„_Wir werden die Krise als das neue Normale erleben_“ erklärte Friedrich Merz jüngst, um dann im Plauderton all das runterzubeten, was bei staatstragenden Charaktermasken allgemeinhin als adäquate Krisenlösung verhandelt wird: Weitere Schleifung des Asylrechts (bzw. dessen was davon noch übrig ist), Verschärfung der Migrationsgesetze, Steuererleichterung für Unternehmen auf der einen sowie Kürzungen beim Bürgergeld, Sozialleistungen sowie Löhnen und Renten auf der anderen Seite. Es gelte „_wieder wettbewerbsfähig_“ zu werden, was gleichzeitig auch verschärfte Aufrüstung und „_mehr Investitionen in unsere Sicherheit_“ voraussetze, um den „_wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen unseres Landes_“ in einer „_unübersichtlichen Weltlage_“ Nachdruck verleihen zu können. Etwas Pathos und Patriotismus dürften dabei selbstverständlich nicht fehlen: Ein „_gesundes Nationalbewusstsein_“ stünden der Politik für dieses „_großartige Land_“ ganz gut an, so Merz.

Alles in allem also erquickliche Aussichten. Bemerkenswert am ganzen Gequatsche von Friedrich Merz ist besonders ein Punkt: Der Umstand, dass selbst ein neoliberal gestrickter Vollpfosten wie Merz das Faktum der Krise nicht mehr ausblenden, sondern zur patriotischen Herausforderung hypostasieren muss – das „_neue Normale_“ eben. Die Zeiten in der die Krisenerscheinungen dieses Systems noch lapidar auf das Treiben „_unfähiger Politiker_“ oder „_gieriger Banker_“ heruntergespielt werden konnte, sind lange vorbei. Die Krise hat das System bis in seine letzten Fasern erfasst. Sie bestimmt unser Leben und entlädt sich weltweit in einer Reihe kriegerischer Konflikte. Das Verständnis der Entwicklungsdynamiken des globalen Kapitalismus, die dieser Krise zugrunde liegen und die die Gefahr eines verallgemeinerten Weltkrieges in sich trägt, ist eine wesentliche Grundvoraussetzung, um dem „_neuen Normalen_“ widerstehen zu können. Um die analytische Waffe der Kritik der politischen Ökonomie für die alltäglichen sozialen Auseinandersetzungen zu schärfen, starten wir ab dieser Ausgabe die Artikelserie „_Die ökonomischen Grundlagen des Kapitalismus_“, die sich eingehender mit den Triebkräften und Widersprüchen des globalen Kapitalismus auseinandersetzen wird.

„_Organizing_“, verbindende Klassenpolitik, „_Aufbau von Gegenmacht und kämpferischer Basisstrukturen_“ lauten die Schlagworte, wenn in der Restlinken, darüber diskutiert wird, dem Kapitalismus „_praktischen Widerstand_“ entgegenzusetzen und Strukturen zu schaffen, in die man auch „_normale Leute einbinden_“ könne. Geträumt wird dabei zuweilen von einer „_neuen sozialistischen Massenpartei_“ (zu der zu allem Unglück nun auch die sog. „_Links_“partei erkoren wird) und/oder in der verbalradikalen Variante von einer „_revolutionären Basisgewerkschaft_“, die je nach terminologischen Geschmack mit den Begriffen „_Syndikalismus_“, „_Unionismus_“ oder auch „_Anarcho-Syndikalismus_“ belegt wird. Gemeinsam ist diesen Konzepten die Vorstellung, dass es möglich sei, die gesamte Klasse oder zumindest größere Teile von ihr in einer verbindlichen Massenorganisation zusammenzufassen. Um unsere Kritik an solchen Konzepten zu verdeutlichen, lassen wir in dem Artikel „_Der Syndikalismus: Damals wie Heute_“ die Geschichte der radikalen Gewerkschaftsbewegung Revue passieren, um schließlich deren Widersprüche aufzuzeigen und unsere Ideen einer revolutionären Organisierung zur Diskussion zu stellen.

Der Begriff des Feminismus hat in den gesellschaftlichen Diskussionen der letzten Zeit vielfach Erwähnung, vor allem aber allerlei Verzerrung erfahren. Mal steht er inhaltsleer für alle möglichen Facetten der Identitätspolitik, mal wird er zum Popanz für die Propagierung einer autoritären Pflichtethik. Zum „_neuen Normalen_“ gehört nun mitunter auch, dass er vom Militarismus in Beschlag genommen wird. Angefangen von Annalena Baerbocks „_feministischer Außenpolitik_“ bis hin zu der bizarren Debatte, ob Frauen im Zuge einer Wiedereinführung der Wehrpflicht „_gleichberechtigt_“ den Kopf fürs Vaterland hinhalten sollen.

Eine der ersten, die die Fallstricke eines dem Kapitalismus behafteten Feminismus erkannte und schonungslos kritisierte, war die Kommunistin Alexandra Kollontai. Aus sozialistischer Perspektive und oft in einer Minderheitenposition in der männerdominierten revolutionären Bewegung ihrer Zeit setzte sich Kollontai intensiv mit der Frage auseinander, wie eine Befreiung aller Geschlechter erkämpft werden könne. Einer ihrer wohl interessantesten Schriften in dieser Hinsicht ist der Text „_Weg frei dem geflügelten Eros“,_ den wir in dieser Ausgabe unseres Wissens zum ersten Mal in deutscher Sprache publizieren. Trotz all seiner historisch bedingten Begrenzungen halten wir ihn nach wie vor für einen diskussionswürdigen Beitrag zum Thema sexuelle Befreiung.

Wir beschließen diese Ausgabe mit einer kritischen Würdigung des bekannten Astronomen Anton Pannekoek, der sich nicht zuletzt auch als revolutionärer Marxist einen Namen machte. Den Anlass dazu gab die mehr schlecht als recht zusammengeschusterte Textsammlung „_The Workers’ Way to Freedom & Other Council Communist Writings_ (1935-1954)“. Wie so oft in der linken Publizistik unserer Zeit bedient dieses von Robyn K. Winters herausgegebene Buch eher die Projektionsflächen bestimmte Szenespektren, anstatt dem Wirken des Marxisten Pannekoeks in seiner Zeit gerecht zu werden_._ Unser Rezensent geht daher intensiv auf das Wirken Pannekoeks im Kontext der Probleme der damaligen sozialistischen Bewegung ein, um schließlich die Begrenzungen von Pannekoeks theoretischen Beitrag zu skizzieren, aus denen sich heute – ganz im Sinne Anton Pannekoeks – wahrscheinlich das meiste lernen lässt.

Auch diese Ausgabe der SoB erscheint mit reichlich Verspätung. Das hat die üblichen Gründe: Bei der „_Kritik im Handgemenge_“ sind wir immer gezwungen Schwerpunkte zu setzen. Neben unseren regelmäßigen Onlinepublikationen und Interventionen mit unserer Flugschrift Germinal stellt uns die Herausgabe einer Zeitschrift wie die SoB, die den Schwerpunkt auf grundlegende theoretische Texte legt, vor große Herausforderung. Vor allem aber schlägt unser chronischer Mangel an Geld zu Buche. Damit das „_neue Normale_“ nicht dauerhaft weitergeht, enden wir daher mit dem üblichen Aufruf an unsere LeserInnen uns damit auszuhelfen, um so einen Beitrag zu seiner Abschaffung zu leisten.

--GIK

(64 Seiten – 5 Euro Bestellungen unter de@leftcom.org)

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