vor dem Stalinismus. So kam es, dass Roy die nationale Befreiung als „Krieg gegen den Imperialismus“ uneingeschränkt unterstützte. Anstatt die nationale Befreiung als konterrevolutionär zu betrachten, sahen Roy und die Komintern sie nun uneingeschränkt als „Bollwerke gegen den Imperialismus“ an, ganz gleich, ob sie von den ArbeiterInnen oder von den Kapitalisten selbst geführt wurde. Natürlich war Roy nie so einfältig, dieselben Behauptungen wie Mao aufzustellen, doch Opportunismus und Unklarheit in der nationalen Frage führen uns vom Weg der Revolution ab und hin zur Konterrevolution.
Eine Sache, die auffällig ausgelassen wurde, ist Roys Verhältnis zur CPI. Zwar spielte Roy – vor seinem Ausschluss wegen seiner Unterstützung der KPD-Opposition (KPO) in Deutschland – als Mitglied des Exekutivkomitees eine dominantere Rolle, doch war er auch an der Gründung der CPI beteiligt. Selbst innerhalb der CPI kämpfte Roy in den frühen 1920er Jahren gegen genau jene Positionen, die er 1927 verteidigen sollte. Es gab bereits innerhalb der CPI Kräfte, die ein breites Bündnis von Nationalisten gegen den britischen Imperialismus befürworteten. Diese Fraktion hatte sich in Berlin neu formiert und wurde unter der Führung von Virendranath Chattopadhyay als „Berliner Gruppe“ bezeichnet. Im Jahr 1921 legte Virendranath zusammen mit G. A. K. Lohani, Panduram Khankhoje und anderen ein Dokument mit dem Titel „Thesen über Indien und die Weltrevolution“ vor, in dem die Auffassung vertreten wurde, Indien sei von Natur aus „halbfeudal“, und das sich gegen Roys Position auf dem Zweiten Kongress richtete. Roys Ansichten zu den Aktivitäten anderer indischer revolutionärer Gruppen hatten enormes Gewicht, und er galt als der wirkungsvollste Sprecher in Bezug auf die indische Frage; doch in Wirklichkeit hatte sich die CPI bereits von Roy entfernt, als dieser begann, von seiner Position aus dem Jahr 1920 abzuweichen.
Doch in den frühen 1920er Jahren führte Roy eine starke Opposition gegen all diese Strömungen an. Er lehnte den von Barkatullah vertretenen breit angelegten Nationalismus ab und sprach sich dafür aus, dass sich die CPI von der Kongresspartei distanzieren sollte. Letztendlich war es die Kommunistische Partei Großbritanniens (CPGB), die das Exekutivkomitee der Komintern nutzte, um die direkte Kontrolle über die CPI zu erlangen (1924). Das Exekutivkomitee hatte aus offensichtlichen Gründen angeordnet, dass die CPGB und die CPI eng zusammenarbeiten sollten. Um die Kontrolle über die CPI zu erlangen, schuf das Exekutivkomitee das „Indische Auslandsbüro“ mit britischen und indischen Mitgliedern. Das Büro zerfiel ziemlich schnell. In einem Brief an Petrov schrieb Roy:
Unser Büro funktioniert nicht gut. Insbesondere der britische Teil der Arbeit ist sehr unbefriedigend. Entgegen dem von Ihnen erhaltenen Schreiben wurde uns von der britischen Seite mitgeteilt, dass der dortige Vertreter mit neuen Anweisungen aus Moskau zurückgekehrt ist, die die neue Linie, der wir bisher gefolgt sind, vollständig ablehnen. Gemäß diesen neuen Anweisungen übernimmt die Kolonialkommission der britischen Partei die oberste politische Verantwortung für die Arbeit in Indien, Ägypten und anderen Kolonien. Dies hat bereits zu Doppelarbeit und zu Bemühungen in die falsche Richtung geführt. Die britische Seite geht von der Annahme aus, dass, da sie in Indien nichts unternommen hat, dort überhaupt nichts existiert und sie das Ganze von Grund auf neu beginnen muss. Da ich keinen Konflikt heraufbeschwören möchte, habe ich der britischen Seite den gesamten für die Arbeit unseres Büros in den britischen Kolonien bewilligten Betrag übergeben.
Bis zur 9. Plenarsitzung des Exekutivkomitees der Komintern im Jahr 1928 war Roy federführend für indischen Angelegenheiten verantwortlich. Doch 1928 wurde Roy abgesetzt und durch S. V. Ghate und D. A. Naoroji ersetzt, die beide den indischen Nationalismus und den Stalinismus unterstützten. Benn Bradley und die CPGB erlangten kurz darauf die vollständige Kontrolle über die CPI. 1929 wurde Roy aus der Komintern ausgeschlossen. Er wandte sich vom Kommunismus ab, unterstützte den Zweiten Weltkrieg und predigte schließlich den „radikalen Humanismus“.
Trotz der Rückschritte in seinem Leben bietet uns Roy eine interessante Perspektive darauf, was passieren könnte, wenn wir uns über zentrale Fragen wie etwa die nationale Frage nicht im Klaren sind. Wenn man dem Opportunismus Tür und Tor öffnet, zerfrisst dies jeden Einzelnen und jede Partei von innen heraus. Hätten Roys Verwirrungen überwunden werden können? Natürlich. Das leuchtende Beispiel ist die Italienische Linke, die aus den Erfahrungen des Proletariats die richtigen Lehren zog, einschließlich der Ablehnung der nationalen Befreiung nach dem Massaker in China. Doch die Voraussetzung für diese Klarheit ist die politische Organisation der KommunistInnen. Was uns Roys Leben lehrt, ist genau das: Individuelle Militanz ist unmöglich, und nur als Organisation können wir auf den Kommunismus hinarbeiten, den Klassenkampf ausweiten und verhindern, dass die schmerzhaften Lektionen, die KommunistInnen und ArbeiterInnen über Jahrhunderte hinweg gelernt haben, wieder in Vergessenheit geraten. -
Betov, Class War (South Asia)Anmerkungen:
(1) G. Plechanow, Über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte
(2) S. Sarkar, Modern India, S. 53 (unsere Übersetzung)
(3) B. P. Wadia, Labour in Madras, 1921, S. 35 (unsere Übersetzung)
(4) M. N. Roy, II. Weltkongress der Kommunistischen Internationale, 4. Sitzung (sinistra.net)
(5) M. N. Roy, Draft Theses on the Oriental Question Presented to the Third Congress of the Communist International, RGASPI, 490/1/6 (unsere Übersetzung)
(6) ebd.
(7) siehe [4]
(8) A. Sultan-Sade, II. Weltkongress der Kommunistischen Internationale, 5. Sitzung (sinistra.net)
(9) M. N. Roy, II. Weltkongress der Kommunistischen Internationale, 5. Sitzung (sinistra.net)
(10) M. N. Roy, The 2nd International & the Doctrine of Self-Determination in ‘The Communist International’, No. 4, 1924, S. 128 (unsere Übersetzung)
(11) ebd., S. 137 (unsere Übersetzung)
ICT sections
Grundlagen
- Bourgeois revolution
- Competition and monopoly
- Core and peripheral countries
- Crisis
- Decadence
- Democracy and dictatorship
- Exploitation and accumulation
- Factory and territory groups
- Financialization
- Globalization
- Historical materialism
- Imperialism
- Our Intervention
- Party and class
- Proletarian revolution
- Seigniorage
- Social classes
- Socialism and communism
- State
- State capitalism
- War economics
Sachverhalt
- Activities
- Arms
- Automotive industry
- Books, art and culture
- Commerce
- Communications
- Conflicts
- Contracts and wages
- Corporate trends
- Criminal activities
- Disasters
- Discriminations
- Discussions
- Drugs and dependencies
- Economic policies
- Education and youth
- Elections and polls
- Energy, oil and fuels
- Environment and resources
- Financial market
- Food
- Health and social assistance
- Housing
- Information and media
- International relations
- Law
- Migrations
- Pensions and benefits
- Philosophy and religion
- Repression and control
- Science and technics
- Social unrest
- Terrorist outrages
- Transports
- Unemployment and precarity
- Workers' conditions and struggles
Geschichte
- 01. Prehistory
- 02. Ancient History
- 03. Middle Ages
- 04. Modern History
- 1800: Industrial Revolution
- 1900s
- 1910s
- 1911-12: Turko-Italian War for Libya
- 1912: Intransigent Revolutionary Fraction of the PSI
- 1912: Republic of China
- 1913: Fordism (assembly line)
- 1914-18: World War I
- 1917: Russian Revolution
- 1918: Abstentionist Communist Fraction of the PSI
- 1918: German Revolution
- 1919-20: Biennio Rosso in Italy
- 1919-43: Third International
- 1919: Hungarian Revolution
- 1920s
- 1921-28: New Economic Policy
- 1921: Communist Party of Italy
- 1921: Kronstadt Rebellion
- 1922-45: Fascism
- 1922-52: Stalin is General Secretary of PCUS
- 1925-27: Canton and Shanghai revolt
- 1925: Comitato d'Intesa
- 1926: General strike in Britain
- 1926: Lyons Congress of PCd’I
- 1927: Vienna revolt
- 1928: First five-year plan
- 1928: Left Fraction of the PCd'I
- 1929: Great Depression
- 1930s
- 1931: Japan occupies Manchuria
- 1933-43: New Deal
- 1933-45: Nazism
- 1934: Long March of Chinese communists
- 1934: Miners' uprising in Asturias
- 1934: Workers' uprising in "Red Vienna"
- 1935-36: Italian Army Invades Ethiopia
- 1936-38: Great Purge
- 1936-39: Spanish Civil War
- 1937: International Bureau of Fractions of the Communist Left
- 1938: Fourth International
- 1940s
- 1950s
- 1960s
- 1970s
- 1969-80: Anni di piombo in Italy
- 1971: End of the Bretton Woods System
- 1971: Microprocessor
- 1973: Pinochet's military junta in Chile
- 1975: Toyotism (just-in-time)
- 1977-81: International Conferences Convoked by PCInt
- 1977: '77 movement
- 1978: Economic Reforms in China
- 1978: Islamic Revolution in Iran
- 1978: South Lebanon conflict
- 1980s
- 1979-89: Soviet war in Afghanistan
- 1980-88: Iran-Iraq War
- 1982: First Lebanon War
- 1982: Sabra and Chatila
- 1986: Chernobyl disaster
- 1987-93: First Intifada
- 1989: Fall of the Berlin Wall
- 1979-90: Thatcher Government
- 1980: Strikes in Poland
- 1982: Falklands War
- 1983: Foundation of IBRP
- 1984-85: UK Miners' Strike
- 1987: Perestroika
- 1989: Tiananmen Square Protests
- 1990s
- 1991: Breakup of Yugoslavia
- 1991: Dissolution of Soviet Union
- 1991: First Gulf War
- 1992-95: UN intervention in Somalia
- 1994-96: First Chechen War
- 1994: Genocide in Rwanda
- 1999-2000: Second Chechen War
- 1999: Introduction of euro
- 1999: Kosovo War
- 1999: WTO conference in Seattle
- 1995: NATO Bombing in Bosnia
- 2000s
- 2000: Second intifada
- 2001: September 11 attacks
- 2001: Piqueteros Movement in Argentina
- 2001: War in Afghanistan
- 2001: G8 Summit in Genoa
- 2003: Second Gulf War
- 2004: Asian Tsunami
- 2004: Madrid train bombings
- 2005: Banlieue riots in France
- 2005: Hurricane Katrina
- 2005: London bombings
- 2006: Comuna de Oaxaca
- 2006: Second Lebanon War
- 2007: Subprime Crisis
- 2008: Onda movement in Italy
- 2008: War in Georgia
- 2008: Riots in Greece
- 2008: Pomigliano Struggle
- 2008: Global Crisis
- 2008: Automotive Crisis
- 2009: Post-election crisis in Iran
- 2009: Israel-Gaza conflict
- 2006: Anti-CPE Movement in France
- 2010s
- 2010: Greek debt crisis
- 2011: War in Libya
- 2011: Indignados and Occupy movements
- 2011: Sovereign debt crisis
- 2011: Tsunami and Nuclear Disaster in Japan
- 2011: Uprising in Maghreb
- 2014: Euromaidan
- 2017: Catalan Referendum
- 2019: Maquiladoras Struggle
- 2010: Student Protests in UK and Italy
- 2011: War in Syria
- 2013: Black Lives Matter Movement
- 2014: Military Intervention Against ISIS
- 2015: Refugee Crisis
- 2016: Brexit Referendum
- 2018: Haft Tappeh Struggle
- 2018: Climate Movement
- 2020s
Menschen
- Amadeo Bordiga
- Anton Pannekoek
- Antonio Gramsci
- Arrigo Cervetto
- Bruno Fortichiari
- Bruno Maffi
- Celso Beltrami
- Davide Casartelli
- Errico Malatesta
- Fabio Damen
- Fausto Atti
- Franco Migliaccio
- Franz Mehring
- Friedrich Engels
- Giorgio Paolucci
- Guido Torricelli
- Heinz Langerhans
- Helmut Wagner
- Henryk Grossmann
- Karl Korsch
- Karl Liebknecht
- Karl Marx
- Leon Trotsky
- Lorenzo Procopio
- Mario Acquaviva
- Mauro jr. Stefanini
- Michail Bakunin
- Onorato Damen
- Ottorino Perrone (Vercesi)
- Paul Mattick
- Rosa Luxemburg
- Vladimir Lenin
Politik
- Anarchism
- Anti-Americanism
- Anti-Globalization Movement
- Antifascism and United Front
- Antiracism
- Armed Struggle
- Autonomism and Workerism
- Base Unionism
- Bordigism
- Communist Left Inspired
- Cooperativism and Autogestion
- DeLeonism
- Environmentalism
- Fascism
- Feminism
- German-Dutch Communist Left
- Gramscism
- ICC and French Communist Left
- Islamism
- Italian Communist Left
- Leninism
- Liberism
- Luxemburgism
- Maoism
- Marxism
- National Liberation Movements
- Nationalism
- No War But The Class War
- PCInt-ICT
- Pacifism
- Parliamentary Center-Right
- Parliamentary Left and Reformism
- Peasant movement
- Revolutionary Unionism
- Russian Communist Left
- Situationism
- Stalinism
- Statism and Keynesism
- Student Movement
- Titoism
- Trotskyism
- Unionism
Regionen
User login

This work is licensed under a Creative Commons Attribution 3.0 Unported License.

