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Startseite ›Der Syndikalismus: Damals wie Heute
In der Zeit zwischen den 1830er und den 1880er Jahren trat die ArbeiterInnenklasse als „Klasse für sich“ auf die Bühne der Geschichte. ArbeiterInnen begannen erste politischen Parteien und Gewerkschaften ins Leben zu rufen. So gründete sich die Erste Internationale, um die politischen und wirtschaftlichen Kämpfe der ArbeiterInnenklasse zu vereinen. Andererseits fiel die Zeit in der auch der Syndikalismus aufkam, zwischen den 1890er und 1920er Jahren, mit dem Übergang zur imperialistischen Phase des Kapitalismus zusammen. Dies war kein Zufall - die zunehmende Zentralisierung des Kapitals erforderte eine zunehmende Zentralisierung der Arbeit. Der Syndikalismus war untrennbar mit dem historischen Prozess der Zentralisierung lokaler Gewerkschaften und ArbeiterInnenverbände in Föderationen auf nationaler Ebene verbunden. Verschiedene politische Strömungen beteiligten sich aktiv an diesem Prozess und versuchten die ArbeiterInnen für unterschiedliche Ziele zu vereinen. Die Bedeutung des Syndikalismus ist daher oft umstritten und unterscheidet sich je nach nationalem Kontext. In Frankreich, wo der Begriff seinen Ursprung hat, bezieht sich der Begriff „Syndikalismus“ auf die Gewerkschaftsbewegung im Allgemeinen. Hier geht es jedoch auch um Strömungen, die als „revolutionärer Syndikalismus“, „Industrieunionismus“ und „Anarcho-Syndikalismus“ bezeichnet werden. Unabhängig von ihrer Bezeichnung unterschieden sich diese Arten von Gewerkschaften von der herkömmlichen Gewerkschaftsbewegung dadurch, dass sie mit ihrer Betonung der direkten Aktion und des Generalstreiks gleichzeitig eine Herausforderung für den wachsenden Reformismus innerhalb der ArbeiterInnenbewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts darstellten.
Syndikalistische Gewerkschaften entstanden in Ländern in denen die Bildung ständiger ökonomischer Kampforganisationen überhaupt möglich war. Dies erforderte sowohl eine besondere Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse als auch, zumindest bis zu einem gewissen Grad, günstige rechtliche Bedingungen. Aus diesem Grund konnte sich der Syndikalismus in Ländern (wie bspw. dem Russischen Zarenreich) nie wirklich durchsetzen, wo die Existenz von Gewerkschaften aufgrund staatlicher Repressionen immer nur begrenzt und vorübergehend war. Im Allgemeinen war die Gründung syndikalistischer Gewerkschaften, ein Symptom für die wachsende Militanz der ArbeiterInnenklasse zu Beginn des 20. Jahrhunderts, einer Zeit, die durch Massenkämpfe gekennzeichnet war (SyndikalistInnen spielten eine führende Rolle bei Ereignissen wie dem Porzellanstreik von Limoges 1905 in Frankreich, dem MieterInnenstreik von 1907 in Argentinien, der Revolte von Barcelona 1909 in Spanien, dem Transportstreik von Liverpool 1911 in Großbritannien, dem Textilstreik von Lawrence 1912 in den USA usw.). In einigen Ländern entwickelten sich die syndikalistischen Gewerkschaften zu den ersten nationalen Gewerkschaftsverbänden, in anderen entwickelten sie sich aufgrund politischer oder regionaler Faktoren in Konkurrenz zu den bereits bestehenden nationalen Gewerkschaftsverbänden.
In Frankreich hatten die Repressionen im Anschluss an die Pariser Kommune von 1871 die Aktivitäten der ArbeiterInnenklasse ein Jahrzehnt lang unterdrückt. Die Gewerkschaften wurden schließlich 1884 wieder legalisiert, und die ersten Arbeitsbörsen (bourses du travail) wurden auf Anregung des liberalen Ökonomen Gustave de Molinari eingeführt. Diese gewerkschaftlichen Arbeitsvermittlungsstellen wurden allmählich zu Räumen für die Agitation der ArbeiterInnenklasse und begannen 1892 sich in einer Föderation der Arbeitsbörsen (Fédération des Bourses du travail) zusammenzuschließen. Im Jahr 1895 wurde die Confédération générale du travail (CGT) gegründet, ein nationaler Gewerkschaftsverband in dem die Fédération des Bourses du travail 1902 aufging. SozialistInnen und AnarchistInnen spielten in der CGT eine herausragende Rolle und insbesondere unter dem Einfluss der letzteren erklärte die „Charta von Amiens“ 1906, dass die CGT „ungeachtet aller politischen Schulen – alle Arbeiter, die sich des zu führenden Kampfes für das Verschwinden von Lohnarbeit und Unternehmertum bewusst sind“ vereine. Die CGT wurde gewissermaßen zur Mustergewerkschaft der revolutionären SyndikalistInnen.
In Großbritannien wurde der rechtliche Status der Gewerkschaften durch die Royal Commission 1867 festgelegt. Der Trades Union Congress wurde 1868 gegründet, etablierte bald seinen eigenen parlamentarischen Ausschuss und entwickelte sich ab 1897 zu einem nationalen Gewerkschaftsdachverband. Die kurzlebige Industrial Syndicalist Education League (ISEL) wurde 1910 von Mitgliedern der Social Democratic Federation gegründet, die sich von den Aktivitäten der französischen CGT inspirieren ließen. Anstatt eine eigene Gewerkschaftsorganisation zu gründen plädierten sie dafür, in den bestehenden Gewerkschaften von innen zu wirken um syndikalistische Praktiken zu fördern.
Nach der Aufhebung der „Sozialistengesetze“ in Deutschland im Jahr 1890 wurde eine Generalkommission der deutschen Gewerkschaften gegründet um die Aktivitäten der „freien Gewerkschaften“ unter der Ägide der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) zu koordinieren. Eine sog. „lokalistische Strömung“ spaltete sich nach und nach ab und organisierte sich zwischen 1897 und 1903 als Freie Vereinigung Deutscher Gewerkschaften (FVdG) neu, blieb aber der SPD verbunden. In den Jahren 1907/8 wurden die Mitglieder der FVdG jedoch nach der Annahme einer von August Bebel eingebrachten Resolution aus der SPD ausgeschlossen (eine Entscheidung, der Rosa Luxemburg widersprach). Dies führte dazu, dass diejenigen die noch in der SPD bleiben wollten, die FVdG verließen, doch die Organisation blieb bestehen und wurde zunehmend von den Praktiken der CGT beeinflusst.
In den USA wurde der rechtliche Status der Gewerkschaften durch den „Hunt case“ von 1842 festgelegt.(1) Mit der Gründung der American Federation of Labor (AFL) im Jahr 1886 wurde ein nationaler Gewerkschaftsverband geschaffen (nachdem es innerhalb der Knights of Labor(2) zu einem Streit über Gelder gekommen war) der zunächst noch von den sog. „craft unions“(3) dominiert wurde. Unter der Führung von Samuel Gompers lehnte die AFL den Sozialismus ab und weigerte sich, ungelernte und ausländische Arbeiter, Afroamerikaner und Frauen zu unterstützen. Im Gegensatz dazu gründeten SozialistInnen, AnarchistInnen und GewerkschaftsaktivistInnen 1905 eine neue Organisation, die Industrial Workers of the World (IWW). In ihrer Satzung orientierte sie sich an der berühmten Losung von Marx: „Statt des konservativen Mottos `Ein guter Lohn für gute Arbeit´ sollte sie [die ArbeiterInnenklasse, Anm d. Red.] auf ihr Banner der revolutionäre Losung schreiben: Nieder mit dem Lohnsystem!“(4)
Die IWW lehnten die Bezeichnung Syndikalismus tendenziell ab und verstand sich eher als Industriegewerkschaft bzw. Industrieunion. Es gab Versuche IWW-Ableger in anderen Ländern zu gründen, vor allem, aber nicht nur, im englischsprachigen Raum.
In Spanien bildeten sich in der Zeit zwischen der „Glorreichen Revolution“ von 1868, die zum Sturz von Königin Isabella II. und der bourbonischen Restauration von 1874 führte die ersten ArbeiterInnenverbände. Als die Regierung in den 1880er Jahren begann soziale Reformen zur Verbesserung des Wohlergehens der ArbeiterInnenklasse in Erwägung zu ziehen, eröffneten sich neue Spielräume für gewerkschaftliche Aktivitäten. 1888 entstand die Unión General de Trabajadores (UGT) die eng mit der Sozialistischen Arbeiterpartei Spaniens (PSOE) verbunden war. Ihr Einfluss beschränkte sich hauptsächlich auf Madrid, die Biskaya und Asturien. 1907 wurde in Katalonien die Gewerkschaft Solidaridad Obrera gegründet. SozialistInnen und AnarchistInnen kämpften innerhalb der Solidaridad Obrera erbittert um Einfluss. Erstere wollten, dass sie sich der UGT anschloss. Schließlich setzen sich die AnarchistInnen durch und die Solidaridad Obrera ging in der 1910 ins Leben gerufenen Confederación Nacional del Trabajo (CNT) auf.
In Italien gab es bis 1908 SyndikalistInnen verschiedener Couleur innerhalb der Sozialistischen Partei (PSI). Arturo Labriola begegnete den Konfusionen Georges Sorels der sich zunehmend rechten und nationalistischen Ideen zuwandte, mit der Herausgabe der Wochenzeitschrift Avanguardia Socialista. die trotz ihres Namens einen beträchtlichen Teil der PSI-Mitglieder widerspiegelte, die sich als revolutionäre SyndikalistInnen verstanden. Sie waren die treibende Kraft hinter den Bemühungen, die Streiks der ArbeiterInnenklasse in den frühen 1900er Jahren zu vereinheitlichen. Doch 1905 spitzte sich der Konflikt zwischen den SyndikalistInnen, welche auf konzertierte Streiks als Mittel für revolutionäre Veränderungen setzten und der sozialdemokratischen Strömung, die Verstaatlichung mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel gleichsetzten, zu. Dies geschah vor dem Hintergrund eines gewaltsam niedergeschlagenen Generalstreiks der Eisenbahner gegen Verstaatlichungspläne (die ein Streikverbot vorsahen) und fünf Todesopfer gekostet hatte. Als Filippo Turati 1908 den Syndikalismus für unvereinbar mit dem Sozialismus erklärte, hatten die meisten SyndikalistInnen die PSI bereits verlassen. Im Jahr 1912 gründeten sie die Unione Sindacale Italiana (USI) als Alternative zur Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGL), die mit der PSI verbunden war.
Ausländische Kapitalinvestitionen und europäische Einwanderungswellen kurbelten die wirtschaftliche Entwicklung Argentiniens nach der Großen Depression von 1873 an. ArbeiterInnen aus Ländern wie Spanien, Italien und Deutschland brachten radikale Ideen und neue Formen der Organisierung mit und trugen zur Gründung der ersten ArbeiterInnenvereinigungen bei. In den 1890er Jahren scheiterten einige Versuche von SozialistInnen um die Zeitschrift El Obrero, einen ArbeiterInnenverband zu schaffen. Stattdessen entstand bald darauf die Partido Socialista Obrero Internacional. Schließlich wurde 1901 durch gemeinsame Anstrengungen von SozialistInnen, AnarchistInnen und GewerkschafterInnen die Federación Obrera Argentina (FOA) gegründet, der erste echte nationale Gewerkschaftsverband des Landes. Bereits 1903 führten jedoch politische Spannungen zur Abspaltung des gemäßigteren Flügels und zur Gründung der Unión General de Trabajadores (UGT). Ein Jahr später änderte die FOA ihren Namen in Federación Obrera Regional Argentina (FORA) und sprach sich für den „anarchistischen Kommunismus“ aus. Vor Ort arbeitete die FORA jedoch weiterhin mit der UGT zusammen und in den folgenden Jahren kam es zu einer Reihe von Spaltungen und Vereinigungsbemühungen zwischen den beiden Gewerkschaften.
Weitere bemerkenswerte Entwicklungen fanden in Schweden mit der Sveriges Arbetares Centralorganisation (SAC), in Uruguay mit Federación Obrera Regional Uruguay (FORU), in Brasilien mit Confederação Operária Brasileira (COB) oder in den Niederlanden mit dem Nationaal Arbeids-Secretariaat (NAS) statt.
Obwohl die syndikalistischen Gewerkschaften anfangs nicht unbedingt als rivalisierende Organisationen zur Zweiten Internationale selbst angesehen wurden (und ihre Mitglieder oft aktiv an ihrer Gründung beteiligt waren), gerieten sie ungewollt in Konflikt mit dem reformistischen Flügel der Sozialdemokratie, der im Syndikalismus eine Herausforderung für seine gradualistischen Orientierungen sah. Diese Feindseligkeit verschaffte den antiparlamentarischen und antipolitischen Positionen innerhalb der syndikalistischen Bewegung nur noch mehr Auftrieb. Die AnarchistInnen, die in den vorangegangenen Jahrzehnten mit Aufständen und individuellen Gewalttaten in Verbindung gebracht worden waren, wandten sich nun zunehmend dem Syndikalismus zu. Dieser anarchistische Einfluss bedeutete nicht, dass man sich einig war, nicht einmal in der Frage welche Rolle eine Gewerkschaft einnehmen solle: Die argentinische FORA erkannte zwar an, dass „eine Gewerkschaft lediglich ein wirtschaftliches Nebenprodukt des kapitalistischen Systems ist [...] sie nach der Revolution zu erhalten, würde bedeuten, das kapitalistische System, das sie hervorgebracht hat, zu bewahren“ (Pacto de Solidaridad, 1904). Doch andere sahen in den Gewerkschaften (bzw. Syndikaten) „die zukünftige Produktions- und Verteilungsstruktur und die Basis einer gesellschaftlichen Reorganisation“ (Charta von Amiens, 1906), um „die neue Gesellschaft in der Schale der alten“ (Präambel der IWW-Satzung, 1908) zu errichten, was an Bakunins Vorschläge für die Erste Internationale anknüpfte, nämlich eine expandierende internationale ArbeiterInnenvereinigung die schließlich den Staat ersetzen sollte. Das Erbe von Proudhons Mutualismus - eine Ausrichtung auf Föderalismus, Genossenschaften und Kreditgesellschaften auf Gegenseitigkeit - übte ebenfalls weiterhin einen gewissen Einfluss aus. Auf diese Weise stellte die syndikalistische Bewegung ein konfliktbehaftetes Zusammentreffen verschiedener marxistischer, bakuninistischer und proudhonistischer Positionen dar.
1901 wurde ein Internationales Sekretariat der nationalen Gewerkschaftszentralen (ISNTUC) gegründet, welches der Zweiten Internationale angeschlossen war. Auf seinen Kongressen prallten sozialdemokratische, syndikalistische und reformistische Standpunkte aufeinander. Daraufhin versuchten die niederländische NAS und die britische ISEL 1913 ein rein syndikalistisches internationales Zentrum zu organisieren und beriefen zu diesem Zweck einen internationalen syndikalistischen Kongress in London ein. Delegierte der deutschen FVdG, der schwedischen SAC und der italienischen USI nahmen an dem Kongress teil, ebenso beteiligten sich Mitglieder der spanischen CNT und der IWW, allerdings nicht als Delegierte mit einem offiziellen Mandat ausgestattet. Der Kongress gründete ein Internationales Syndikalistisches Informationsbüro, welches das von dem niederländischen Syndikalisten Christiaan Cornelissen ins Leben gerufene mehrsprachige Informationsbulletin übernahm. Die französische CGT, die größte und einflussreichste der syndikalistischen Gewerkschaften lehnte diese Initiative jedoch ab, da sie sich weigerte mit dem sog. Internationalen Sekretariat (ISNTUC) deren Gewerkschaften Millionen von Mitglieder zählten zu brechen. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zersplitterte die syndikalistische Bewegung weiter.
Krieg und Revolution
Angesichts des Ersten Weltkrieges brach die Zweite Internationale zusammen. Ihre einflussreichste Partei, die SPD, stimmte für Kriegskredite und stellte sich auf die Seite ihres eigenen Staates. Führende Gewerkschafter wie Carl Legien unterstützten den Krieg und das Internationale Sekretariat (ISNTUC) löste sich auf. Die syndikalistische Bewegung stand trotz ihrer radikaleren Absichten vor ähnlichen Problemen. Das Internationale Syndikalistische Informationsbüro wurde aufgelöst. Führende SyndikalistInnen wie bspw. Cornelissen sprachen sich für den Krieg aus, ebenso wie eine Minderheit innerhalb der italienischen USI und eine Mehrheit innerhalb der französischen CGT.
Die reformistische Minderheit von einst ist zur Mehrheit geworden. [...] Die alten Führer, die sich auf das Denken von Bakunin beriefen und für die Formeln von Proudhon warben, die die Konzepte von Georges Sorel oder von Kropotkin übernahmen, sprechen heute im Dialekt von Gompers.(5)
Doch genau wie es auch innerhalb der Zweiten Internationale Parteien gab, die sich weigerten, revolutionäre Perspektiven aufzugeben, Parteien, die angesichts des imperialistischen Krieges ihre internationalistische Gesinnung eher bekräftigten anstatt sie zu verwerfen - wie die russischen Bolschewiki, die bulgarischen Tesnyaki, die serbischen und die polnischen SozialdemokratInnen -, so gab es auch unter den SyndikalistInnen viele internationalistische Stimmen. Insbesondere die deutsche FVdG und eine Minderheit innerhalb der CGT lehnten den Krieg ab, ebenso wie die spanische CNT und die argentinische FORA (obwohl ihre Regierungen in diesem Konflikt neutral blieben). Einzelne Syndikalisten, wie Alexander Schapiro, waren Mitunterzeichner des „Internationalen Anarchistischen Manifests gegen den Krieg“ von 1915. SyndikalistInnen, die gegen den Krieg waren, organisierten Kongresse in Spanien (El Ferrol, April 1915) und Brasilien (Rio de Janeiro, Oktober 1915), während die französische CGT-Minderheit auch an der Zimmerwalder Konferenz teilnahm (auf der zum ersten Mal Vertreter nicht nur aus neutralen, sondern auch aus kriegführenden Ländern zusammenkamen). Alphonse Merrheim, einer der CGT-Delegierten und Unterzeichner der „Charta von Amiens“, vertrat damals jedoch eine pazifistische Haltung und kritisierte die revolutionären InternationalistInnen um Lenin und Karl Radek, die dafür plädierten den imperialistischen Krieg in einen Klassenkrieg zu verwandeln. Erst der Ausbruch der Russischen Revolution im Jahr 1917 sollte die Kluft zwischen dem revolutionären Flügel der Sozialdemokratie und den internationalistischeren SyndikalistInnen weiter aufbrechen.
In der Russischen Revolution spielten die Gewerkschaften eine relativ unbedeutende Rolle. Stattdessen standen die Fabrikkomitees und vor allem die ArbeiterInnenräte oder Sowjets, die 1905 von der ArbeiterInnenklasse hervorgebracht wurden, im Mittelpunkt. Nicht am Vorabend eines Generalstreiks, wie vom Syndikalismus theoretisiert, sondern durch diese Klassenorgane die sich zwischen Februar und Oktober über das gesamte damalige Zarenreich ausbreiteten und von ihrer eigenen Klassenpartei geführt wurden, stürzten die ArbeiterInnen nicht nur den Zaren, sondern auch die bürgerliche Kerenski-Regierung und nahmen die Macht selbst in die Hand. Nichtsdestotrotz stieß die Revolution auf große Resonanz in syndikalistischen Kreisen außerhalb Russlands, sogar in anarchistischen Kreisen, die in ihr den Anfang vom Ende des Krieges und eine Widerlegung der Sozialdemokratie sahen und sich diese zu eigen machten. Ein Aktivist der spanischen CNT erinnerte sich später:
Für viele von uns - für eine Mehrheit - war der russische Bolschewik ein Halbgott, der Träger der Freiheit und des allgemeinen Wohlstands [...] Der Glanz der russischen Feuersbrunst hat uns geblendet [...] Keiner der ein Anarchist war, verschmäht es, sich Bolschewik zu nennen?(6)
Die revolutionäre Welle, die durch die Ereignisse in Russland ausgelöst wurde, vereinigte die Avantgarde der ArbeiterInnenbewegung unter der Losung „Alle Macht den Räten“. In Deutschland begann die FVdG sogar, eine „Diktatur des Proletariats“ zu fordern (Karl Roche, Was wollen die Syndikalisten?, 1919), und kämpfte Seite an Seite mit der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Doch erst 1919 fand der Gründungskongress der Kommunistischen Internationale statt, die Lenin bereits 1914 für notwendig erklärt hatte. Und viele SyndikalistInnen schlossen sich ihr an:
Die Kommunistische Internationale hat in den Reihen der Syndikalisten - vielleicht anarchistische Syndikalisten, eher kommunistische Syndikalisten - die Elemente rekrutiert, die wir immer als „die Besten“ betrachtet haben und ohne die bestimmte Sektionen der Kommunistischen Internationale nicht existieren würden. In Amerika fand sie die meisten ihrer Kommunisten unter den Syndikalisten (William Foster, Andreychin, Bill Haywood, Crosby), unter den linken Sozialisten um The Liberator, die mit den IWW sympathisierten (John Reed, Max Eastman), unter den Anarchisten (Robert Minor, Bill Chatov). In England und Irland rekrutiert sie unter den Syndikalisten (Tom Mann, Jim Larkin, Jack Tanner) und in der syndikalistischen Bewegung der Shop Stewards' Committees (Murphy, Tom Bell, etc.). In Spanien findet sie unter den Syndikalisten und Anarchisten Joaquim Maurín, Arlandis, Andrés Nin, Casanellas und viele andere. In Frankreich schließlich schöpft die Kommunistische Internationale aus den Reihen der Syndikalisten diejenigen, die neben den neuen, aus dem Krieg hervorgegangenen Kämpfern nach Ansicht der KI einen entscheidenden Einfluss ausüben und den der von der alten Partei geerbten Sozialdemokraten, des veralteten Jaurèsismus und des nichtigen Guesdismus nach und nach beseitigen sollten.(7)
Als Reaktion auf die Wiederbelebung des sozialdemokratischen Internationalen Sekretariats (ISNTUC) aus der Vorkriegszeit welches nun als Internationaler Gewerkschaftsbund („Amsterdamer Internationale“) firmierte, gründete die Kommunistische Internationale 1921 ihre eigene Rote Gewerkschafts-Internationale (Profintern). Sowohl die spanische CNT als auch die amerikanische IWW wurden eingeladen beizutreten. Zu diesem Zeitpunkt verbreitete sich jedoch allmählich die Nachricht, dass in Sowjetrussland nicht alles so war, wie es schien. Die Rote Armee hatte den Bürgerkrieg zwar gewonnen, aber zu einem hohen Preis: Die Selbsttätigkeit der ArbeiterInnenklasse hatte sich verflüchtigt (und dort, wo sie noch Lebenszeichen von sich gab, wurde sie aktiv beschnitten), rivalisierende politische Gruppen wurden unterdrückt (einschließlich der SyndikalistInnen), und anstelle der Sowjets traf nun die Parteibürokratie alle wichtigen Entscheidungen, während überall Hunger und wirtschaftlicher Ruin herrschten. Das Scheitern der Revolutionen in Deutschland, Ungarn und Finnland führte dazu, dass Sowjetrussland isoliert wurde und nun Handelsbeziehungen mit kapitalistischen Ländern anstrebte. AnarchistInnen, die dem Bolschewismus immer skeptisch gegenüberstanden, fanden in diesen Tatsachen die Munition, die sie brauchten, um ihre Ideen zu bekräftigen. Die Tatsache, dass die Profintern der Kommunistischen Internationale untergeordnet werden sollte, war nur der letzte Sargnagel - die amerikanische IWW weigerte sich, ihr beizutreten, während die spanische CNT 1922 ihre Beteiligung zurückzog, obwohl in den Reihen beider Gewerkschaften weiterhin kommunistische Minderheiten aktiv waren.
In weiten Teilen der syndikalistischen Bewegung kam es nun zu Spaltungen aus ideologischen Gründen. Mitglieder der FVdG, die von der KPD-Führung unter Paul Levi enttäuscht waren, traten entweder in die Allgemeine Arbeiter-Union Deutschlands (AAUD) ein, die mit den LinkskommunistInnen der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) verbunden war, oder gerieten unter den Einfluss des Anarcho-Syndikalisten um Rudolf Rocker in der späteren Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD). Viele ArbeiterInnen traten aus der kompromittierten französischen CGT aus und gründeten den Vereinigten Allgemeinen Gewerkschaftsbund (CGTU), der zunächst von Anarcho-SyndikalistInnen dominiert wurde, aber bald unter den Einfluss der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) geriet. Auf diese Weise spaltete sich die Gewerkschaftsbewegung nach dem Krieg und der russischen Revolution in drei große internationale Zentren: die sozialdemokratische Amsterdamer Internationale, die kommunistische Profintern und die anarcho-syndikalistische Internationale Arbeiterassoziation (IWA). Letztere entstand 1922, als sich syndikalistische Gewerkschaften wie die italienische USI, die argentinische FORA, die deutsche FAUD und (ein Jahr später) die spanische CNT zusammenschlossen, diesmal unter dem Banner des „libertären Kommunismus“. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die syndikalistische Bewegung jedoch bereits im Niedergang, was auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen war: Das Abflauen der revolutionären Welle, die Beherrschung der ArbeiterInnenbewegung durch die Sozialdemokratie einerseits und bald auch durch den Stalinismus andererseits sowie das Aufkommen verschiedener autoritärer Regime, die versuchten, die Organisationen der ArbeiterInnenklasse zu zerschlagen und in den Staat zu integrieren. Der letzte Atemzug des Syndikalismus als Massenbewegung wurde in Spanien getan.
Mit der bemerkenswerten Ausnahme einiger englischsprachiger Länder, in denen das IWW-Modell beliebter war, wurde der Syndikalismus in den Jahren 1906–1914 hauptsächlich von der französischen CGT beeinflusst. Mit dem Bankrott der CGT während des Krieges änderte sich dies jedoch. Nun wurde die spanische CNT zur führenden Organisation innerhalb der anarcho-syndikalistischen IAA. Dies geschah nicht auf Anhieb. In den 1920er Jahren wurde die CNT durch die brutale Repression unter der Diktatur von Primo de Rivera in den Untergrund gezwungen. Erst in den 1930er Jahren, mit der Geburt der Zweiten Spanischen Republik, konnte sich die CNT neu organisieren und auf mehr als eine Million Mitglieder anwachsen, wodurch sie mit Abstand zur größten Gewerkschaft in der IAA wurde. Schon damals wurde sie jedoch durch einen internen Konflikt zwischen dem reformistischen Flügel um Ángel Pestaña, den sog. Treintistas (die schließlich ausgeschlossen wurden und ihre eigene parlamentarische Syndikalistische Partei gründeten) und dem aufständischen Anarchismus der Anarchistischen Föderation Iberiens (FAI) erschüttert. Im Januar 1932, Januar 1933 und Dezember 1933 kam es zu einer Reihe von lokalen Aufständen, bei denen jedes Mal der „libertäre Kommunismus“ ausgerufen wurde, und jeweils wenige Tage später durch das Eingreifen des republikanischen Staates niedergeschlagen wurde. Die Wirren dieser Zeit wurden mit dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs im Jahr 1936 nur noch deutlicher.
Wir haben uns an anderer Stelle ausführlicher mit dem Spanischen Bürgerkrieg befasst; hier können wir nur eine Zusammenfassung geben. Zwar illustrierten die selbstverwalteten Betriebe und ländlichen Kollektive, dass die ArbeiterInnen sehr wohl in der Lage waren, die Produktion zu übernehmen, doch Geld und die Lohnform konnte in einem einzigen isolierten Land nicht überwunden werden (ein Faktum, das Teile der CNT dazu veranlasste, aus der Not eine Tugend zu machen). Diese Experimente wurden zerschlagen, als die republikanische Regierung, die die AnarchistInnen trotz immenser Möglichkeiten nicht angetastet hatten, gegen sie vorging.(8) Die CNT-FAI trug durch ihren Eintritt in die republikanischen Regierung und ihre politische Kapitulation vor dem Antifaschismus (und der Unterstützung der sog. „Volksfront“) dazu bei, die ArbeiterInnenklasse in entscheidenden Momenten zu entwaffnen.(9) Teile der CNT-Basis lehnten dies ab, ebenso wie einige Stimmen innerhalb der IAA, die die „schwerwiegenden Fehler und Verrätereien, für die [die CNT-FAI] verantwortlich war“, anprangerten.(10) Genau wie es 1914 zum Bankrott der französischen CGT gekommen war kam es letztlich 1936 zum Bankrott der spanischen CNT. Der Syndikalismus erwies sich als nicht immun gegen eine Parteinahme für den bürgerlichen Staat. Dies zu verstehen erfordert eine tiefere Analyse des Charakters von Massenparteien und Gewerkschaften in der imperialistischen Phase des Kapitalismus.
Die marxistische Kritik
Es besteht kein Zweifel daran, dass die SozialistInnen, SyndikalistInnen und AnarchistInnen, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf die Seite ihrer eigenen bürgerlichen Staaten stellten, ihre Prinzipien verrieten. Bei dieser Erkenntnis stehenzubleiben würde jedoch auf eine rein idealistische Interpretation hinauslaufen. Es gab handfeste materielle Gründe die dazu führten. In den Jahren vor 1914 hatten es die ArbeiterInnen geschafft, ihre eigenen Massenparteien und Gewerkschaften aufzubauen, aber genau diese Organisationen integrierten sich schließlich in den kapitalistischen Staat. Dieser international ungleichmäßig verlaufende Prozess, der mit der Einführung der ersten Arbeitsgesetze begann und mit der Gewährung eines Rechtsstatus für Zusammenschlüsse von ArbeiterInnen (der sog. „Koalitionsfreiheit“) fortgesetzt wurde, gipfelte darin, dass die Gewerkschaften Teil des Regulierungs- und Planungsapparats des kapitalistischen Staates wurden. Wie wir oben gesehen haben, war der Syndikalismus sowohl ein Produkt als auch eine Reaktion darauf.
Ab den 1890er Jahren schuf der Kapitalismus dank seiner inhärenten Tendenz zur Akkumulation und Zentralisierung von Kapital eine Weltwirtschaft, in der die Volkswirtschaften nun in heftigem Wettbewerb zueinanderstanden. Der Staat wurde zunehmend in die Produktion und Verteilung einbezogen, während sich Monopole, Kartelle, Syndikate und Trusts ausbreiteten. Um zu überleben und ihre Mitglieder und ihr Eigentum zu bewahren, setzten die Massenparteien der ArbeiterInnen auf reformistischen Lösungen und versuchten, den Klassenkampf zu kontrollieren. Im Gegenzug wurden sie in Krisenzeiten aufgefordert, Regierungsämter zu übernehmen. Kapitalisten, die zuvor erbittert gegen Gewerkschaften gekämpft hatten, sahen nun die Möglichkeit, sie zur Disziplinierung der ArbeiterInnenklasse einzusetzen. Der Aufstieg von Unternehmens- und Staatsgewerkschaften, die die Interessen der sog. „Arbeitnehmer“ dem nationalen Interesse unterordneten, war der deutlichste Ausdruck dafür. Syndikalistische Gewerkschaften, die sich auf direkte Aktionen und den Generalstreik konzentrierten, konnten diese Tendenz nur eine Zeit lang aufhalten. Sie wurden entweder zerschlagen und durch rivalisierende nationale Gewerkschaftszentren verdrängt (wie es der amerikanischen IWW nach dem Ersten Weltkrieg erging) oder sie disziplinierten die ArbeiterInnenklasse schließlich selbst (wie die französische CGT während des Ersten Weltkriegs oder die spanische CNT während des Spanischen Bürgerkriegs). Nach dem Ausbruch der Krise in den 1970er Jahren, als der Keynesianismus zugunsten umfassender Angriffe auf die Lebensbedingungen der ArbeiterInnenklasse aufgegeben wurde, wurden auch die gewerkschaftsfeindlichen Gesetze ausgeweitet. Dies hat zwar allen möglichen „Basisgewerkschaften“ in neuen oder nicht mehr gewerkschaftlich organisierten Branchen Spielräume eröffnet, aber nichts an der grundlegenden Rolle geändert, die Gewerkschaften im Kapitalismus spielen.
Revolutionäre MarxistInnen haben immer klargestellt, dass Erstens eine Revolution die Eroberung der politischen Macht durch die ArbeiterInnenklasse beinhalten muss und Zweitens die Rolle der Gewerkschaften, wie radikal sie auch auftreten mag, darin besteht, den Verkauf von Arbeitskraft zu regeln und als Vermittler zwischen Arbeit und Kapital zu fungieren. Bereits in den 1860er Jahren, als Gewerkschaften in den meisten Teilen der Welt noch illegal waren, machte Marx folgende Beobachtungen:
Gewerkschaften tun gute Dienste als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals. Sie verfehlen ihren Zweck zum Teil, sobald sie von ihrer Macht einen unsachgemäßen Gebrauch machen. Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern, statt ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse, das heißt zu endgültigen Abschaffung des Lohnsystems.(11)
Marx war damals der Meinung, dass die Beteiligung von Gewerkschaften an einer politischen Bewegung dazu beitragen könnte, diese Beschränkungen zu überwinden. Zu diesem Zweck plädierte er für ihre Mitgliedschaft in der Ersten Internationale. Er hoffte, dass die Gewerkschaften die zuvor zugunsten lokaler wirtschaftlicher Kämpfe auf ein politisches Engagement verzichtet hatten schließlich zu einem Hebel im Kampf der ArbeiterInnenklasse gegen die politische Macht der herrschenden Klasse werden könnten. Etwa 40 Jahre später musste sich eine neue Generation von RevolutionärInnen mit einer verändernden Realität auseinandersetzen. Rosa Luxemburg kam in Hinblick auf die Rolle der Gewerkschaften zu folgendem Schluss:
_Die Gewerkschaften […] sind gar nicht imstande, eine ökonomische Angriffspolitik gegen den Profit zu führen, weil sie nichts sind als die organisierte Defensive der Arbeitskraft gegen die Angriffe des Profits, als die Abwehr der Arbeiterklasse gegen die herabdrückende Tendenz der kapitalistischen Wirtschaft._ […] In beiden wirtschaftlichen Hauptfunktionen verwandelt sich also der gewerkschaftliche Kampf kraft objektiver Vorgänge in der kapitalistischen Gesellschaft in eine Art Sisyphusarbeit. Diese Sisyphusarbeit ist allerdings unentbehrlich, soll der Arbeiter überhaupt zu der ihm nach der jeweiligen Marktlage zufallenden Lohnrate kommen, soll […] die herabdrückende Tendenz der wirtschaftlichen Entwicklung […] abgeschwächt werden. Gedenkt man aber, die Gewerkschaften in ein Mittel zur stufenweisen Verkürzung des Profits zugunsten des Arbeitslohnes zu verwandeln, so setzt dies vor allem als soziale Bedingung erstens einen Stillstand in der Proletarisierung der Mittelschichten und dem Wachstum der Arbeiterklasse, zweitens einen Stillstand in dem Wachstum der Produktivität der Arbeit […] – einen Rückgang auf vorgroßkapitalistische Zustände voraus. […] _Die Gewerkschaften erweisen sich somit als gänzlich unfähig, die kapitalistische Produktionsweise umzugestalten_.(12)
Als Reaktion auf den reformistischen Flügel der Sozialdemokratie, der einen allmählichen Übergang zum Sozialismus durch den Ausbau der parlamentarischen Demokratie, der Genossenschaften und der Gewerkschaften anstrebte, erkannten revolutionäre MarxistInnen, dass dies vielmehr zu einer allmählichen Anpassung an den Kapitalismus führen würde. Als sich Massenparteien und Gewerkschaften im Ersten Weltkrieg der Burgfriedenspolitik und der Union Sacrée anschlossen, waren es gerade diejenigen Organisationen, die sich im Kapitalismus keine relativ komfortable Existenz aufbauen konnten, die eine relativ kleine Mitgliederzahl und wenig oder gar kein Eigentum hatten, die tatsächlich an ihren internationalistischen Prinzipien festhielten. Die revolutionäre Welle, die in Russland ihren Anfang nahm, scheiterte letztendlich und die Kommunistische Linke musste sich kritisch mit den Gründen dafür sowie mit den Veränderungen auseinandersetzen, die sich nun innerhalb des Kapitalismus vollzogen. Unsere politischen Vorläufer begannen, die Idee der Bildung von Massenparteien insgesamt zu kritisieren und betrachteten die Gewerkschaften nicht mehr als „Schulen des Sozialismus“:
... in der gegenwärtigen Phase der totalitären Herrschaft des Imperialismus sind die Gewerkschaften ein unverzichtbares Werkzeug dieser Herrschaft, und zwar in einem Ausmaß, dass sie sogar Ziele verfolgen, die den Zielen der Bourgeoisie für ihren eigenen Erhalt und Krieg entsprechen. Daher lehnt die Partei die falsche Perspektive ab, dass diese Organisationen in Zukunft eine proletarische Funktion erfüllen könnten […] in denen die Partei Führungspositionen gewinnen müsse.(13)
Für uns in der IKT ist es die Selbstorganisation des Kampfes, die heute als echte „Schule des Sozialismus“ dient. Das bedeutet nicht, dass wir eine Gewerkschaftsmitgliedschaft prinzipiell ablehnen. Wir betrachten das als eine taktische Frage. Allerdings lehnen wir es ab, innerhalb des Gewerkschaftsapparats Posten und Führungspositionen einzunehmen. Stattdessen wir treten immer dafür ein, über den begrenzten Rahmen der Gewerkschaftsbewegung hinauszugehen – ob nun innerhalb oder außerhalb der Gewerkschaften. Die Ära der Massenparteien und Gewerkschaften als Instrumente zur Entwicklung des Klassenbewusstseins ist endgültig vorbei.
Heute sind die syndikalistischen Gewerkschaften, obwohl sie geografisch wohl weiter verbreitet sind als je zuvor, nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die größten von ihnen, die oft rechtlich anerkannt sind und weniger Wert auf Anarchismus legen (im Allgemeinen bezeichnen sie sich als „revolutionäre SyndikalistInnen“ oder auch „UnionistInnen“), haben höchstens ein paar Tausend Mitglieder. Andere, die oft nicht rechtlich anerkannt sind und eher anarchistische Ideen vertreten (für gewöhnlich unter dem Label „Anarcho-Syndikalismus“), sind hauptsächlich zu Propagandagruppen mit geringer Präsenz in den Betrieben geworden. Im Laufe der Jahre hat dieser Widerspruch zwischen der Aufnahme von mehr ArbeiterInnen in die Gewerkschaft unabhängig von ihrer politischen Einstellung und der Aufnahme von ArbeiterInnen, die mit bestimmten anarchistischen Prinzipien einverstanden sind, zu vielen Spaltungen geführt. Infolgedessen ist die internationale syndikalistische Bewegung in drei organisatorische Pole aufgeteilt:
-Die 1951 neu gegründete anarcho-syndikalistische IAA;
- Eine 2018 von der IAA abgespaltene Organisation namens International Confederation of Labor (ICL), die sich selbst sowohl als „revolutionär“ als auch als „anarcho-syndikalistisch“ bezeichnet.
- Die Überreste der industrieunionistischen IWW, von der sich einige Ortsverbände inzwischen der ICL angeschlossen haben.
Darüber hinaus führt der föderalistische Charakter dieser Gruppen in Kombination mit einer tief verwurzelten Abneigung gegen programmatische politische Diskussionen und Festlegungen dazu, dass eine Sektion oder Ortsgruppe derselben Organisation Ansichten vertreten kann, die im krassen Widerspruch zu anderen Ortsgruppen und Sektionen stehen, selbst bei so entscheidenden Fragen wie dem Internationalismus.
Als Reaktion auf solche Widersprüche haben einige Anarcho-SyndikalistInnen versucht, ihre Aktivitäten neu auszurichten, weg von Versuchen, dauerhafte wirtschaftliche Organisationen aufzubauen, bis hin zur Infragestellung der Bedeutung einer „Gewerkschaft“. In einer internen Debatte innerhalb der Solidarity Federation, der britischen Sektion der IAA, finden wir beispielsweise das folgende Argument:
Für uns ist eine revolutionäre Gewerkschaft notwendigerweise nicht dauerhaft, weil sie Ausdruck einer bestimmten Welle des Klassenkampfes ist. Sie kann den Kampf, dessen Ausdruck sie ist, nicht überdauern, ohne sich grundlegend zu verändern, ohne etwas Konterrevolutionäres zu werden, eben weil anarcho-syndikalistische Gewerkschaften durch militante Beteiligung, direkte Aktion, Solidarität und Kontrolle durch die Basis definiert sind. Die besondere Form solcher Gewerkschaften sind Massenversammlungen, die allen ArbeiterInnen (außer Streikbrechern und Managern) offenstehen, und bevollmächtigte abrufbare Delegierte, die Delegiertenräte bilden, um den Kampf zu koordinieren.(14)
Hier wird der Begriff „revolutionäre Gewerkschaft“ vielfach als Synonym für Streikkomitees, Massenversammlungen oder ArbeiterInnenräte verwendet. Diese Perspektive wurde letztendlich innerhalb der Solidarity Federation abgelehnt, weil sie, wir zitieren, „die Idee der revolutionären Gewerkschaften ablehnt“ und stattdessen die „marxistische Idee der spontanen Organisation der ArbeiterInnenklasse“ befürwortet und eine anarcho-syndikalistische Gruppe „einer kommunistischen Räteorganisation ähneln“ würde. Genau diese Fragen sollten sich jedoch SyndikalistInnen stellen, die über die Rolle der Gewerkschaften im letzten Jahrhundert nachdenken und die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen wollen.
Abschließend können unsere Differenzen mit dem historischen und modernen Syndikalismus wie folgt zusammengefasst werden:
In dem Maße, in dem „direkte Aktion“ ein Synonym für die Selbstorganisation der ArbeiterInnenklasse ist, haben wir keine Einwände. Wenn es jedoch heute auf einen voluntaristischen Aktivismus hinausläuft, also den Versuch politischer Minderheiten, das gegenwärtige Niveau des Klassenkampfes künstlich zu überhöhen, dann trennen sich unsere Wege. Wir machen auch keinen besonderen Fetisch aus dem Generalstreik, der nur eine Episode des Klassenkampfes ist.
Wir erkennen zwar an, dass im Verlauf des Klassenkampfes selbstverwaltete Betriebe entstehen können, lehnen jedoch die Vorstellung ab, dass Inseln der Selbstverwaltung im Kapitalismus schrittweise als Schritt in Richtung Kommunismus aufgebaut werden könnten. Es bleibt dabei, dass die ArbeiterInnenklasse nicht einfach die Fabrik besetzen kann, sondern die Macht ergreifen muss, um den Weg für den sozialen und wirtschaftlichen Wandel der Gesellschaft zu ebnen.
Die Rolle, die die syndikalistischen Gewerkschaften einst für sich in Anspruch nahmen, nämlich ArbeiterInnen unterschiedlicher politischer Überzeugungen und aus verschiedenen Sektoren in einer revolutionären Organisation zu vereinen, müssen klassenweite Organe (Streikkomitees, Massenversammlungen oder ArbeiterInnenräte) übernehmen, die in Ausnahmefällen des Klassenkampfes entstehen. Heute verstehen wir unter der „Eroberung der politischen Macht“ den Prozess der Zerschlagung des kapitalistischen Staates und der Ersetzung seiner Strukturen durch solche neuen klassenweiten Organe anstelle von Gewerkschaften (die immer durch ihre Mitgliedschaft eingeschränkt und an die Logik der Vermittlung zwischen Arbeit und Kapital gebunden sind).
Schließlich halten wir das Zusammenkommen von ArbeiterInnen als „Klasse für sich“ für unerlässlich, doch das allein reicht nicht aus: RevolutionärInnen müssen aktiv für die Verbreitung genuin kommunistischer und internationalistischer Perspektiven eintreten. Die politische Organisation oder zukünftige Internationale, die wir aufzubauen versuchen, muss in der Lage sein, ein kohärentes politisches Programm innerhalb der breiteren ArbeiterInnenklasse zu präsentieren. Eine solche politische Organisation kann weder eine Regierung im Wartestand sein, noch den Staat selbst ersetzen (wie sich das Massenparteien und bestimmte syndikalistische Gewerkschaften in der Vergangenheit vorstellten); sie muss ein revolutionärer Bezugspunkt bleiben, der alle Höhen und Tiefen des Klassenkampfes überdauert. (Dyjbas)
Anmerkungen:
(1) Ein Gerichtsurteil, welches die Legalität von ArbeiterInnenvereinigungen und das Streikrecht bestätigte.
(2) Die Knights of Labour waren eine 1869 in Philadelphia gegründete ArbeiterInnenvereinigung, die aus dem Schneiderhandwerk hervorgegangen war und sich zunehmend für Berufe des produzierenden Gewerbes öffnete
(3) Unter „craft unions“ versteht man kurzgesagt Berufsverbände bzw. sog Handwerksgewerkschaften, die strikt auf die jeweiligen Berufszweige orientiert waren.
(4) K. Marx, Lohn, Preis, Profit, MEW 16, S 152.
(5) So Boris Souvarine in seiner Schrift „Die internationale syndikalistische Bewegung“
(6) Manuel Buenacasa, El movimiento obrero español, 1928
(7) Boris Souvarine, Ausgestoßen, aber Kommunist, 1924
(8) „Sie haben gesiegt, Sie können bestimmen“, hatte der katalanische Regierungschef Lluis Companys gegenüber der Führung der anarchistischen Massengewerkschaft CNT erklärt, als der Militärputsch im Juli 1936 durch eine Aufstandsbewegung zurückgeschlagen worden war. Doch die AnarchistInnen machten wenig Anstalten, dem angeschlagenen Staatsapparat den Rest zu geben. „Freiheitlicher Kommunismus kommt jetzt nicht in Betracht. Lasst uns zuerst die Meuterei zertreten“ erklärte das katalanische Regionalkomitee der CNT. Die CNT blies auch den für den 23. Juli anberaumten Generalstreik ab. Am 26. Juli rief das katalanische Regionalkomitee die Mitglieder CNT auf „nicht weiter (zu) schauen“ als bis „zur Niederschlagung des Faschismus“. (Vgl. Joll, James: Die Anarchisten, Frankfurt a.M.- Berlin, o.J. Seite 1968)
(9) Das anarchistische Zentralorgan „Solidaridad Obrera“ feierte den Regierungseintritt „als den vorzüglichsten Tag in der Geschichte unseres Landes […] die Umstände haben das Wesen der spanischen Regierung und des spanischen Staates verändert. Die Regierung, das Instrument, das die Staatsorgane lenkt, hat aufgehört die Unterdrückungsgewalt gegen die Arbeiterklasse zu sein, wie auch der Staat nicht mehr das Gebilde ist, das die Gesellschaft in Klassen scheidet. Beide werden jetzt mit dem Eintritt der CNT das Volk noch weniger unterdrücken.“ (Vgl. Broue; Pierre/Temime, Emile: Revolution und Krieg in Spanien, Frankfurt 1968, Seite 156)
(10) Manuel Azaretto, Pendientes Resbaladizas, 1939
(11) K. Marx, Lohn, Preis, Profit, MEW 16, S. 152.
(12) Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution: marxists.org
(13) Politische Plattform der Internationalistischen Kommunistischen Partei, 1952
(14) Strategy & Struggle, Brighton Solidarity Federation, 2009
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