Eine linkskommunistische Kritik des Plattformismus – Zweiter Teil: Die Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union und ihre UnterstützerInnen

Im ersten Teil (leftcom.org) haben wir uns mit dem freien Territorium bzw. der sog. Machnowschtschina, die revolutionäre Bewegung in der Südukraine im Zeitraum von 1918-21 auseinandergesetzt. Sie war weder eine bäuerliche Konterrevolution, wie sie in der trotzkistischen und stalinistischen Propaganda dargestellt wird, noch die gelebte anarchistische Utopie. Vielmehr war sie Teil des blutigen Prozesses des Aufstiegs und Niedergangs der Russischen Revolution, der seinerseits Teil der revolutionären Welle der Nachkriegszeit war. Im zweiten Teil befassen wir uns schließlich mit der Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union oder kurz mit „der Plattform“, die später die plattformistische Strömung inspirieren sollte. Die 1926 in Paris verfasste und von einer Gruppe anarchistischer ExilantInnen um die Zeitschrift Dielo Truda (Sache der Arbeiter) - Nestor Machno, Pjotr Arschinow[1], Ida Mett[2], Isaak Gurfinkiel (alias Jean Walecki)[3] und Linsky - unterzeichnete Plattform war das Ergebnis einer kollektiven Reflexion über das Scheitern des Anarchismus während der russischen Revolution.

Die Plattform

Die AutorInnen der Plattform waren alle auf die eine oder andere Weise persönlich mit den revolutionären Ereignissen im ehemaligen russischen Reich, insbesondere in der Ukraine und in Polen, verbunden. Sie hatten alle mitangesehen, wie die anarchistische Bewegung trotz ihrer zeitweisen großen Selbstaufopferung nicht in der Lage war, der Situation als Ganzes gerecht zu werden. Auf jeden Anarchisten, der für die Sowjetmacht kämpfte, kam ein anderer, der die Prämisse des Klassenkampfes von vornherein ablehnte oder sogar die Idee der "freien Sowjets“ als "Etatismus" abtat.

„Am deutlichsten und eindrucksvollsten kam die Notwendigkeit einer allgemeinen Organisation in den Jahren der russischen Revolution von 1917 zum Ausdruck. Während dieser Revolution zeigte sich die anarchistische Bewegung eben äußerst zersplittert und verworren. Das allgemeine Organisationsdefizit trieb viele anarchistische Aktivisten zu den Bolschewiken; viele der Verbliebenen hält er in einem Zustand der Passivität, was die Entfaltung ihrer zuweilen kolossalen Kräfte hindert.“ (Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union, 1926)

Die Plattform versuchte, diese individualistischen und organisationsfeindlichen Fehler zu korrigieren, und forderte die „anarchistischen Organisationen, die es verstreut in verschiedenen Ländern der Welt gibt, sowie einzelne anarchistische Aktivisten dazu auf, sich in einem revolutionären Kollektiv auf der Basis der allgemeinen Organisationsplattform zusammenzuschließen.“ Obwohl ihr Bezugspunkt eher Bakunin und Kropotkin als Marx und Engels waren, ist der uneingestandene Beitrag der Autoren des Kommunistischen Manifests doch deutlich spürbar. Die Plattform stellt fest, dass wir in einer kapitalistischen Gesellschaft leben, die in zwei große Klassen gespalten sei: „das Proletariat im weitesten Sinne und die Bourgeoisie.“ Der Staat sei nur das „ausführende Organ der Bourgeoisie", und selbst die Demokratie „eine der Formen bürgerlicher Diktatur, trügerisch getarnt durch fiktive politische Freiheiten und Scheingarantien.“ Die Lösung für die Gewalt, die Ausbeutung, die Sklaverei und die Unterdrückung, die der kapitalistischen Gesellschaft innewohnen, sei die soziale Revolution. Tragende Kräfte dieser sozialen Umwälzung sei] „die städtische Arbeiterklasse, die Bauernschaft und teilweise die arbeitende Intelligenz.“ Nur durch den Klassenkampf könne eine freiheitliche und egalitäre kommunistische Gesellschaft erreicht werden, die auf dem Grundsatz beruht: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen".

Die Plattform verstand den Anarchismus (oder den libertären/anarchistischen Kommunismus) als ein Produkt der ArbeiterInnenbewegung und nicht als Ergebnis humanitärer Bestrebungen oder abstrakter Überlegungen von Intellektuellen. Sie übte auch Kritik an den anderen großen politischen Strömungen in der ArbeiterInnenbewegung jener Zeit. So bspw. an der Sozialdemokratie, die versuche, die Macht mit friedlichen Mitteln der Reform und der Wahlurne zu erobern, dabei aber niemals Erfolg haben würde, da die tatsächliche politische und wirtschaftliche Macht immer noch in den Händen der Bourgeoisie liege. Des Weiteren wurde argumentiert, dass diejenigen, die die Macht mit revolutionären Mitteln zu erobern suchten (Bolschewiki, linke SR), aber dennoch die Notwendigkeit eines "proletarischen Staates" sähen, am Ende nur die Grundlage der kapitalistischen Macht wiederherstellen würden. AnarchistInnen würden daher sowohl den „Staat und die Autorität" als auch die „Diktatur des Proletariats" und die „Übergangsperiode" ablehnen. Die Plattform äußerte sich auch zum Syndikalismus, der nicht als Gegensatz zum anarchistischen Kommunismus gesehen wurde, sondern als eine Form des Klassenkampfes, in dem Anarchistinnen und Anarchisten präsent sein sollten (sei es in anarchistischen oder nicht-anarchistischen Gewerkschaften). Im konstruktiven Teil lehnt die Plattform, die unter AnarchistInnen heute übliche Vorstellung ab, innerhalb des Systems Freiräume erkämpfen zu können:

„Der Aufbau der neuen Gesellschaft ist natürlich erst nach dem Sieg der Arbeiter über das heutige bürgerlich-kapitalistische System und seine Träger möglich. Es ist unmöglich, den Aufbau neuer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse in Angriff zu nehmen, ohne die Macht des Staates gebrochen zu haben, der das alte Sklavensystem schützt, und ohne dass sich die Arbeiter und Bauern die Industrie und Landwirtschaft des Landes durch die Revolution angeeignet haben.“

In den Arbeiter- und Bauernsowjets und Fabrikkomitees, wie sie in der Russischen Revolution entstanden sind, sah die Plattform „allgemeine (föderale) Organe für die Leitung und Verwaltung der Produktion. Von den Massen gewählt und stets unter ihrer Kontrolle und ihrem Einfluss, werden sie sich ständig erneuern und die Idee der wahren Selbstverwaltung der Massen verwirklichen.“ Sie forderte die Schaffung von Genossenschaften und die Einführung kommunaler und kollektiver Methoden in Industrie und Landwirtschaft, warnte jedoch davor, „Druck von außen" auf die Bauernschaft auszuüben. Hier spielten offenkundig die Erfahrungen mit den bolschewistischen „Kombeds“ („Komitees der armen Bauern“) eine Rolle. Doch die Erkenntnis, dass die Landwirtschaft letztlich kollektiv organisiert werden müsse, um zu verhindern, dass „private Landwirtschaft genauso wie das private Industrieunternehmen zum Handel, zur Anhäufung des Privateigentums und zur Wiederherstellung des Kapitals führt.“ Dies spiegelte auch die Schwierigkeiten wider, die die Machnowschtschina bei der Umgestaltung der sozialen Beziehungen auf dem Lande hatte. Die Plattform stellte auch fest, dass die „Bekämpfung der Strategie der Konterrevolution“ die bewaffneten Kräfte der Revolution dazu zwingen würde sich zu „einer vereinten revolutionären Armee zusammenzuschließen, die über einen gemeinsamen Oberbefehl und einen gemeinsamen operativen Plan verfügt.“ Nicht aus Prinzip, sondern um die Revolution zu verteidigen.

In Bezug auf die Art der revolutionären Organisation, die sie vorschlug (eine Allgemeine Anarchistischen Union), betonte die Plattform bekanntermaßen die Bedeutung der theoretischen und taktischen Einheit, der kollektiven Verantwortung und des Föderalismus. Um die Aktivitäten zu koordinieren, schlug sie ein „Ausführendes Komitee“ vor, das dem Kongress der Organisation verantwortlich war, sowie ein Sekretariat. Das Ziel der revolutionären Organisation sei es, zum „organisierten Initiator ihres Befreiungsprozesses zu werden.“ Dazu müsse die revolutionäre Organisation in den verschiedenen Organen aktiv sein, die von den Arbeitern und Bauern im Laufe ihres Kampfes geschaffen würden.

Dies sind die Lehren, die die AutorInnen aus der Russischen Revolution zogen, die sie als Konkretisierung der revolutionären Theorien verstanden, die bereits von Bakunin, Kropotkin und Malatesta entwickelt worden waren. Sie bemühten sich, die anarchistische Bewegung ihrer Zeit auf dieser Grundlage neu zu gruppieren, in Abgrenzung zum vorherrschenden „synthetischen Ansatz“ alle anarchistischen Tendenzen in einer losen Föderation zu vereinen. Im Februar 1927 wurde ein Organisationskomitee - bestehend aus Machno, Beniamin Goldberg (auch bekannt als Maxime Ranko oder Jerzy Borejsza[4]) und Chen (auch bekannt als Wu Kegang)[5] - für eine bevorstehende internationale Konferenz in Paris gewählt. Die Konferenz, aus der eine Internationale Union der Anarchisten hervorgehen sollte, fand bald darauf statt und wurde von russischsprachigen, polnischen, bulgarischen, italienischen, chinesischen und spanischen Anarchistinnen und Anarchisten besucht. Viele der Teilnehmer zögerten jedoch, dieser neuen Organisation beizutreten. Das Treffen wurde schließlich durch eine Polizeirazzia aufgelöst. Machno und Arschinow hatten etwas mehr Glück in der Union anarchiste communiste (UAC), der sie beitraten und die sie überzeugten, kurzzeitig die Plattform zu übernehmen. Kurzlebige plattformistische Gruppen entstanden auch in Italien und Bulgarien. In den 1930er Jahren war jedoch klar, dass der Plattformismus nicht die gewünschte Wirkung erzielt hatte. Wie wir im ersten Teil angedeutet haben, war die Machnowschtschina von Anfang an ein kontroverses Thema in anarchistischen Kreisen. Die Veröffentlichung der Plattform trug nicht dazu bei, diese Differenzen zu klären. Einige hielten sie für zu spezifisch auf die russischen Verhältnisse gemünzt, andere verurteilten sie rundheraus als einen Versuch von Machno und Arschinow, den Anarchismus zu „bolschewisieren". Volin und Gregori Maximoff - beide russische Exilanten, die an der Anarchistischen Föderation Nabat und später der Zeitschrift Dielo Truda mitgearbeitet hatten, übten ausführliche Kritik an der Plattform aus synthetisch-anarchistischer und anarcho-syndikalistischer Sicht. Aus ihren Erfahrungen mit der Russischen Revolution zogen sie eine entgegengesetzte, partei – bzw. organisationsfeindliche Schlussfolgerung. Führende anarchistische AktivistInnen aus der ganzen Welt - Malatesta, Camillo Berneri[6], Luigi Fabbri[7], Sébastien Faure[8], Max Nettlau[9], Marie Goldsmith[10], Alexander Berkman und Emma Goldman - äußerten sich in unterschiedlicher Weise ablehnend. Wir werden hier nicht auf die verschiedenen Kritiken eingehen; es genügt zu sagen, dass die Reaktion für die Plattformisten entmutigend war und zu einigen unangenehmen persönlichen Auseinandersetzungen beitrug.

Eine/r nach dem anderen gingen die ehemaligen GenossInnen Machnos aus politischen und/oder persönlichen Gründen auf Abstand zu ihm. Obwohl Volin die Plattform ins Französische übersetzte, lehnte er deren Schlussfolgerungen kategorisch ab, und ihre Zusammenarbeit endete. Machnos Frau, Halyna Kouzmenko, ließ sich von Machno scheiden und versuchte, in die UdSSR zurückzukehren (und kollaborierte dabei angeblich sogar mit dem Geheimdienst). Arschinow, verärgert und frustriert über die Reaktion der anarchistischen Bewegung auf die Plattform, sagte sich in den 1930er Jahren vom Anarchismus los und durfte dank Sergej Ordschonikidse (seinem ehemaligen Zellengenossen) wieder in die UdSSR einreisen. Er kam im Zuge der stalinistischen Säuberungen ums Leben. In den 1940er Jahren leitete Goldberg ( Jerzy Borejsza) schließlich die Kulturabteilung des stalinistischen Staates in Polen, während Chen ein Wissenschaftler der Genossenschaftsbewegung in Taiwan wurde. Auch Ida Mett und ihr Ehemann Nicolas Lazarévitch zerstritten sich mit Machno, blieben aber zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg aktive AnarchistInnen. Dielo Truda wurde bis in die 1950er Jahre herausgegeben, nun aber unter der Leitung des Anarchosyndikalisten Maximoff. Der isolierte, mittellose und gesundheitlich angeschlagene Machno korrespondierte in seinen letzten Lebensjahren mit den spanischen Anarchistinnen, ermutigte sie, die Führung der durch die Krise von 1931 ausgelösten Volksbewegung zu übernehmen, warnte sie davor, sich mit einer der politischen Parteien zu verbünden, und rief sie auf, „freie Sowjets" und „Bauerngewerkschaften" zu gründen. Er lebte nicht lange genug, um zu erleben, dass die CNT-FAI stattdessen der spanischen Regierung beitrat. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die organisatorischen Ansätze des Plattformismus von der Bildfläche verschwunden.

Plattformismus heute

In den 1950er Jahren belebte eine neue Generation von AktivistInnen, die die alten individualistischen und antiorganisatorischen Strömungen im Anarchismus satt hatten, den Plattformismus in einem völlig anderen historischen Kontext wieder. Unter dem Eindruck des Scheiterns der „libertären Revolution“ in Spanien spielte dabei das Dokument der Amigos de Durruti „Hacia una nueva revolución*“ (*„Hin zu einer neuen Revolution“) eine wichtige Rolle. In Frankreich schlossen sich anarchistische AktivistInnen der Zwischenkriegszeit, die in den Debatten um die Plattform auf der Seite Machnos standen, wie Louis Estève[11] und André Daunis[12], dem jungen Georges Fontenis[13] an. Sie waren mit den Individualisten in der Fédération anarchiste (FA) aneinandergeraten und bildeten eine geheime Fraktion, um sie aus der Organisation zu drängen (eine Methode, die möglicherweise von Bakunins eigener geheimer Internationaler Bruderschaft oder Allianz inspiriert war). Sie waren erfolgreich, auch wenn Fontenis dabei einen zweifelhaften Ruf erwarb. Im Jahr 1953 wurde die FA in die Fédération communiste libertaire (FCL) umgewandelt, deren theoretische Grundlage das Manifest des Libertären Kommunismus bildete. In Italien trennten sich die Gruppi Anarchici di Azione Proletaria (GAAP) von der Federazione Anarchica Italiana (FAI) auf einer sehr ähnlichen Grundlage. Die FCL und die GAAP gründeten daraufhin die kurzlebige Libertäre Kommunistische Internationale. Die FCL löste sich jedoch bald darauf auf: Die umstrittene Entscheidung, bei den französischen Wahlen zu kandidieren, spaltete ihre Mitgliedschaft, während ihre direkte Unterstützung der algerischen Unabhängigkeitsbewegung, die ihnen die Unterstützung von Daniel Guérin einbrachte, auf verstärkte staatliche Repressionen stieß (was zur Verhaftung von Fontenis führte). In den 1960er Jahren inspirierte die Organisation Révolutionnaire Anarchiste (ORA), der sich die von Fontenis und Guérin geleitete Mouvement communiste libertaire (MCL) anschloss, andere Gruppen in Großbritannien und in Italien dazu, die Plattform wieder zu entdecken.

In Uruguay wurde 1956 die Federación Anarquista Uruguaya (FAU) gegründet. Sie war eine breite Organisation, die Libertäre, Syndikalisten und radikale Liberale vereinte. Innerhalb der Organisation entbrannte eine Debatte darüber, ob sie einen klassenbasierten Ansatz (inspiriert von Bakunin und Malatesta) oder einen humanistischen Ansatz (inspiriert von Rudolf Rockers kürzlicher reformistischer Wende) verfolgen sollte. Die kubanische „Revolution" im Jahr 1959 war der Auslöser einer Spaltung. Die klassenkämpferische Fraktion unterstützte kritisch die Bewegung des 26. Juli von Fidel Castro, die Humanisten nicht. Erstere behielten den Namen FAU bei. Der uruguayische Staat bewegte sich allmählich auf eine Militärdiktatur zu, und 1967 wurde die FAU verboten, ging in den Untergrund, gründete ihre eigene paramilitärische Einheit (OPR-33) und öffnete sich weiter für eine „marxistisch-leninistische" Doktrin. Später wurde die FAU neu gegründet und kehrte zu anarchistischen Prinzipien zurück. Mit ihrem Modell der sozialen Integration in die „Volksbewegungen“ beeinflusste sie den späteren Especifismo. Ähnliche Gruppen entstanden in ganz Lateinamerika.

Heute ist die Idee, eine internationale politische Organisation zu bilden, losen Zusammenschlüssen und Netzwerken gewichen. Es gibt ungefähr zwei Strömungen, die sich auf den Plattformismus beziehen. Die eine hat sich der Praxis verschrieben, Gewerkschaften und sog. „Volksbewegungen“nach links" zu drängen, unabhängig von ihrem Klassencharakter. Viele der hier erwähnten Gruppen oder ihre Ableger schlossen sich 2001 im International Libertarian Solidarity Network zusammen, das sich 2005 zum Anarkismo-Netzwerk weiterentwickelte und in irgendeiner Form auch heute noch existiert. Diese Gruppen sind durch ihr formales Festhalten an den Ideen der Plattform verbunden, allerdings in Kombination mit all den Verwirrungen in Bezug auf die nationale Frage und die Gewerkschaften, die an den Trotzkismus erinnern. In den letzten 50 Jahren gab es keinen Mangel an solchen Gruppen: Unterstützung der algerischen oder kubanischen Unabhängigkeit (FCL und FAU), Illusionen in die Selbstverwaltung in Jugoslawien und Algerien (Guérin), die Federacion Anarquista-Comunista d'Occitania (FACO), die sich dem Separatismus verschrieb, die Workers Solidarity Movement (WSM), die 2009 im irischen Referendum über den Vertrag von Lissabon zu einem „Nein"-Votum aufrief, Sympathien für die PKK (Netzwerk Anarkismo) usw. Wenn überhaupt, dann zeigt dies, dass der Plattformismus trotz seiner Betonung des Klassenkampfes kein Allheilmittel ist, um das Klassenterrain, auf dem RevolutionärInnen stehen sollten, aus den Augen zu verlieren. Die andere Strömung schwankt zwischen „Syntheseanarchismus“ und Plattformismus, wobei auch Versatzstücke des Rätekommunismus und Ideen von Gruppen wie Socialisme ou Barbarie, Solidarity und Wildcat übernommen werden. (…)

Die Kommunistische Linke

Die Verfasser der Plattform waren nicht die einzigen RevolutionärInnen, die versuchten, politische Lehren aus den Erfahrungen der Russischen Revolution zu ziehen. Die Kommunistische Linke war ebenfalls Teil dieses Prozesses. Sie ging zunächst aus den revolutionären Elementen der Sozialdemokratie hervor, spielte eine Schlüsselrolle bei der Gründung der verschiedenen kommunistischen Parteien in der ganzen Welt, wurde aber nach und nach aus den Reihen der Dritten Internationale verdrängt, als die revolutionäre Welle abebbte. Ihre bemerkenswertesten Tendenzen entwickelten sich in Russland, Deutschland, den Niederlanden und Italien. Sie alle analysierten die neue Realität aus einer marxistischen Perspektive, kamen aber zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Wir haben kürzlich über die linken Bolschewiki um die Zeitschrift Kommunist berichtet, die bereits 1918 versuchten, für einen anderen Kurs der russischen Revolution einzutreten. Einige, wie Gabriel Miasnikow, setzten ihren Kampf außerhalb Russlands, im Exil, fort, wo er 1930 seinen eigenen Entwurf für die Plattform der Kommunistischen Arbeiterinternationale verfasste. In Deutschland und auch den Niederlanden bildete sich die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD), die sich nach der Niederlage der revolutionären Bewegung spaltete, was zur Infragestellung der Notwendigkeit einer Partei führte. In Italien hatte die Kommunistische Linke bis Mitte der 1920er Jahre eine einzigartige Vormachtstellung in der Kommunistischen Partei inne, um dann im Exil oder in faschistischen Gefängnissen zu landen, wo es ihr jedoch gelang, sich neu zu gruppieren, zunächst um Zeitschriften wie Bilan und Prometeo und dann in der Internationalistischen Kommunistischen Partei (PCInt), die im Zuge der Streiks am Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet wurde. Gerade der italienischen Linken verdanken wir in der IKT unsere lebendige organisatorische Verbindung zu den Kämpfen der Vergangenheit, ihren Lehren und Erfahrungen.

Was unterscheidet uns dann vom modernen Plattformismus? Wir wollen nur einige Punkte herausgreifen, die uns unterscheiden.

Autorität und Staat: Der kapitalistische Staat muss im Verlauf der Revolution zerschlagen werden, aber da das Fortbestehen von Klassen die Existenz einer staatlichen Struktur impliziert, werden die Arbeiterräte, die an seine Stelle treten, zwangsläufig gewisse "staatsähnliche" Funktionen ausüben, solange das Damokelesschwert der Konterrevolution noch über ihnen schwebt. Je isolierter und problematischer die Lage der revolutionären Bastion wird, desto mehr werden diese „staatsähnlichen" Funktionen wieder zur Geltung kommen. Sowohl Sowjetrussland (mit seiner Roten Armee und der Tscheka) als auch die Machnowschtschina (mit ihrer Revolutionären Aufstandsarmee und der Kontrrazvedka) sind dafür Beispiele. Im ersten Fall konnten sich diese Organe mit der Zeit der Kontrolle der ArbeiterInnenklasse vollständig entziehen, aber auch in der Machnowschtschina begannen sich die gleichen Probleme abzuzeichnen. Die einzige wirkliche Garantie für einen anderen Ausgang ist das Ausmaß und die Entwicklung des Klassenbewusstseins unter den ArbeiterInnenmassen selbst und die kontinuierliche Ausbreitung der internationalen Revolution.

Diktatur des Proletariats:Proletarischer Staat", „Arbeiterstaat", „Halbstaat", „Diktatur des Proletariats" - wenn damit die Macht der Arbeiterräte gemeint ist, ja, aber wenn damit eine von den Arbeiterräten unabhängige oder über ihnen stehende Macht gemeint ist, dann nein. In Sowjetrussland entwickelten sich das Sownarkom, die Rote Armee, die Tscheka und die Kommunistische Partei selbst zu letzteren. Hier stellt sich jedoch eine tiefgreifendere Frage: Was ist das revolutionäre Subjekt in der kapitalistischen Gesellschaft? Für uns ist es die ArbeiterInnenklasse, nicht weil sie notwendigerweise die am meisten „unterdrückte" Klasse ist, sondern wegen ihrer einzigartigen Stellung im Produktionsprozess als Produzentin des Mehrwerts. (Andere Teile der Gesellschaft sind nur in dem Maße revolutionär, wie sie sich mit einer ArbeiterInnenbewegung verbünden). In der Plattform hingegen, wie auch in der Machnowschtschina, werden die bäuerlichen Masen mit der Arbeiterklassen gleichgesetzt. In seinen letzten Lebensjahren begann der verzweifelte Machno sogar, den Aufstieg der Bolschewiki teilweise einem Teil der IndustriearbeiterInnenklasse anzulasten, der angeblich vom Staatskapitalismus profitiere, was ihn dazu brachte, den Begriff der „proletarischen Macht" selbst in Frage zu stellen. Heute existiert die Bauernschaft natürlich kaum noch als Klasse, aber die modernen PlattformistInnen haben ebenfalls versucht, das revolutionäre Subjekt zu erweitern, was dazu führte, alle Arten von „Volksbewegungen“ zu unterstützen.

Ünergangsperiode: Volin hatte in der Tat Recht als er argumentierte, dass die Plattform „das Prinzip der Übergangsperiode mit Worten leugne, es aber als Tatsache akzeptiere". Wenn der Aufbau einer neuen Wirtschaft und neuer sozialer Beziehungen erst dann wirklich beginnen kann, wenn der kapitalistische Staat aus dem Weg geräumt ist, dann folgt daraus, dass es sich nicht um ein unmittelbares Ereignis (am „Vorabend der Revolution") handelt, sondern um einen allmählichen Prozess, der zu jeder Zeit von günstigen materiellen Umständen abhängt. Ein weiteres Beispiel dafür ist, dass die Machnowschtschina trotz ihrer besten Absichten Geld und Lohnarbeit nicht abschaffen konnte. Die Klassengesellschaft, ein Produkt Jahrtausende langer menschlicher Entwicklung, wird nicht über Nacht verschwinden.

Die Partei: Obwohl die AutorInnen in der Plattform selbst den Begriff „Partei" vermeiden, stellen sie in der darauffolgenden Korrespondenz mit Volin klar, dass sie nach zwanzig Jahren revolutionärer Tätigkeit in der anarchistischen Bewegung nun die „Notwendigkeit einer neuen umfassenden anarchistischen Parteiorganisation erkennen, die auf einer einheitlichen Theorie, Politik und Taktik beruhe." Politische Organisation, revolutionäre Organisation, Partei - für uns laufen all diese Begriffe auf dasselbe hinaus. Was Machno mit der Anarchokommunistischen Gruppe Gulyai-Pole und Arschinow mit dem Nabat anstrebten, hofften sie nun in der Allgemeinen Anarchistischen Union zu verwirklichen. Für uns ist die bleibende Lehre der Russischen Revolution, dass die Partei keine Regierung im Wartestand ist, sondern ein zentraler politischer Orientierungspunkt im Kampf für eine neue Welt.

Die Bolschewiki - Von einem Werkzeug der Weltrevolution zu einem Werkzeug der Konterrevolution: Auch wenn das „totalitäre Potenzial", wie Serge es ausdrückte, vorhanden gewesen sein mag, war die bolschewistische Partei nie der Monolith im Sinne Stalins (bis sie mit Gewalt dazu gemacht wurde). Bis zum Fraktionsverbot und selbst unter einigen Oppositionströmungen Mitte der 1920er Jahre gab es unterschiedliche Auffassungen darüber, was unter Bolschewismus zu verstehen sei. Lassen wir einen anderen alten Bolschewiken zu Wort kommen: „Die Bolschewiki hatten keine Angst vor Kritik, vor Gegenkritik oder vor deren Folgen. Nieder mit allen Ikonen! Es gibt kein Verbot der Kritik in den Kongressen, Konferenzen, Orts- oder Zentralkomitees. Ganz im Gegenteil! ... Zwischen 1905 und 1917 durchlief diese bolschewistische Praxis den Schmelztiegel von drei Revolutionen. Die innere Struktur der Partei war streng an die lebendigen Kräfte der Revolution gebunden, und das führte zu den größten und glorreichsten Siegen, die die Welt je gesehen hat. Was hat dieser Bolschewismus mit der grotesken Parodie gemein, die Stalin, Bucharin & Co. aufführen?" (Miasnikov, Die letzte Täuschung, 1930)

Föderalismus: Der „Föderalismus" der Plattform mit ihren Exekutivkomitees und ihrer kollektiven Verantwortung unterscheidet sich nicht allzu sehr von dem, was wir unter "demokratischem Zentralismus" verstehen (die unteren Organe wählen alle höheren Organe und diese sind einer Vollversammlung der Organisation gegenüber verantwortlich, die kollektiven Entscheidungen sind für alle Mitglieder verbindlich). Auch die Machnowschtschina mit ihren Exekutiv- und Revolutionskomitees sowie den militärischen Revolutionsräten scheute nicht vor einer Zentralisierung zurück, wo dies notwendig war. Die Macht der ArbeiterInnenräte in der Übergangsperiode ist die Synthese aus Autorität und Freiheit.

Gewerkschaften und Selbstverwaltung: Die Rolle der Gewerkschaften im Kapitalismus hat sich im Laufe der Zeit verändert. Für uns waren die Gewerkschaften nicht nur nie revolutionär. Sie wurden im Verlauf der Geschichte zudem schrittweise in den kapitalistischen Staat integriert. Die Plattform ging noch von einem revolutionären Syndikalismus aus und ließ bewusst die Frage offen, ob die Produktion in Zukunft durch Gewerkschaften, Fabrikkomitees oder ArbeiterInnenräte organisiert werden sollte. Als sie 1926 geschrieben wurde und aus dem russischen Kontext heraus, in dem die Gewerkschaften erst vor relativ kurzer Zeit zu ständigen wirtschaftlichen Einrichtungen geworden waren, war dies verständlich und nachvollziehbar. Für die PlattformistInnen von heute gilt dies nicht. Auch die Frage der Selbstverwaltung (die im Kapitalismus mit Selbstausbeutung gleichzusetzen ist), die nur vage formuliert wurde, führte später zu Konfusionen.

Internationalismus: Ein unterbelichtetes Element der Plattform, das in anderen Artikeln von Machno („Einige Bemerkungen zur nationalen Frage in der Ukraine“, 1928) und Arschinow („Die Machnowisten und die nationale und die jüdische Frage“, 1923) ein wenig geklärt wurde. Entgegen der trotzkistischen und stalinistischen Propaganda war Machno kein Nationalist. Aber der regionale Charakter seiner politischen Aktivitäten in Gulyai-Pole und das Fehlen eines internationalistischen Akzents in dem Hauptdokument, für das er bekannt ist, der Plattform, lassen Raum für Interpretationen. Wir brauchen nur die verschiedenen Nationalanarchisten und ukrainischen Faschisten zu erwähnen, die Machno als Vertreter eines „Dritten Weges“ dargestellt haben, der sowohl gegen den Kapitalismus als auch gegen den Kommunismus kämpfte - was er nie war. Noch schlimmer ist, dass diese Zweideutigkeit in Bezug auf die nationale Frage zu einem Geburtsmerkmal der plattformistischen Tendenz wurde, als sie in den 1950er Jahren wiederbelebt wurde.

In den 50er Jahren führten unsere Genossinnen und Genossen der PCInt in Italien Diskussionen mit der GAAP, die damals eine Neuausrichtung auf den Marxismus anstrebte. In jüngerer Zeit haben wir in Großbritannien auch mit einer kleinen, kurzlebigen plattformistischen Gruppe aus Wales diskutiert. Letztlich ist aus diesem begrenzten Aufeinandertreffen der Perspektiven nichts Greifbares entstanden. Einige der Streitpunkte sind Fragen der Terminologie, andere stellen wirkliche Unvereinbarkeiten dar, die zum Kern der Spaltung zwischen Marxismus und Anarchismus führen und die nur durch das Wiederauftauchen einer echten Bewegung gelöst werden können.

[1] Pjotr Arschinow (1887-1938) war ursprünglich Mitglied der Bolschewiki, schloss sich jedoch dann den Anarchokommunisten an. Er lernte Machno im Gefängnis kennen, wo er ihn mit anarchistischen Theorien vertraut machte. In der Machno-Bewegung war er für Aufklärungs-und Pressarbeit zuständig. Lebte von 1921 in Berlin und später in Paris im Exil und verfasste das Buch „Geschichte der Machno-Bewegung“. 1934 kehrte er in die UdSSR zurück und wurde Anfang 1938 während der stalinistischen Säuberungen verhaftet und erschossen.

[2] Ida Mett (1901-1973) wurde als Ida Gilmann in kleinbürgerlichen Verhältnissen geboren. Während ihres Studiums ins Moskau kam sie ab 1917 in Kontakt mit anarchistischen Kreisen. 1924 wurde sie wegen anarchistischer Aktivitäten inhaftiert. Über Polen und Berlin gelang ihr schließlich die Flucht nach Paris, wo sie gemeinsam mit Nestor Manchno und Arschinow die Zeitschrift Dielo Truda heraugab und am Entwurf der Plattform mitarbeitete. Bekannt wurde sie durch ihr Buch „Die Kommune von Kronstadt“.

[3] Isaak Gurfinkiel, eher bekannt als Jean Walecki, wurde am 15. Mai 1905 in Warschau geboren. 1923 zog er nach Paris, wo er unter den polnischen anarchistischen Emigranten und in der Redaktion der Zeitschrift Dielo Truda aktiv war. Während seines Studiums der Literaturwissenschaft arbeitete er als Typograph bei einer russischsprachigen Zeitung. Bei dem Treffen im Kino Les Roses, bei dem der erste Entwurf der Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union ausgearbeitet wurde, übersetze der für Nestor Machno.

[4] Jerzy Borejsza (1905-1952) war zunächst in Polen in der linkzionistischen Hashomer Hatzair aktv, nährte sich jedoch schließlich anarchokommunistischen Positionen an. Aufgrund zunehmender Repressionen ging er nach Paris, wo er in anarchistischen Kreisen aktiv war und an der Dielo Truda mitarbeitete. 1927 ging er nach Polen zurück und trat dort der Kommunistischen Partei bei. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges floh er in die Sowjetunion und stieg dort im stalinistischen Apparat auf. Nach Kriegende war er in Polen ein führender stalinistischer Kader im Kulturbereich.

[5] Wu Kegang war in der anarchistischen Bewegung in China aktiv, ging dann aber nach Paris, um an der Sorbonne zu studieren. Er beteiligte sich an den Diskussionen und der Ausarbeitung der Plattform, musste dann aber aufgrund eines Ausweisungsbefehls wieder nach China zurückkehren. Dort war er im Bildungswesen und schließlich als Professor in Taiwan tätig.

[6] Camillo Berneri (1897-1937) wurde in Lodi geboren, trat dem sozialistischen Jugendverband bei, wandte sich dann aber anarchistischen Ideen zu. Wegen antimilitaristischer Aktivitäten während seiners Miltärdienstes erlitt er mehrfach Repressalien und wurde schließlich auf die Insel Pianosa verbannt 1920 beteiligte er sich aktiv an der Bewegung der Betriebsbesetzungen in Norditalien. Nach der Machtübernahme der Faschisten ging er ins Exil, wurde aber wegen politischer Aktivitäten sowohl aus Frankreich, Deutschland, Belgien und den Niederlanden ausgewiesen. Nach Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges ging er 1936 nach Barcelona und gründete dort die Zeitschrift Guerra die Classe. Berneri kämpfte als Mitglied der „Kolonne Francisco Ascaso“ an der Aragonfront. 1937 wurde er in der Nacht vom 5. Auf den 6. Mai von stalinistischen Agenten ermordet.

[7] Luigi Fabbri (1877-1935) wurde bereits im Alter von 16 Jahren wegen anarchistischer Aktivitäten verurteilt. Er verbachte mehrere Jahre in italienischen Knästen. Gemeinsam mit Malatesta gab er die Zeitschrift L`Agitazione heraus und war Delegierter auf internationalen anarchistischen Kongressen. Er verstarb 1935 in Uruguay.

[8] Sebastian Faure (1858-1942) trat nach seinem Studium der sozialistischen Partei bei, wurde jedoch bald darauf Anarchist. Gemeinsam mit Luise Michel gründete er die anarchistische Zeitschrift Le Libertaire und wurde während der sog. Dreyfus-Affäre zu einem der wichtigsten Unterstützer von Alfred Dreyfus. 1904 gründete er in der Nähe von Rambouillet eine Internatsschule, die sich der libertären Pädagogik verschrieb und bis 1917 bestand hatte.

[9] Max Nettlau (1865-1944) war ein Sprachforscher und Historiker des Anarchismus. Er trat zunächst während seines Studiums in England der Socialist League bei, begann sich dann aber für anarchsitische Ideen zu interessieren. Nettlau publizierte in internationalen anarchistischen Zeitschriften und verfasste Biografien über Michael Bakunin und Errico Malatesta. Sein Hauptwerk ist eine auf 7 Bände konzipierte Geschichte der Anarchie.

[10] Marie Goldsmith (1862-1933) war eine russisch-jüdische Anarchistin und enge Mitarbeiterin und Übersetzerin von Kropotkin.

[11] Louis Estève (1903-1887) begeisterte sich beriets als 14jähriger für die Russische Revolution, trat der Kommunistischen Partei bei und wurde schließlich Anarchist. Anfang der 20er Jahre zog er nach Paris, um den Beruf eines Maurers zu lernen. Gleichzeitig war gewerkschaftlich und als Sekretär der Anarchistischen Union tätig. Estève war ein entschiedener Anhänger der Organisationsplattform. Nachdem die Anarchistische Union 1930 von der Plattform abgerückt war, organisierte er die fraktionellen Aktivitäten einer plattformistischen Minderheit, was schließlich zu seinem Ausschluss aus der Anarchistischen Union führte. Während des Spanischen Bürgerkrieges organisierte Estève den Schmuggel von Waffe, Munition und zuweilen zerlegten Flugzeugteilen für die republikanische Seite. Während des Zweiten Weltkrieges als bekannter Antifaschist zeitweise interniert, beteiligte er sich nach seiner Freilassung an Widerstandsaktivitäten in Narbonne. In den 50er Jahren beteiligte er sich am Wiederaufbau der Anarchistischen Föderation und hatte wesentlichen Anteil diese durch fraktionelle Aktivitäten in die Fédération communiste libertaire (FCL) umzuwandeln, die sich an plattformistischen Ideen orientierte. Nach dem Zerfall der FCL trat er der PSU (Parti socialiste unifié) und 1972 schließlich der Sozialistischen Partei bei.

[12] André Daunis (1897-1985) trat einer anarchistischen Gruppe in Narbonne bei und war als anarchistischer Aktivist in der Region aktiv. Während des Zweiten Weltkrieges wegen politischer Aktivitäten interniert. In den 50er Jahren wirkte er zusammen mit Louis Estève in der Anarchistischen Föderation und später der Fédération communiste libertaire.

[13] Georges Fontenis (1920-2010) wurde in eine Pariser Arbeiterfamilie geboren und interessierte sich schon früh für revolutionär sozialistische Literatur. Mit 17 trat er der Anarchistischen Union bei. Während der deutschen Besatzung illegale politische und gewerkschaftliche Arbeit. Nach dem Krieg gehörte er zu den Gründern der Anarchistischen Union und beteiligte sich an mehreren LehrerInnenstreiks. 1948 versuchte er mit einigen spanischen AnarchistInnen ein Attentat auf den Diktator Franco zu verüben. Der Pan sah vor ein Flugzeug zu erwerben und damit die Yacht Francos in der Bucht von San Sebastian zu bombardieren. Dies scheiterte und Fontenis wurde 1951 in Zusammenhang mit dieser Affäre verhaftet, mangels Beweisen aber wieder freigelassen und konnte in den Schuldienst zurückkehren. Anfang der 50er Jahre verstrickte er sich innerhalb der Anarchistischen Föderation in fraktionelle Aktivitäten, um für eine plattformistische Ausrichtung zu streiten, was schließlich zu einer Spaltung und zur Gründung der Fédération communiste libertaire führte. Aufgrund seiner Methoden erwarb Fontenis in anarchistischen Kreisen den zweifelhaften Ruf eines „leninistischen“ und/oder „bolschewistischen“ Strippenziehers. Er verfasste ein manifest des libertären Kommunismus und war in der Folgezeit bis ins hohe Alter in mehreren anarchokommunistischen Gruppen aktiv. 1990 veröffentlichte Fontenis seiner Memoiren unter dem Titel L`autre communisme, histoire subversive du mouvement libertaire.

Anarchismus und Marxismus: leftcom.org

Anarchismus im Rückblick: leftcom.org

Der Kronstädter Aufstand: Einhundert Jahre Konterrevolution: leftcom.org Kronstadt,

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Wednesday, October 13, 2021